{"id":82,"date":"2014-12-04T08:23:24","date_gmt":"2014-12-04T06:23:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.tordas.de\/?p=82"},"modified":"2017-03-15T13:34:27","modified_gmt":"2017-03-15T11:34:27","slug":"expedition-nach-spitzbergen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tordas.de\/?p=82","title":{"rendered":"Expeditiontagebuch Spitzbergen"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-90\" src=\"http:\/\/www.tordas.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Karte-Spitzbergen-279x300.jpg\" alt=\"Karte Spitzbergen\" width=\"279\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.tordas.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Karte-Spitzbergen-279x300.jpg 279w, https:\/\/www.tordas.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Karte-Spitzbergen.jpg 351w\" sizes=\"auto, (max-width: 279px) 100vw, 279px\" \/>&#8222;Auch wenn ich ein ruheloser Vagabund bin, st\u00e4ndig auf der Flucht vor mir und auf der Suche nach neuen Abenteuern, so ruhen meine Gedanken doch immer bei euch, die Ihr zu Hause seid. Ihr gebt mir Kraft, Sicherheit, Trost, Liebe, Kritik oder Best\u00e4tigung. Aus dieser Quelle sch\u00f6pfe ich den Mut zu meinen Reisen. Ihr seid meine Heimat. Danke! &#8220;<br \/>\n(freie \u00dcbersetzung nach Kaptain Joe Isbj\u00f6rn 1693 &#8211; ?)<\/p>\n<h3>Logbuch Expedition Spitzbergen 2005<\/h3>\n<h4>19.04.05 Hamburg<\/h4>\n<p>Checklisten, Bestellungen, Einkauflisten, Schreibbl\u00f6cke und Zettel mit Unerledigtem, Absprachen, unendliche Maillisten, Genehmigungen, Antr\u00e4ge. Alles t\u00fcrmt sich irgendwo auf meinem Schreibtisch.<br \/>\nDie heisse Phase der Vorbereitung hat begonnen und aus einem chaotischen Haufen von losen Garnen beginnt sich langsam eine Sorgleine zu bilden, die uns auf diesem T\u00f6rn begleiten wird. Nach dem Werftaufenthalt im M\u00e4rz, bei dem u.a. der Bug eisverst\u00e4rkt und ein neues Echolot eingebaut wurde, ging es Schlag auf Schlag weiter und noch immer sind viele Sachen zu erledigen.<\/p>\n<p>F\u00fcr diesen T\u00f6rn wurde die ohnehin reichhaltige Ausr\u00fcstung um viele gr\u00f6\u00dfere Anschaffungen erg\u00e4nzt:<br \/>\nEine reffbare Fock, ein Schlauchboot mit Motor, eine digitale Kamera, zus\u00e4tzliche \u00dcberlebensanz\u00fcge, ein Waffenschrank mit Inhalt, 10g Seekarten und Seehandb\u00fccher, neue Spezialakkus&#8230;. Nicht, dass ihr denkt, ich h\u00e4tte die Dinge verschleppt, seit Oktober dreht sich alles nur um eins: Spitzbergen!<\/p>\n<p>So eine Reise erfordert einfach wesentlich mehr Vorbereitung als z.B. ein T\u00f6rn nach Shetland oder Orkney. Auch wenn wir als Segelprofis eine sehr routinierte Vorgehensweise haben &#8211; eine solche Expedition ist etwas Besonderes! Reisen in diese extremen Breiten werden ja nicht umsonst jahrelang geplant. Wir hatten ganze sechs Monate Vorlaufzeit!<\/p>\n<p>Es fing auch, wie alle echten Abenteuer, ganz harmlos an. An einem sch\u00f6nen Sommerabend im Juli 2004 kamen Freunde aus Berlin f\u00fcr einen Wochenendtrip nach R\u00fcgen an Bord der Tordas. Wir verbrachten einen sch\u00f6nen Abend in Wieck am Greifswalder Bodden und bei einem gem\u00fctlichen Glas Whisky nach dem Essen erz\u00e4hlte einer von den Wilts und ihrem Buch &#8222;Gefangen in der wei\u00dfen H\u00f6lle&#8220;, welches er sich aus unserer Bordb\u00fccherei entliehen hatte. Vom S\u00fcdpol diskutierten wir uns zum Nordpol hoch. Sp\u00e4t in der Nacht kam die Frage auf, wohin denn der Tordas- Sommert\u00f6rn n\u00e4chstes Jahr gehen w\u00fcrde? Ich sagte ehrlicherweise, dass ich noch keine Ahnung h\u00e4tte, als einer in die Runde rief: &#8220; Wie w\u00e4r&#8217;s denn mit Spitzbergen?&#8220;<br \/>\nNat\u00fcrlich wiegelte ich sofort ab, weil mir klar war, dass das eine Schnapsidee ist. Zu weit, zu lang, zu teuer und \u00fcberhaupt, wer ist so bescheuert und segelt im Sommer ins ewige Eis? Ist der Winter nicht schon lang genug?<br \/>\nSo war alles schnell wieder vergessen und die Zeit ging ins Land.<\/p>\n<p>Im September, ich wusste immer noch nicht wohin die Reise 2005 gehen sollte, fragte mich mein Freund Renke von der nordischen Segelschule, was denn nun geplant sei? So langsam musste ja der T\u00f6rnplan festgelegt werden, auch um die Termine f\u00fcr die Radarfahrten, das Skippertraining, Schwerwettertraining, die Gezeitenausbildungst\u00f6rns und was wei\u00df ich alles zu organisieren. Tja, wie gesagt, ich hatte keine wirkliche Idee, aber um erst mal Ruhe zum Nachdenken zu haben sagte ich einfach &#8222;vielleicht Spitzbergen&#8220;. Allgemeine Ruhe im Raum. Dann fielen die alles entscheidenden Worte:&#8220; DAS SCHAFFST DU NIE, v\u00f6lliger Bl\u00f6dsinn! Niemals in dieser kurzen Zeit! Die &#8222;Dingens&#8220; mit Ihren vielen Helfern bereiten Ihren T\u00f6rn schon zwei Jahre vor, und haben noch sooo viel zu tun! Du hast ja keine Ahnung, was f\u00fcr ein Aufwand das ist, da kann man nicht so einfach hinsegeln, das rechnet sich nie!&#8220;<\/p>\n<p>Da sa\u00df der Stachel im Fleisch! Das schaffst du nie! Von wegen, das wollen wir doch mal sehen! Schlie\u00dflich bin ich Spezialist f\u00fcr &#8222;Dahin wo andere nie hinkommen&#8220;. Das w\u00e4re ja gelacht! Und muss sich immer alles rechnen? Gibt es nicht auch andere Werte? Muss man nicht einfach ab und zu etwas Verr\u00fccktes unternehmen? Merkt man nicht gerade dann, wenn man &#8222;Unvern\u00fcnftiges&#8220; tut, wie wunderbar das Leben in dieser Welt ist?<\/p>\n<p>Nach einer Woche Recherchen war alles klar &#8211; das schaffe ich nie! B\u00fcrokratie, Sachkundeschulungen f\u00fcr Waffen, Waffenbesitzkarte beantragen, Sondergenehmigungen, um Gebiete zu betreten, in denen die eigenen Fu\u00dfspuren noch zu sehen sein werden, wenn man selbst schon l\u00e4ngst zu Staub zerfallen ist &#8211; falls man nicht vor Ort vom Frost konserviert wird. Alles Dinge, mit denen sich Segler sonst nicht herumschlagen m\u00fcssen. Und alles Dinge, die viel, viel Zeit in Anspruch nehmen! Und die hatten wir ja eben nicht. Die ganze &#8222;Waffengeschichte&#8220; hat letztendlich nur durch die Hilfestellung und wirklich einmalig schnelle Bearbeitung der Ordnungsbeh\u00f6rde in Husum geklappt. Aber Gl\u00fcck geh\u00f6rt eben auch zu einer gelungenen Seereise.<br \/>\nJetzt f\u00fchle ich mich ausgepowert, aber in zehn Tagen geht&#8217;s los, die Eissituation ist gut und die Vorfreude w\u00e4chst &#8211; der Lohn der M\u00fchen r\u00fcckt in Sichtweite. Endlich!<\/p>\n<p><em>Jogi<\/em><\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Anreise Sonntag, 01.05.05.<\/h4>\n<p>Sonntag? Warum startet man eigentlich am Sonntagabend einen T\u00f6rn? Die L\u00f6sung hei\u00dft: Gl\u00fcckstadtwettfahrt! Tordas ist ja nicht nur &#8222;Lustyacht&#8220;, wie unsere Nachbarn so sch\u00f6n sagen. Neben Ausbildungst\u00f6rns, Expeditionen und Seminarfahrten ist er auch ab und zu Start- und Zielschiff, z.B. bei der Gl\u00fcckstadtregatta. So bin ich schon seit Freitagnachmittag unterwegs. Von Harburg nach Wedel, am Samstag nach dem Start nach Gl\u00fcckstadt und am Sonntag wieder zur\u00fcck nach Wedel. Um 18.00 Uhr ist die Regatta zu Ende. Freundschaftlich verabschiede ich mich von der Wettfahrtcrew. Jetzt schnell mit &#8222;Seehund&#8220; Sheila eine Runde drehen, sie kam n\u00e4mlich schon mit mir an Bord, dann ab unter die Dusche. Geschafft! Just in time liegt Tordas klar Schiff und fertig ausger\u00fcstet f\u00fcrs gro\u00dfe Abenteuer in Wedel an der Kai.<\/p>\n<p>Logbuch Elke: &#8222;Gegen 20:00 Uhr treffen wir uns im Yachthafen am Schiff. Jetzt ist es so weit. Die M\u00fchen der so kurzen Vorbereitungszeit liegen hinter uns. Haben wir tats\u00e4chlich alles vorbereitet und nichts vergessen? Ich komme heute an Bord und begr\u00fc\u00dfe unsere auch gerade angereisten Mitsegler der ersten Etappe von Hamburg nach Trondheim. Wir tragen eine Unmenge Taschen und Proviant aufs Schiff. Unseren G\u00e4sten ist die Vorfreude anzusehen. Alle sind ein wenig aufgeregt. Wasser hatte Jogi bereits gebunkert und auch noch Diesel getankt. Nachdem alle eine Koje gefunden und sich eingerichtet haben, legen wir auch sofort mit Hochwasser 22:14 Uhr und ablaufender Tide Richtung Cuxhaven ab. Tonnenz\u00e4hlend fahren wir Elb- abw\u00e4rts. Es ist bedeckt und daher schnell dunkel geworden. Ab Mitternacht tauchen \u00fcber Land voraus Wetterleuchten und sp\u00e4ter erste Blitze auf. Angesagt war Gewitter mit bis zu 8 Windst\u00e4rken. Um 1:00 ist klar, dass wir uns wasserdicht verpacken m\u00fcssen. Also Segeljacke, Hose, Gummistiefel.<br \/>\nAm Himmel voraus ein Leuchten, unglaublich. Das Schauspiel ist einfach \u00fcberw\u00e4ltigend. Wir alle sind nun etwas angespannt. Ich f\u00fcr meinen Teil traue dem Faradayschen K\u00e4fig, unserer Stahlketsch, nicht wirklich \u00fcber den Weg. Aber als nach kr\u00e4ftigem Donnerschlag Hagel und dann Regen runterprasseln, bin ich unter Deck und Jogi und Frank halten mit Brille ausger\u00fcstet drau\u00dfen tapfer die Stellung. Die volle Ladung bekommen wir denn doch nicht ab. Gut so!<\/p>\n<p>Hinter der Front taucht ein klarer Sternenhimmel auf und die Anspannung f\u00e4llt bald wieder von uns ab. Es ist sch\u00f6n, in der Nacht zu fahren. Wie vor dem Sturm sind wir nun umgeben von Windstille, fast meditativer Ruhe, abgesehen vom Ger\u00e4usch unseres Diesels.<\/p>\n<p>Mann, ist das eine Lightshow! Unglaublich! \u00dcber Brunsb\u00fcttel Elbe Traffic erkundigen wir uns \u00fcber die Ausdehnung und Zugrichtung der Gewitterwolken. Mit Ihren Radaranlagen entlang der Ufer \u00fcberblicken die Lotsen in der Verkehrszentrale die Situation. Auch sie sind beeindruckt von der unglaublichen Anzahl von Blitzen. Aufgewachsen im Schwarzwald und am Bodensee bin ich so einiges an Unwetter gewohnt, aber an ein derartiges Blitzlichtgewitter kann ich mich nicht erinnern. Daf\u00fcr ist die Ausbeute an Wind, Regen und Hagel gl\u00fccklicherweise sehr mager.<br \/>\nGute Dienste leisten uns in solchen F\u00e4llen die bordeigenen Kunststoffschutzbrillen aus dem Baumarkt. Den Kopf mit Windstopper und S\u00fcdwester oder Kapuze wie Bankr\u00e4uber, \u00e4h &#8211; ich meine wie Piraten vermummt, sch\u00fctzen sie<br \/>\ndie Augen vor Wind, Hagel und Regen. Die Sicht ist eine Weile \u00e4hnlich gut wie in einem mit schwarzer Watte gef\u00fcllten K\u00fchlschrank,aber nach zwei Meilen sind wir durch.<\/p>\n<p>Mit dem letzten Ebbstrom schwappen wir im Morgengrauen nach Cuxhaven rein. M\u00fcde und zufrieden gehen wir in die Kojen, wenn in ein paar Stunden der Strom wieder kentert, wollen wir wieder los.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Stavanger &#8211; Bergen, Dienstag 10.05.05<\/h4>\n<p>Sagenhaft wie hartn\u00e4ckig der Wind von vorne kommen kann. Seit zehn Tagen Nordwest, so um die 6 &#8211; 7, in B\u00f6en 8. Aber jetzt ist es<br \/>\nnicht mehr so ungem\u00fctlich, hier im gesch\u00fctzten Innenfahrwasser vor Norwegens Fjordlandschaft. Den einen hat es Spass gemacht, bei drei Meter Nordsee-Hackwelle mit bis zu 8 Knoten hoch am Wind durch die stockdunkle Nacht zu reiten, die anderen sind froh, dass es vorbei ist. Aber alle haben gelernt, wie man mit &#8222;Schwerwetter&#8220; umgeht, was man macht, was nicht und wie es funktioniert .<br \/>\nReffen, Kochen, Verschlusszustand, Navigation, Notrolle, Wachrhythmus, Wellen aussteuern usw. Am zweiten Tag haben auch alle<br \/>\neingesehen, dass die bordeigenen \u00dcberlebensanz\u00fcge doch ganz klare Vorteile gegen\u00fcber der tollsten, teuersten, besten,<br \/>\natmungsaktiven neuerworbenen Segelkleidung haben. Das wichtigste &#8211; sie sind trocken und wasserdicht, auch wenn man doch mal \u00fcber<br \/>\nBord gehen sollte, man unterk\u00fchlt nicht.<br \/>\nJetzt erholen wir uns beim Sund-Segeln. Ein erster H\u00f6hepunkt der Reise. Norwegen, das Land der Fjorde, atemberaubend sch\u00f6n,<br \/>\nkaum zu beschreiben, man muss es einfach gesehen haben. Strahlender Sonnenschein begleitet uns seit drei Tagen, w\u00e4hrend wir<br \/>\numzingelt von steilen Felsw\u00e4nden durchs ruhige Wasser segeln. Am Hardangerfjord gl\u00e4nzt der Folgefonn, Norwegens zweitgr\u00f6\u00dfter<br \/>\nGletscher \u00fcber den Gipfeln. Heute erreichen wir Bergen. Direkt an Bryggen, dem weltber\u00fchmten h\u00f6lzernen Hanseviertel machen wir fest. Wie viele Koggen m\u00f6gen hier fr\u00fcher gelegen haben?. Hier braucht man kein Museum um sich eine Vorstellung der Hansezeit zu machen, hier erlebt man die Hanse, seit dem Mittelalter hat sich hier nichts ver\u00e4ndert.<br \/>\nNacheinander suchen wir die einzige Dusche auf, &#8211; welch ein Genuss! Nachmittags fahren wir mit Sightseeingbus und Seilbahn auf den Ulriken, Bergens Hausberg. Lange geniessen wir das fantastische Panorama. Wohlgemut beschliessen wir zu Fuss abzusteigen. Weg w\u00fcrde man diesen Steilen Pfad in Deutschland nicht nennen und mit Sicherheit w\u00e4re das Betreten wegen Lebensgefahr verboten. Teilweise liegen noch Haufen mit grossen Hagelk\u00f6rnern am Hang, Reste der m\u00e4chtigen Gewitterwolke, welche wir am Vorabend am Horizont vor uns gesehen haben. Gl\u00fccklicherweise waren wir gestern nicht hier! Obwohl wir absteigen, wird uns am sonnigen Hang recht warm und jeder rutscht mal aus und landet mit den guten Klamotten im Dreck. Gut, dass wir uns vorher extra landfein gemacht haben. Verschwitzt und verdreckt kommen wir an der Talstation an, na ja, es bleibt noch etwas Zeit und bis der Bus f\u00e4hrt sehen wir schon wieder ganz manierlich aus. Nach einer kleinen Stadtrunde erreichen wir das Schiff just in time, um einer historischen Feuerl\u00f6sch\u00fcbung beizuwohnen. Mit Pferdewagen, traditionellen Uniformen, Oldtimern und Unmengen von Wasser wird ein Spektakel aufgef\u00fchrt, das stark an Spiel ohne Grenzen erinnert und nicht zuletzt den Akteuren einen Heidenspass macht.<br \/>\nIch verlasse den Trubel und gehe noch ein wenig durch die leeren G\u00e4nge zwischen den verschachtelten Hanseh\u00e4usern. Es riecht nach<br \/>\nTeer und Fisch. Eine schwarze Katze sitzt vor mir auf den Holzdielen und blickt zur Kai. Ich folge ihrem Blick und sehe die alten<br \/>\nFischerboote, die den Langbooten der Wikinger \u00e4hneln, im Hafen. Ich setze mich hin und kraule die Katze eine Weile. Rumms! Eine<br \/>\nT\u00fcr fliegt auf und ein kleiner w\u00fctender in bunte T\u00fccher geh\u00fcllter Mann st\u00fcrmt davon. Langsam erhebe ich mich und gehe zu der noch<br \/>\nschwingenden T\u00fcr. Ich riskiere einen Blick durch den Spalt und erblicke eine Reihe \u00e4hnlicher Gestalten, die im Schein von Tranlampen in dem rauchschwangeren Raum stehen. Sie diskutieren im bergener Dialekt, dieser Mischung aus Althochdeutsch, Hafenenglisch, Norwegisch und Kauderwelsch. Fasziniert lausche ich an der T\u00fcr. Geh\u00f6rt das zu der L\u00f6sch\u00fcbung? Nein, es geht um Fische, Salz, Waren und Geld. Man wartet auf ein Schiff, das von S\u00fcden kommen soll, mit Salz und G\u00fctern f\u00fcr die Fischer. Diese warten mit ihren Booten, in denen der Hering gammelt, im Hafen. Das Salz wird dringend erwartet, um die Fische in F\u00e4sser zu legen. Zwei Schiffe sind schon ausgeblieben! Die Stimmung ist aggressiv. Gestern ist es im Wirtshaus wieder zu Gewaltt\u00e4tigkeiten gekommen, zwei Fischer und drei Burschen der Hanse wurden erschlagen. Es sollen Piraten in der Ostsee unterwegs sein. &#8222;Vitalienbr\u00fcder&#8220; werden sie genannt. Die Stimmung wird von Tag zu Tag schlechter. Man bef\u00fcrchtet, die Fischer werden die Stadt brandern, wenn man ihnen den Fisch nicht wie versprochen abnimmt. Noch mauern die Kaufleute, nur einer hat genug, er will den Fisch kaufen. Er ist rausgerannt. Die anderen im Raum haben Angst, wollen den Fisch erst kaufen, wenn das Salz kommt, sonst ist er wertlos. Jemand rennt den Gang entlang. Ich erstarre. Er schl\u00e4gt mir die T\u00fcr vor den Kopf und verschwindet im Raum. Benommen bleibe ich stehen. Es ist ein Laufbursche, ein Bote. Er kommt vom Berg runter. Dort hat man eine Kogge im Sund gesichtet, die von S\u00fcden kommt. Tiefbeladen h\u00e4tte sie Kurs auf Bergen. Die Fischer w\u00fcssten noch nichts von der Kogge, aber ein Kaufmann w\u00fcrde bereits allen Fisch am Hafen kaufen. Ausserdem w\u00fcrde hinter der T\u00fcr spioniert. Aufruhr! Alle st\u00fcrmen gleichzeitig zur T\u00fcr. Ich schlage dem ersten die T\u00fcr vor den Kopf und renne so schnell ich kann davon, zur Kai, dort wo die Fischerboote liegen \u2013 aber halt,- nein es ist Tordas der da liegt! Die Fischerboote sind verschwunden. Schweiss gebadet erreiche ich das Schiff und drehe mich nach meinen Verfolgern um. Aber, &#8211; dort sitzt nur die Katze in der Sonne und blinzelt mich an, der Spuk ist vorbei. Gem\u00fctlich lassen wir den Abend ausklingen. Den Gutenachtspaziergang mache ich lieber mit Bordhund Sheila. Die vertreibt die wunderlichen Katzen von Bergen!<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen wird eingekauft. Warme M\u00fctzen und Socken f\u00fcr den hohen Norden, Obst und Gem\u00fcse und nat\u00fcrlich schauen wir<br \/>\nauch beim gut sortierten Schiffsausr\u00fcster vorbei. Postkarten werden geschrieben, noch ein letzter Spaziergang mit Bord&#8220;See&#8220;hund&#8220; Sheila und weiter geht&#8217;s Richtung Alesund. Wir lassen alle die Seele baumeln und geniessen die vorbeigleitende Berglandschaft. Sp\u00e4ter wird das 25 PS Schlauchboot f\u00fcr Fjordausfl\u00fcge vorbereitet.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Trondheim, Sonntag 15.05.05<\/h4>\n<p>Die letzten Tage gab es Fjorde satt. Diese archaische Landschaft hat alle in ihren Bann gezogen, majest\u00e4tische Berge senkrechte Felsw\u00e4nde, die sich unter Wasser so weit erstrecken wie dar\u00fcber. Trotz dem strahlenden Sonnenschein hier unten liegt oben immer mal wieder Neuschnee. Alle sind begeistert wie sich Tordas fast ger\u00e4uschlos durch die manchmal sehr engen Spalten zwischen den Fjorden und Sunden zw\u00e4ngt. Der letzte Abschnitt wird nochmal ein kleiner Kraftakt, wir haben auf der Nordsee durch die n\u00f6rdlichen Winde viel Zeit verloren. Um rechtzeitig in Trondheim zu sein blieben f\u00fcr das sch\u00f6ne Alesund nur ein paar Stunden. Immerhin, wenn man immer den Schildern &#8222;Touristinformation&#8220; folgt bekommt man doch eine umfangreiche Sightseeing Tour durch die Stadt. Wahrscheinlich ist das B\u00fcro im laufe der Zeit mehrfach umgezogen, aber die alten Schilder hat man stehengelassen oder vergessen. Zu guter letzt haben wir sie doch noch gefunden. Von Alesund fahren wir nonstopp nach Trondheim, der alten Hauptstadt Norwegens. Wir werden mit diesigem Wetter und leichtem Regen empfangen. Das passt zur Stimmung, die Zeit verging wie im Flug und morgen verabschiedet sich die alte Crew. Die Wehmut des Abschieds liegt \u00fcber dem Schiff, sch\u00f6n war&#8217;s, trotz Vorsaison und widriger Winde ein einmaliges Erlebnis, mit Sturm, Flaute, Regen, Sonne, voll gemeinsamer Abenteuer. Noch ein Abendspaziergang durch die Wundersch\u00f6ne Stadt, vorbei am alten Hafen mit seinen fantastischen Holzspeichern und zum Nidarosdom dem wohl bekanntesten Bauwerk Norwegens. Die Gedanken tief in den Zeiten der Wikinger versunken, sehe ich hie und da merkw\u00fcrdig gekleidete Gestalten durch die nassen nebligen Strassen eilen. Tiefbeladene Langboote werden von b\u00e4rtigen, rotblonden H\u00fchnen zu den alten Speichern den Fluss hochgestakt. Ein betrunkener Nordmann wankt mir in der engen Gasse entgegen, eine Hand an der Wand abst\u00fctzend die andere am Schwert. Jetzt steht er dicht vor mir und stiert mich an. Pl\u00f6tzlich werde ich von hinten zur Seite gerissen und knalle mit der Schulter an die Hauswand, ich greife zum Schwert und -&#8230;<br \/>\nBordhund Sheila hat eine Katze entdeckt die sich in der warmen Stube auf der Fensterbank r\u00e4kelt und reisst mich in die Gegenwart zur\u00fcck. Gemeinsam laufen wir zum Schiff.<br \/>\nDie neue Crew wird mit Sicherheitseinweisung und Scotch Single Malt begr\u00fcsst. Der Einkauf bereitet Probleme, da wir Vergessen hatten das es Pfingsten ist und direkt danach, am Dienstag Nationalfeiertag in Norwegen. Fast alle L\u00e4den haben also bis Mittwoch geschlossen. Na ja, dann muss es halt mal ohne Milch gehen. Aber Sheila muss dringend noch zum Tierarzt. Innerhalb von sieben Tagen nach der Einreise muss sie nochmal untersucht werden &#8211; und die sind Morgen um. Es war gar nicht so einfach, an diesem superlangen Wochenende einen Dyrlege aufzutreiben, die ganze Stadt ist ausgeflogen. Aber mit Hilfe der hilfsbereiten Norweger und etwas Gl\u00fcck war bis Mittag alles erledigt. Jetzt weht uns ein frischer Westwind Richtung R\u00f6rvik, die n\u00e4chste Etappe mit Ziel Lofoten hat begonnen.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Lofoten, Samstag 21.05.05<\/h4>\n<p>Am Donnertag um kurz nach f\u00fcnf Uhr morgens ist es soweit: wir \u00fcberqueren den Polarkreis. Jetzt sind wir im Machtbereich des Nordpols angelangt. Das Wetter zeigt sich unver\u00e4ndert, Schauerb\u00f6en, dazwischen strahlender Sonnenschein mit leichten Winden. Voraus liegt R\u00f6st, der s\u00fcdlichste Ausl\u00e4ufer der Lofoten, die ihre weissen Gipfel schon lange glasklar \u00fcber den Horizont strecken. Der Navigator wird mehrmals nach einem Ausweichkurs gefragt, da es unvorstellbar ist, dass es noch \u00fcber 30 Seemeilen bis dort sein sollen. Vorbei an den vorgelagerten Vogelfelsen fahren wir in in den engen Hafen. Beim Inselrundgang machen wir das erste mal mit Stockfisch Bekanntschaft, der uns fortan auf Schritt und Tritt begleitet.<br \/>\nFreitag. Wir haben mal richtig ausgeschlafen. Wir k\u00f6nnen auch erst gegen 13.00 losfahren, weil wir auf dem Weg nach &#8222;A&#8220;, dem Ort mit dem k\u00fcrzesten Namen, den Moskenstaumen passieren, einen Strom, der mit zehn Knoten um die Lofotenodden setzt und dabei gewaltige, gef\u00e4hrliche Stromwirbel erzeugt. Von diesem Naturschauspiel lies sich schon Edgar Allen Poe inspirieren. Eine gute Stelle um Stromnavigation zu \u00fcben. Abends unternehmen wir noch einen erfolglosen Versuch einen der Hausberge von A zu erklimmen. Oben wird&#8217;s einfach zu steil, so dass wir kurz vor dem Gipfel umkehren m\u00fcssen. Die grandiose Aussicht belohnt uns dennoch reichlich. Die Mitternachtssonne l\u00e4sst die scharfgratigen schneebedeckten Gipfel orangerosarot erstrahlen. Wir fotografieren reichlich, schade nur, dass wie sich am n\u00e4chsten Tag herausstellt, gar kein Film in der Kamera war. Wie konnte das nur passieren??? ( war bestimmt der Skipper, jedenfalls lies sich auf die schnelle kein anderer Schuldiger finden, dumm gelaufen!). Die Kletterpartie von gestern abend steckt uns noch in den Knien als wir samstags bei Nordost 3-4 auslaufen. Angesagt waren 5-6 aber die kommen den ganzen Tag nicht. Der blaue Himmel geht in Altostratusbew\u00f6lkung mit leichtem Regen \u00fcber. Na ja, die letzten Tage waren daf\u00fcr richtig sch\u00f6n. Abends legen wir in dem gesch\u00fctzten Hafen von Stamsund an. Von hier wollen wir morgen mit dem Bus nach Borg, wo das gr\u00f6sste Wikingerlanghaus \u00fcberhaupt ( 83 Meter) zu besichtigen ist.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Trollfjord, Dienstag 24.05.05<\/h4>\n<p>Das Wikingerlanghaus u.a. mit echtem Langboot (Nachbau von einem Orginalboot) wirkt in dieser Umgebung doch wesentlich authentischer als z.B. Haithabu. Wir sind fast alleine hier &#8211; sehr sch\u00f6n. Auch die Busfahrt \u00fcber die Inseln war sehr interessant. Am Abend waren wir noch schwimmen und saunen in Svolvaer, der &#8222;Hauptstadt&#8220; der Lofoten. Der Anzahl der Hotels nach tobt hier im Sommer das leben. Allerdings ist auch hier jeder zweite Laden zu vermieten oder zu verkaufen. Nach 16.00 Uhr sind die B\u00fcrgersteige hochgeklappt und die zahlreichen Kunstgalerien und Museen \u00f6ffnen meist nur wenn das Hurtigroutenschiff sein Typhoon zum Anlegen erklingen l\u00e4sst. Heute haben wir den Trollfjord angelaufen. Auf diesen Besuch hab ich mich ganz besonders gefreut. Beeindruckende Szenerie \u00fcberall. In der schmalen Einfahrt verewigen wir &#8222;TORDAS&#8220;, mit Schiffsfarbe gemalt, an der Wand. Zahlreiche Schiffnamen k\u00fcnden von anderen, die in den letzten Jahrzehnten vor uns hier waren. Danach gehen wir am Felsen l\u00e4ngsseits und stapfen beim Landgang durch den Schnee, der hier bis ans Wasser liegt, den Berg hinauf. Weit kommen wir nicht, dann versperren uns die Trolle mit ihren Felsen den Weg. Beim Abstieg wird noch fleissig fotografiert, aber die Bilderbuchsonne vom Morgen ist bereits tiefh\u00e4ngenden Wolken gewichen, aus denen es dann bald nach dem Ablegen zu regnen beginnt. Doch selbst dieses miese Wetter hat seinen Zauber, mit den in Wolken versteckten Gipfelzacken, die ihre weissgekleideten Flanken zu uns hinabschicken wie Hosenbeine und F\u00fcsse von Riesen. Wenn irgendwo auf dieser Welt Trolle leben, dann hier. Und wenn ich mich so umschaue, dann bin ich ganz sicher, dass sie uns verstohlen hinter ihren Felsen beobachten. Nur gut, dass es hier zur Zeit nicht dunkel wird. Was w\u00fcrden sie wohl in der langen Polarnacht mit uns anstellen???<br \/>\n&#8222;Scattered&#8220; wie der Wetterbericht verspricht, ist der Regen jedenfalls nicht, eher stetig zunehmend. Mit Flaute von vorn motoren wir tapfer durch den Sortlandsund auf die Westseite zu den Vesteralen. Ob wir die ersehnten Orcas und anderen Wale zu sehen bekommen???<br \/>\nErneut macht sich Spannung an Bord breit!<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Troms\u00f6, Montag 30.05.05<\/h4>\n<p>Die Hauptstadt der Arktis hat einiges zu bieten. Wir besuchen das Polarmuseum, die Eismeerkathedrale, das Polaria Aquarium und tollen auf dem Hausberg dem Storsteinen im Neuschnee. Nebenbei wird das Schiff geputzt, die Ausr\u00fcstung gecheckt und erg\u00e4nzt, gebunkert und die H\u00e4lfte der Tage, in der die Sonne im Norden steht, durchgefeiert (na ja, N\u00e4chte gibt&#8217;s hier nun wirklich nicht). Ganz nebenbei ist noch Crewwechsel.<br \/>\nEine neue Etappe beginnt. Vor uns liegen 565 Seemeilen Nordpolarmeer bis Longyearbyen, der n\u00e4chsten menschlichen Ansiedlung. Um diese Jahreszeit, Fr\u00fchlingsbeginn ist hier im Juni, erwartet uns ein Gemisch aus Packeis, kalten und warmen Meeresstr\u00f6mungen, Arctic Lows, die erst in Wetterkarten erscheinen, wenn sie auf eine der wenigen Stationen treffen und als Resultat einem chaotischem Wellensystem. Damit es nicht so langweilig wird, ist das Ganze auf einem Gemisch von Tiefsee und K\u00fcstenschelf untergebracht, das ja bekanntlich auch die Biskaya zu einem beliebten Segelrevier macht. Aber Gott sei Dank sieht man von alledem im Nebel (20%) wenig, sodass einen die auf dem Radar unsichtbaren Eisberge nicht weiter erschrecken.<br \/>\nUnd der Wind kommt, na, woher wohl ??? Na klar aus Nord! Das soll auch die ganze Woche so bleiben. Daf\u00fcr haben wir uns prima an die 0 bis 5 Grad Umgebungstemperatur gew\u00f6hnt. Selbst beim Fr\u00fchst\u00fcck kommt keiner mehr auf die Idee zu heizen, der d\u00fcnne Pullover reicht. Aber eines ist klar: Wen das alles nicht schreckt, der erlebt ein einmaliges Abenteuer und eine unber\u00fchrte unbewohnte Welt in der es, schon lange bevor es Menschen gab, nur einen Herrscher gibt &#8211; Isbj\u00f6rn (Eisb\u00e4r). Und der weiss genau, wer hier Chef und wer Besucher ist.<br \/>\nWie oft habe ich bei den Vorbereitungen zu diesem T\u00f6rn geh\u00f6rt: &#8222;das wollte ich schon immer mal machen&#8220;.<br \/>\nWir machen.<br \/>\nDie Menschen meiden das Ungewisse, wie sie das Abenteuer lieben. Aber wer nicht ins Ungewisse zieht kann kein Abenteuer erleben. Das &#8222;Veranstaltete&#8220; Abenteuer hat da f\u00fcr mich doch eher Showcharakter &#8211; ist aber sehr beliebt, da der Ausgang ja mitgebucht wurde und das Ungewisse entf\u00e4llt.<br \/>\nDer Ausgang unserer Reise l\u00e4sst sich schwer Planen, keiner weiss was das Packeis und das Meer mit uns machen und es gab schon genug Eisbrecher die im Packeis \u00fcberwintern mussten.<br \/>\nWir segeln gut ger\u00fcstet ins Ungewisse. Auch wenn am Ende ein Scheitern stehen sollte, ist es doch ein erhebendes Gef\u00fchl, dieses Abenteuer gewagt zu haben.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Irgendwo im Eis, keine Ahnung welcher Wochentag, 05.06.05<\/h4>\n<p>Wir sind genau da wohin wir wollten: Mittendrin im Eis, &#8211; soweit der Horizont reicht. Der Ice Report sagt &#8222;Open Water&#8220;. Angeblich k\u00f6nnen die Satelliten sogar Autonummernschilder erkennen, &#8211; nur Eisfelder von mindestens 50 Seemeilen Durchmesser anscheinend nicht. So langsam wird mir klar warum Herr Bush so viele Kolateralsch\u00e4den produziert. Wahrscheinlich geht es theoretisch, doch in der Praxis funktionierten die Satelliten, wie wir feststellen m\u00fcssen, eben nicht. Sonst w\u00e4ren ja auch alle Politessen \u00fcberfl\u00fcssig. Das w\u00fcrde dann ein Computer automatisch, deutschlandweit, gleich mit Satellitenbeweisfoto machen. Geht ja, theoretisch eben.<br \/>\nAber jetzt der Reihe nach.<br \/>\nVon Troms\u00f6 zur B\u00e4reninsel gab\u00b4s erst mal wieder was auf die M\u00fctze, Nordwest 5-6 in B\u00f6en 7, See 3 Meter, Wasser 2, Luft 3 Grad Celsius, aber das sind wir auch nicht anders gewohnt und in unseren \u00dcberlebensanz\u00fcgen ist es kuschelig warm. Obwohl, manchmal mache ich mir schon Gedanken, ob das noch als Erholungsurlaub durchgehen kann. Immerhin, nach einem Tag dreht der Wind dann auf S\u00fcdwest 3 &#8211; 4 und wir k\u00f6nnen anliegen. Am Kap Kolthof, der S\u00fcdspitze der B\u00e4reninsel, bewundern wir einen rund 200 Meter langen, vom Meer durchgesp\u00fclten Tunnel namens Perleporten. Fantastisch was Architekt Natur so alles baut. Kurz danach f\u00e4llt der Anker auf 4 Meter in der Walrossbucht, die vor s\u00fcdlichen und westlichen Winden Schutz bietet und die einzige Stelle im S\u00fcden ist, an der man auf die Insel gelangt. Das Schlauchboot wird klargemacht und anschliessend starten wir eine ausgiebige Erkundungstour, immer auf der Hut vor Eisb\u00e4ren. Obwohl der Permafrostboden \u00fcberwiegend mit dickem Firnschnee bedeckt ist, wachsen und bl\u00fchen auf den freien Stellen schon verschiedene Pflanzen. \u00dcberall an den Felsen br\u00fcten Eissturmv\u00f6gel, Krabbentaucher, Gryllteiste und andere V\u00f6gel, die fast ohne Scheu um uns herumlaufen und -fliegen. Das Miseryfjellet mit dem 536 Meter hohen Urd ist von mehreren Metern hohem Schnee bedeckt, der in der Sonne aufgeweicht ist und leider keine Besteigung zul\u00e4sst. So begn\u00fcgen wir uns mit dem Ausblick auf das imposante felsenbewehrte Bergplateau. Wir rasten auf einem moosbedeckten H\u00fcgel und in der warmen Sonne schl\u00e4ft einer nach dem anderen ein.<br \/>\n&#8211; Eisb\u00e4r!!! Nein wir sind nur aufgeschreckt, aber so etwas darf nicht nochmal passieren, denn obwohl wir keine Spuren gesehen haben, lauert doch die Gefahr. \u00dcber das weitgehend schneebedeckte, h\u00fcgelige Gel\u00e4nde lassen sich die B\u00e4ren auch nur schwer ausmachen, sodass sie unbemerkt heranschleichen k\u00f6nnten.<br \/>\nAuf dem R\u00fcckweg besichtigen wir die \u00dcberreste einer bis 1908 betriebenen Walfangstation mit ihren Dampfwinden zum anlandziehen der abgeschlachteten Wale. Die Walknochen lassen auf grosse Beute schliessen. Die Walrosse wurden schon 1609 fast ausgerottet, an einem einzigen Tag bis zu 600. Der Rest wurde dann im 20zigsten Jahrhundert erlegt. Heute gibt es hier keine Walrosse mehr und vom einst zahlreichen Polarfuchs sind nur eine Handvoll \u00fcbriggeblieben. Die fast ausgerotteten V\u00f6gel, bis 1970 wurden hier bis zu 70.000 Vogeleier j\u00e4hrlich gesammelt, sind Gottseidank wieder zahlreich zur\u00fcckgekehrt. Anscheinend war es gar nicht so einfach diese Insel in eine leblose Welt zu verwandeln und es werden noch Jahrhunderte vergehen bis, unter den hier herrschenden Bedingungen, der urspr\u00fcngliche Zustand wieder erreicht wird.<br \/>\nDen zweiten Landfall machen wir bei Tunheim, einer im Nordosten der Insel gelegenen und im Jahr 1925 verlassenen Bergbausiedlung. Wir ankern in der ungesch\u00fctzten Bucht. Das Anlanden an der einzig m\u00f6glichen Stelle, einer Bachm\u00fcndung mit 20cm groben Kies und steil ansteigendem 20 m breiten Strand, dessen Zufahrt durch Unterwasserfelsen versperrt wird, ist nicht ungef\u00e4hrlich. Nachdem wir das Schlauchboot den Strand hochgeschleppt haben, wandern wir \u00fcber unwegsames Gel\u00e4nde, B\u00e4che und weiche Schneegriesfelder zur ehemaligen Kohleverladestelle und folgen dort den Schienen der Lorenbahn nach Tunheim. Eine einsame Lore steht noch vor dem zusammengebrochenen Holzsilo, selbst die Schienen sind bereits durchgerostet.<br \/>\nNach 2 Kilometern Fussmarsch erreichen wir Tunheim. Alles erinnert stark an eine verlassene Goldgr\u00e4bersiedlung, oder an eine offenliegende Ausgrabungsstelle. Immerhin wurden hier insgesamt 116.000 Tonnen Kohle gef\u00f6rdert. Ein seltsames Gef\u00fchl stellt sich ein, wenn man sich vorstellt wie es fr\u00fcher hier wohl ausgesehen hat und unter welchen Bedingungen die Menschen damals gelebt haben. Das Gel\u00e4nde wirkt heute wie ein grosses Grab nach einem atomaren Unfall oder einer \u00e4hnlichen Katastrophe aus, leblos und dem Verfall preisgegeben. Nachdenklich machen wir uns auf den R\u00fcckweg, vorbei an der alten Telegraphenstation, die 1941 von den Briten gesprengt wurde.<br \/>\nBeim Ablegen ist wieder k\u00f6rperlicher Einsatz gefordert. Nach einer Fotorunde ums Schiff wird das Schlauchboot an Deck gehievt und gelascht. Anker auf und los geht&#8217;s, &#8211; Spitzbergen voraus.<br \/>\nEndlich kommt der Wind mal richtig. Erst S 3 dann ENE drehend auf 6 kn. Wir segeln mit 9 kn ( das sind bei uns Seemeilen pro Stunde und nicht die zweifelhaften &#8222;Rekordspitzenwerte des GPS, 12 Kn 0.000000234 Sekunden die Welle runter o.\u00e4.), uns gut westlich vom S\u00f6rkapp haltend, dem S\u00fcdende von Spitzbergen entgegen. Am Ende erreichen wir sogar 9.9 kn am Wind, dank der immer kleiner werdenden Welle. Kurz danach ist dann auch die Packeiskante auf 75\u00b0 50\u00b4N in Sicht. Im Abstand von einer halben Meile folgen wir dieser, kleineren und gr\u00f6sseren Eisschollen ausweichend. Allerdings erwischen wir ab und zu schon mal Brocken von einer Tonne, die dann mit knapp 8 kn gegen den Rumpf krachen und unter oder seitlich am Schiff vorbeigedr\u00fcckt werden. Das ist jetzt Ni mehr f\u00fcr Joghurtbecher! Mit der Zeit wird die Eiskante immer undeutlicher und wir durchqueren den einen um den anderen Eisriegel, der sich wie ein langer Finger ins freie Wasser streckt. Nur der letzte h\u00f6rt dann nicht mehr auf. Wie gesagt, das Eis reicht jetzt in allen Richtungen bis zum Horizont. Allerdings ist die Wetterlage stabil und der Eisbedeckungsgrad 3 bis 4 zehntel der Wasseroberfl\u00e4che, so dass keine Gefahr besteht. Um es kurz zu machen, wir m\u00fcssen am Ende auf unserem \u00fcber 120 Meilen langen Zickzackkurs doch \u00fcber 50 Meilen vom Land wegfahren und erreichen erst auf 77\u00b0 20\u00b4N wieder offenes Wasser. Unser erstes Ziel der Hornsund ist, wie wir feststellen m\u00fcssen, leider gestorben, denn wir w\u00fcrden vielleicht durch das &#8222;Oben Drift IC&#8220; reinzogen, falls der Wind dreht, aber auf unbestimmte Zeit in der Eisfalle sitzen und Eispressungen ausgesetzt sein. Also steuern wir den wenig bekannten Bleust an, der noch eisfrei ist. Vorbei an der alten Trapperstation Calypsobyen gehen wir in Vestervaag am Rechercheuren (Brenn = Gletscher) vor Anker. Eine sagenhafte Kulisse im Sonnenschein: Gletscher, Eis und Berge. Dazu reichlich Eisb\u00e4renspuren, die uns erst mal vom geplanten Landgang abhalten. Nach dem Gute Nacht Single Malt ( einer!), verriegeln wir das Schiff von innen, denn f\u00fcr Eisb\u00e4ren, die gew\u00f6hnlich auf Packeiskanten und Eisberge klettern, ist es ein Leichtes, an Bord einer Jacht zu klettern. Ein Blick auf die Uhr verr\u00e4t das es 03.30 Uhr Nachts ist, was uns bei dem strahlenden, w\u00e4rmenden Sonnenschein gar nicht aufgefallen war. Die Tageszeiten spielen schon seit geraumer Zeit keine Rolle mehr. Man isst, wenn man hungrig ist und schl\u00e4ft, wenn man m\u00fcde ist bzw. Freiwache hat. Nachts kontrollieren wir alle zwei Stunden die Eislage. Man kann durch den Schiffsboden das Eis vom Gletscher &#8222;singen&#8220; h\u00f6ren, ein Ger\u00e4usch das etwas an eine singende S\u00e4ge erinnert. Morgens, also ehrlicherweise eigentlich nachmittags um 14.00 Uhr, m\u00fcssen wir Anker auf gehen, da Meereis in die Bucht gedr\u00fcckt wird. Dabei werden wir ausgiebig von einer Horde Walrosse be\u00e4ugt die neugierig ums Schiff schwimmt. Ein wirklich sch\u00f6ner Tagesbeginn.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Bleust, 06.06.05<\/h4>\n<p>Ost 6 bis 7, Kurs Nordost, Richtung Aksel\u00f6ya, einer langen schmalen Insel die wie eine T\u00fcre den An Mijenfjorden abriegelt. Dieser ist Mangels Welleneinwirkung und Wasseraustausch fast das ganze Jahr zugefroren.<br \/>\nHier machen wir unseren ersten Landgang auf Spitzbergen, nachts um eins. Gleich am Ufer finden wir wieder Spuren von einem Eisb\u00e4ren. Die Abdr\u00fccke sind eindeutig, er sa\u00df hier und schaute auf Wasser. Wir sammeln eine Hand voll Eisb\u00e4renhaare aus dem Schnee und gehen vorsichtig weiter. Aufgrund der besonderen Lichtverh\u00e4ltnisse und des un\u00fcbersichtlichen Gel\u00e4ndes erscheint alles viel n\u00e4her als es ist. Auf dem holprigen Permafrostboden und den eingestreuten Schneefeldern kommen wir langsam voran.<br \/>\n&#8222;Schnell da&#8220; ruft einer und alle zucken zusammen. Adrenalin fliesst in Mengen, links keine hundert Meter weg in einem Schneefeld sind sie. &#8211; Nein, keine Eisb\u00e4ren, es sind vier der seltenen Spitzbergenrentiere, die weis und nur etwa so gross wie Schafe sind. Sie sind genauso erschrocken wie wir und schauen uns vorsichtig taxierend an, bevor sie zehn Minuten sp\u00e4ter z\u00fcgig an uns vorbeilaufen. Grosse Weidefl\u00e4chen auf der Ostseite der f\u00fcr hiesige Verh\u00e4ltnisse sehr gr\u00fcnen Insel bieten ihnen und den vielen Weisswangeng\u00e4nsen gen\u00fcgend Futter. So sehen auch alle sehr wohlgen\u00e4hrt aus.<br \/>\nDie ganze Insel scheint aus versteinertem Muschelkalk zu bestehen. Wir finden noch zwei alte Fuchsfallen von einer verlassenen Trapperstation und mehrere Rentierknochen und Geweihe, die von der einen oder anderen Eisb\u00e4renmahlzeit stammen.<br \/>\nNach sechs Stunden sind wir m\u00fcde zur\u00fcck am Beiboot, f\u00fcllen schnell noch unseren Wasserkanister, entladen die Waffen und fahren zu Tordas. Bevor wir in die Kojen kriechen kochen wir noch schnell ein zehn Minuten Abendessen. Spaghetti in Meerwasser mit Pesto! Mmmhhhh, lecker! Na ja die ersten zwanzig mal zumindest, aber es geht halt enorm schnell! Guten appetit und Gute Nacht!<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Fridtjovhamna, 07.06.05<\/h4>\n<p>Durch den Akselsund fahren wir in den Fridtjovhamna, eine Bucht an deren Ende der Fridtjovbreen liegt (Breen = Gletscher). Unser Anker f\u00e4llt auf nur 4 Meter. Dies ist momentan ungef\u00e4hrlich, da die Bucht fast ganz von einem Meter dickem Eis bedeckt ist, sodass der kalbende Gletscher keine grossen Flutwellen erzeugen kann, die sich dann \u00fcber flachem Wasser brechen und uns gef\u00e4hrlich werden k\u00f6nnten. Wir treffen hier auf die &#8222;Hav Tor&#8220; einen norwegischen Zweimaster mit Ziel Hornsund. Die Crew vertreibt sich die Wartezeit auf bessere Eisverh\u00e4ltnisse mit Skilauf auf dem Gletscher. Auch wir laufen entlang der K\u00fcstenlinie zu einer Seitenmor\u00e4ne von der man einen fantastischen Blick \u00fcber den Gletscher, die Abbruchkante und die ganze Bucht hat.<br \/>\nAuch dieser Ausflug ist wieder anstrengend, wir versinken fast bei jedem Schritt bis \u00fcber die Kn\u00f6chel in dem an der Oberfl\u00e4che aufgetautem Eis. Um diese Jahreszeit besteht fast ganz Spitzbergen aus Schlamm und Schneematsch, dennoch ist das Fr\u00fchjahr hier einmalig, mit den br\u00fctenden V\u00f6geln, den Robbenjungen und den durch den Schnee brechenden ersten Bl\u00fchten. Nachmittags gehen wir Anker auf und verholen in die nahegelegene van Muijdenbugta, wobei uns leider ein gemeinsamer Abend mit der &#8222;Hav Tor&#8220; Crew fl\u00f6ten geht, aber wir erliegen dem &#8222;Lockruf des Goldes&#8220; das es dort Ger\u00fcchteweise geben soll.<br \/>\nNachts tr\u00e4ume ich von den guten alten Zeiten, als ich noch mit meinem Freund Gilbert am Klondike Gold gesch\u00fcrft hab. Das waren Zeiten mann oh mann! Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern an dem ein abgerissener Seemann vor unserer H\u00fctte auftauchte, ein verr\u00fcckter Kerl, der anfing unsere Geschichte aufzuschreiben. Den ganzen Winter war er bei uns und hat Geschichten erz\u00e4hlt. Irgendwas davon muss an mir h\u00e4ngen geblieben sein. Davor war ich richtig schweigsam. Eines Tages war er wieder verschwunden. So pl\u00f6tzlich wie er kam. Mit irgendeinem Kanu den Yukon runter. Wir haben Ihn nie wieder gesehen. Als er weg war und keiner mehr Geschichten erz\u00e4hlte hab ich wohl damit angefangen. Weil es sonst so still war. Wir sind im gleichen Sommer auch abgehauen. In Dawson haben wir unseren Krempel an irgendso einen anderen Idioten verkauft, der noch bl\u00f6der war als wir selber. Der glaubte immer noch, dass hier Gold zu holen sei. Unglaublich! Wir sind dann mit dem n\u00e4chsten Schiff nach San Francisko, aber das ist eine andere geschichte. Wie hiess der Kerl noch gleich? Oh Verdammt ist das lang her! Mir f\u00e4llt sein Name nicht mehr ein. Es war, &#8211; es war,&#8230; Hans, nein, aber so \u00e4hnlich, ja richtig jetzt weis ichs wieder, Londan, oder London, ich glaub er hiess Jack London!<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>78\u00b002\u00b4Nord, 013\u00b001\u00b4East, 08.06.05<\/h4>\n<p>Flaute! Spiegelglattes Wasser auf dem Arktischen Ozean. Ein f\u00fcr diesen T\u00f6rn ziemlich seltenes Erlebnis. Nachdem wir erst mal des gerissenen Gaszug des Aussenborders reparieren durften, haben wir den ganzen Vormittag Gold gesch\u00fcrft.<br \/>\nAnfangs fleissig mit Waschsch\u00fcssel im Bach das goldhaltige Sediment waschend, setzte sich mit der Zeit die These durch, die wirklich grossen Nuggets w\u00fcrden weiter oben am Berg vom Permafrostboden direkt an die Oberfl\u00e4che gedr\u00fcckt. So zogen wir voll Optimismus den H\u00e4ngen entgegen. Unterwegs erschreckte uns wieder ein schlafendes Rentier. So ein Rentierhintern ist nicht wirklich auf den ersten Blick von einem Eisb\u00e4renhintern zu unterscheiden!<br \/>\nIch will euch nicht zu lange auf die Folter spannen, allzuviele Nuggets waren es nicht. Geschleppt haben wir trotzdem reichlich, n\u00e4mlich Treibholz zur\u00fcck zum Schlauchboot, um unseren Brennholzvorrat aufzuf\u00fcllen. Nat\u00fcrlich wurde auch unser Wasserkanister wieder mit frischem Gletscher Schmelzwasser gef\u00fcllt. Warum wir dauern Wasser schleppen?? Na weil es hier in den nicht vorhandenen H\u00e4fen auch keine Bunkerm\u00f6glichkeiten gibt. Wenn in einer Seekarte Hamna steht so ist hier damit eine mehr oder meistens weniger gesch\u00fctzte Bucht gemeint in der man zwischen nicht eingetragenen Felsen seinen Anker baden kann und bei &#8222;heavy Squalls from the Mountains&#8220; \u00fcber die Bedeutung von Formulierungen wie&#8220; calving ice from the gletscher should not be very troublesome&#8220; oder &#8222;particulary not good ground&#8220; gr\u00fcbelt. Der Sinn dieser Worte ist dann aber fr\u00fcher oder sp\u00e4ter selbsterkl\u00e4rend, meistens eine halbe Stunde nachdem man sich in die Koje gelegt hat und vom kratzen des Eises an der Bordwand wieder geweckt wird oder wenn man bei Niedrigwasser feststellt das die als &#8222;clear&#8220; bezeichnete Bucht nicht voller Robben sondern voller Steine ist und man keine Ahnung hat, wie man hier ohne Grundber\u00fchrung reingekommen ist, geschweige denn wie man hier jemals wieder rauskommt. Aber deshalb ist unser Tordas ja auch etwas robuster gebaut und f\u00e4ngt nicht gleich an rumzubeulen wenn&#8217;s von unten mal eng wird.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>78\u00b016\u00b4Nord, 014\u00b000\u00b4East, 09.06.05<\/h4>\n<p>Seit Tagen begleiten uns die sph\u00e4rischen Kl\u00e4nge des Eises und der Gletscher. Ein paar G\u00e4nse und Enten lassen von Zeit zu Zeit ihr Geschnatter \u00fcber das von Eisbrocken bedeckte Wasser erschallen. Der teilweise bedeckte, endlos erscheinende Himmel macht das Bild perfekt.<br \/>\nGestern abend segelte das Kreuzfahrtschiff &#8222;Bremen&#8220;, bekannt durch die Freakwave die ihr im S\u00fcdatlantik auf die Br\u00fccke stieg, an uns vorbei. Die Bremen freute sich genauso wie wir, soweit im Norden ein deutsches Schiff zu treffen. Sie startete am 31.05 ebenfalls von Hamburg und folgte unserer Route durch die Fjorde nach Troms\u00f6 und \u00fcber die B\u00e4reninsel hier nach Spitzbergen. Im Gespr\u00e4ch stellte sich heraus das auch Sie ihr Vorhaben, den Hornsund anzulaufen, wegen des starken Eisganges aufgeben musste. Ausser der Bremen ist wohl nur noch ein russischer Eisbrecher mit Charterg\u00e4sten hier unterwegs. Allerdings sagte uns der Kapit\u00e4n der Bremen, wimmele es im Sommer hier nur so von Kreuzfahrern. Wir waren auch sehr erfreut \u00fcber das Angebot uns mit Proviant oder Ersatzteilen zu versorgen. Wenn die Bremen in vier Tagen wieder nach S\u00fcden l\u00e4uft werden wir gerne nochmal auf das Angebot mit dem heimatlichen Bier zur\u00fcckkommen.<br \/>\nJetzt brechen wir erst mal zu einer Zodiaktour zum Esmarkbreen (Breen = Gletscher) auf, der schon verf\u00fchrerisch in der Sonne gl\u00e4nzt und nur auf uns zu warten scheint.<br \/>\nLeider kommen wir nicht bis zur Abbruchkante, bis ungef\u00e4hr eine Meile vor der Wand ist noch festes Eis. In Eiskarten und Icereports wird dieses Eis als &#8222;fast ice&#8220; bezeichnet. Nicht weil es so pl\u00f6tzlich gefriert, nein aber es erm\u00f6glicht wegen seiner glatten Oberfl\u00e4che doch ein schnelles Fortbewegen auf ihm. Packeis dagegen besteht aus vielen, ohne klettern un\u00fcberwindbaren, wirr \u00fcbereinanderget\u00fcrmten Eisschollen. Man stelle sich einen frischgepfl\u00fcgten Acker vor mit Furchen die ein bis drei, manchmal f\u00fcnf Meter tief sind. Aber die Furchen verlaufen nicht so sch\u00f6n parallel wie auf dem Acker, sondern kreuz und quer. Nur wer das gesehen hat, kann die unmenschliche Leistung derer ermessen, die zum Nordpol gelaufen sind.<br \/>\nUnser &#8222;fast ice&#8220; sichert uns andererseits einen sicheren Ankerplatz, da die vom Gletscher abbrechenden Eisberge nicht auf drift gehen sondern darin feststecken. Ausserdem b\u00fcgelt es die gef\u00e4hrlichen Flutwellen, die so ein herabst\u00fcrzender Eisbrocken erzeugen kann, glatt. Sonst best\u00fcnde die Gefahr, dass uns die, auf dem flachen Ankergrund brechenden Wellen, \u00fcberrollen.<br \/>\nWir runden unsere Fahrt mit einem kleinen Spaziergang auf einer der Mor\u00e4nen ab. Dabei versinken wir manchmal bis zur Brust im Schnee. So muss es am Ende der Eiszeit auch in Deutschland ausgesehen haben.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Longyearbyen, Montag der 13.06.05<\/h4>\n<p>Borebuckta. Eisberg Voraus!!! Ein besonders sch\u00f6nes Exemplar gl\u00e4nzt in unserer Ankerbucht in der Sonne und der muss erst einmal bestiegen werden. Mit Steigeisen bewehrtem \u00dcberlebensanzug geht&#8217;s los zur Fotosession.<br \/>\nSp\u00e4ter am abend wird dieses Ereignis bei Pink Floyd, Bier, Wein, Apfelkorn und zum Abschluss ein paar kleinen Whiskey bei einer Bordparty gefeiert. Die Folge sind starke Seekrankheit und Malariaanf\u00e4lle bei grossen teilen der Crew.<br \/>\nDas muss am Apfelkorn gelegen haben, das Zeug konnte ich noch nie ab!<br \/>\nDen 10 Juni streichen wir daraufhin ganz aus dem Ged\u00e4chtnis und segeln am Samstag bei leichtem SW weiter.<br \/>\nLongyearbyen ist sozusagen die Hauptstadt von Spitzbergen. Hier sitzt der Sysselmannen (Gouverneur), die winzige Universit\u00e4t, Es gibt ein paar Gesch\u00e4fte und Hotels, dazu alle Einrichtungen die man zum t\u00e4glichen leben braucht. Am leben erhalten wird die Stadt (ca. 1650 Einwohner, im Winter weniger) durch den Kohleabbau, der in Verschiedenen Gruben auf Spitzbergen betrieben wird und zunehmend durch Wissenschaft und Tourismus.<br \/>\nNachdem wir mit einmal festfahren einen Ankerplatz am steil abfallenden Ufer auf 17 Metern gefunden haben, machen wir erst mal einen Rundgang mit anschliessendem Einkauf. Unser Proviant l\u00e4sst zwar wenig zu w\u00fcnschen \u00fcbrig, aber Milch und Salat sind trotz arktischen Temperaturen nur begrenzt haltbar. Es erinnert etwas an einen Western in einem Ort zu sein in den fast jeder mit einer Waffe ruml\u00e4uft und vor der Bank eine Tafel steht auf der gebeten wird, um Missverst\u00e4ndnisse zu vermeiden, nicht mit dem Colt an den Schalter zu gehen.<br \/>\nNach einem ausgedehnten Mittagsschl\u00e4fchen bis halb zwei, versuchen wir noch ein Feierabendbier einzunehmen, aber um zwei ist hier Sperrstunde und somit k\u00f6nnen wir zwar noch einen Blick auf die unglaubliche Spirituosensammlung des gem\u00fctlichen Kaffee Busen werfen (allein ungef\u00e4hr hundert Single Malts stehen im Regal), zu trinken bekommen wir nix mehr. Schade! Beim vorbeigehen werfen wir noch einen Blick in die Uni, wo anscheinend noch gefeiert wird. Ein Herr in Anzug und Krawatte, offensichtlich ein Wissenschaftler oder Dozent, empf\u00e4ngt uns mit einem freundlichen &#8222;Fuck off, get away&#8220;. Wir beschliessen daraufhin den Abschiedswiskey f\u00fcr Jan an Bord einzunehmen. Sein Flugzeug startet um acht Uhr morgens. Es ist das erste mal, dass wir jemand mit dem Schlauchboot zur Startbahn bringen. Dabei haben wir ein mulmiges Gef\u00fchl, weil wir im Eifer des Gefechts unsere Flinten zum Eisb\u00e4ren verjagen vergessen haben. Folgerichtig wird am Flugplatz nochmal mit grossen Schildern davor gewarnt, ausserdem stehen \u00fcberall die ber\u00fchmten Eisb\u00e4renwarnschider an der Strasse.<br \/>\nNachdem wir, wieder erwarten, heil an Bord angekommen sind, legen wir uns erst mal &#8222;ne Stunde&#8220; in die Kojen. F\u00fcnf Stunden sp\u00e4ter ist nochmal Sightseeing angesagt, das Spitzbergenmuseum und verschiedene Sehenw\u00fcrdigkeiten locken. Unter anderem erstehen wir Souvenirs f\u00fcr die Daheimgebliebenen. Der R\u00fcckweg zum Schiff wird gerudert. Nein nicht um was f\u00fcr die Figur zu tun, wir haben heute mittag auf dem Weg zum Strand mit dem Aussenborder einen (oder viele???) Stein erwischt. Ein Fl\u00fcgel des Propellers ist ein St\u00fcck abgebrochen, die anderen Zwei verbogen. Mit Schraubstock, Zirkel, S\u00e4ge und Feile werden alle wieder auf gleiches Mass gebracht. Jetzt hat er einen Zoll weniger Durchmesser. aber bei der Probefahrt lassen sich keine nennenswerten Leistungseinbussen an dem \u00fcbermotorisierten Boot erkennen. Den Abend verbringen wir gem\u00fctlich an Bord.<br \/>\nMontag Morgen. Zuerst zum Hafenmeister, dann zum Sysselmann um unsere Reiseerlaubnis abzuholen. Jeder der sich auf Svalbard ausserhalb der Siedlungen, sowie in den Naturreservaten und Nationalparks aufhalten will muss vorher eine Genehmigung beim Sysselmann beantragen die an viele, teilweise sehr aufwendige Auflagen gebunden ist. Da wir sozusagen eine Generalgenehmigung f\u00fcr ganz Svalbard haben, also \u00fcberall hind\u00fcrfen, haben wir nicht nur die scharfen Sicherheitbestimmungen zu erf\u00fcllen und geforderten Erfahrungsnachweise zu erbringen, sondern auch teure Versicherungen abzuschliessen. Geht doch mal zu einer Versicherung und versucht euch gegen &#8222;alle Risiken die mit einer Spitzbergenreise verbunden sind&#8220; ohne Kleingedrucktes und &#8222;Ausschl\u00fcsse&#8220; sowie &#8222;zu Wasser wie an Land&#8220; zu versichern. Die versichern eher ein Osterfeuer gegen Brand!<br \/>\nNach den Formalit\u00e4ten wird noch mal eingekauft. Jetzt sind wir bereits auf dem Weg nach Ny Alesund, der n\u00f6rdlichsten Dauersiedlung der Welt.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Ny Alesund, der 15.06.05<\/h4>\n<p>Vorbei am Prins Karl Forland, dem westlichen Bollwerk Spitzbergens gegen den rauhen Arctic Ocean, segeln wir nach Norden. Der Forlandsund ist noch durch Packeispressungen blockiert. Nach gut 120 Seemeilen mit Winden von 1 bis 6 Bf machen wir in Ny Alesund fest. Ernst, der Hafenmeister, heisst uns willkommen. Nun fragt man sich nat\u00fcrlich warum ein Ort mit ca 60 Einwohnern im Sommer und 25 im Winter, einen eigenen Hafenmeister braucht?<br \/>\nNa, weil letztes Jahr allein 150 Kreuzfahrer mit 28.000 Passagieren in Ny Alesund angelegt haben. Auch wenn ein schlauer Fuchs von ungeheuren Abenteuern erz\u00e4hlt, so ist die Arktis und Antarktis doch fest in Kreuzfahrerhand und an jedem Ort, der in irgendeinem Buch erw\u00e4hnt wird, legen im Sommer t\u00e4glich mehrere Kreuzfahrtschiffe an. Sie spucken hunderte von netten \u00e4lteren Herrschaften aus, die alles Fotografieren und nach mehreren &#8222;isn\u00b4t it nice&#8220; und &#8222;may I take a foto of you with your Gun?&#8220; wieder ins &#8222;Zodiac&#8220; gehoben werden und an Bord verschwinden. Die Einwohner, \u00fcbrigens alles Wissenschaftler, u.a. auch vom Alfred Wegener Institut aus Bremen, berichten das ihnen bisweilen schon Bananen und anderes Obst angeboten wurde, damit &#8222;die netten Jungs mal was richtiges zu essen bekommen&#8220;. Ich weiss nicht auf wie vielen Fotografien ich als Mischung zwischen Trapper und Walf\u00e4nger herhalten muss, nur weil ich nicht schnell genug um die n\u00e4chste Ecke verschwunden bin, das erinnert schon etwas an einen Zoobesuch auf der anderen Seite des Zaunes. Wirklich wundersam ist es nat\u00fcrlich nicht wenn man bedenkt das schon Christiane Ritter (eine Frau erlebt die Polarnacht) vor 70 Jahren zu ihrer \u00dcberwinterung mit einem 1400 Passagiere fassenden Kreuzfahrer hierher gekommen ist.<br \/>\nWir verlassen den Ort in Richtung Kohlenmine um uns die \u00dcberreste der nach einer Explosion 1963 stillgelegten Grube anzuschauen. Nicht das in Spitzbergen schon mal irgendeine der zahlreichen Minengesellschaften auf die Idee gekommen w\u00e4re etwas ihrer Hinterlassenschaften wegzur\u00e4umen. Bisweilen gigantische in der Landschaft verstreute M\u00fcll und Schrotthaufen zieren das Umfeld der alten Gruben und gelten als &#8222;Kulturdenkmal&#8220;. Jedenfalls vermittelt dies hier einen lebhaften Eindruck wie es nach einer Grubenexplosion aussieht. An Folge des Ungl\u00fccks trat 1963 die Norwegische Regierung zur\u00fcck.<br \/>\nWir werfen noch unsere Karten in den &#8222;n\u00f6rdlichsten Briefkasten der Welt und legen ab mit Ziel Magdalenenfjord.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Smeerenburg, der 16.06.05<\/h4>\n<p>Magdalenenfjord, ein muss f\u00fcr alle Spitzbergenfahrer und genau so sieht es auch aus. Auf Gravneset ist ein altes Gr\u00e4berfeld durch eine Kette abgesperrt an der eine Informationstafel steht, von den Gr\u00e4bern selber ist nix zu sehen. Zu sehen ist aber das Kiosk. Im Sommer ist hier extra ein Polizist stationiert und als Eisb\u00e4ren verkleidete Crewmitglieder sorgen f\u00fcr Stimmung unter den Passagieren. Wer als Individualurlauber nach Spitzbergen f\u00e4hrt und denkt er h\u00e4tte am Ende der Welt seine Ruhe wird hier wo man jedes Schiff ungef\u00e4hr 30 Seemeilen weit sieht eines besseren belehrt. Wohlgemerkt, wir sind die erste Segeljacht 2005, die Saison kommt noch. Aber wir sind ja auch nicht wegen den netten Nachbarn hier, sondern wegen der Natur und die ist einmalig. Es hat schon seinen Grund warum die Menschen ans Ende der Welt fahren. In der Touristenabsperrkette hat sich \u00fcbrigens ein Rentier verfangen, zur grossen freude eines echten B\u00e4ren. Die n\u00e4chsten Kunstb\u00e4ren werden grosse Augen machen, wenn sie die \u00dcberreste der Mahlzeit entdecken.<br \/>\nWir lassen uns durch den Landtourissmus nicht verdriessen und tauchen ab. Bei einer Wassertemperatur von 0\u00b0 Celsius gehen wir dem Fjord auf den Grund. Dort sind es in 8 m Tiefe immerhin schon 4\u00b0C.<br \/>\nIn Smeerenburg gehen wir vor Anker, wie oft in wunderbar klarem Wasser. Nach einem ausgiebigen Schlaf besichtigen wir die \u00fcberreste der alten Walfangstation. Ab 1619 wurden haupts\u00e4chlich von hier aus in weniger als hundert Jahren die Wale vor Spitzbergen fast ausgerottet. Als sich der Wal- und Walrossfang nicht mehr lohnten waren Eisb\u00e4ren und Polarf\u00fcchse dran, und ganz am Schluss die V\u00f6gel (Daunen und Eier). Walknochen, Eisb\u00e4ren- und Fuchsfallen, die sich \u00fcberall an den K\u00fcsten finden, leisten Zeugnis davon. Wie alles andere auch, konserviert die Arctis auch die vier Jahrhunderte Massaker, die nat\u00fcrlich bei uns auch stattfanden, man denke nur an die Hexenverbrennungen, die Ausrottung von B\u00e4r, Wolf, Ur, Elch, Luchs, Adler und der andauernde Kampf gegen den Fuchs. Nur die Spuren davon sind bei uns schon seit langem verschwunden. Und noch heute fahren mordlustige deutsche J\u00e4gerbanden in den Norden um Ihren perfiden Gel\u00fcsten zu fr\u00f6nen. Anschliessend k\u00f6nnen sie dann zu Hause berichten wie sie im &#8222;Kampf Mann gegen wildes Tier&#8220; halbverhungerte Kreaturen, von Einheimischen getrieben oder mit K\u00f6dern vor die Flinten gelockt, vom sicheren Gel\u00e4ndefahrzeug aus niedergemetzelt haben. Echte Kerle halt!<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Packeis, der 17.06 05<\/h4>\n<p>Das Schlauchboot fest an Deck verzurrt segeln wir? na klar, nach Norden! Unser Ziel ist der &#8222;Arctische Kontinent&#8220; Packeis von der fast doppelten Fl\u00e4che Europas. Bei 80\u00b037\u00b4Nord treffen wir aufs Eis, bei 80\u00b039\u00b4ist schluss mit lustig. Weiter geht&#8217;s nicht um diese Jahreszeit. Immer wieder ragen hohe Pressschollen \u00fcber die hier ein bis zwei Meter Dicke Eisschicht heraus. In unendlich vielen bizarren Formen der Schollen sieht man eine andere Welt. Es wimmelt nur so von Trollen, Nessies, Sauriern, Einh\u00f6rnern, Walen, und ich weiss nicht was noch die nat\u00fcrliche Eisbildhauerwerstatt Arctis hier geschaffen hat. Wir trinken ein Glas Champagner auf einer Scholle, an deren Kante Tordas beharrlich reibt. Das mehrj\u00e4hrige Eis ist verdammt hart und scharfkantig. Tordas f\u00e4hrt seit zehn Jahren ohne Antifouling. Das Resultat ist Erstaunlich! Teilweise haben wir ohne Putzen weniger Bewuchs als andere mit Antifouling. Allerdings muss man zugeben in der Ostsee zwischen Flensburg und L\u00fcbeck sind die Seepocken furchtbar. Dagegen ist in der Nordsee f\u00fcr mein Empfinden Antifouling total \u00fcberfl\u00fcssig, auch ohne Unterwasserschiff schrubben. Bei unseren Eisfahrten hinterlassen wir also keine Giftfahne im Kielwasser. Im Gegensatz zu Antifouling das schon nach wenigen Schollen vom Rumpf gekratzt w\u00e4re, sieht unser Unterwasserschiff wie frischpoliert aus. Die Vinyllackschichten werden aber auch nicht dicker davon. Aber es gibt ja jedes Jahr ein Schlag Farbe drauf und diesmal entf\u00e4llt wohl das vorherige ( giftfreie weil kein Antifouling) Schleifen.<br \/>\nNach drei Stunden im Eis haben wir noch lange nicht genug, man kann seine Gedanken ewig \u00fcbers Eis gleiten lassen, aber wir m\u00fcssen trotzdem weiter, bevor uns das Eis in seinen Bann und das Schiff in seine Gewalt gebracht hat.<br \/>\nAber noch haben wie den Wendepunkt der Reise nicht erreicht.<br \/>\nKurs S\u00fcdost, am Horizont Nordaustlandet, die Hinlopenstrasse, die noch bis zum Rand voller Eis ist, der Wijdefjorden und Moffen. Diese atollartige fast runde, flache Insel mit ihrer Lagune ist einer der letzten R\u00fcckzugsorte der Walrosse. Sie darf deshalb im Fr\u00fchling und Sommer nicht betreten werden.<br \/>\nWir segeln weiter in den Woodfjord. Ein riesiger Eisberg gl\u00e4nzt metallikblau, nein v\u00f6lliger Bl\u00f6dsinn, eisbergblau in der unter den Wolken hervorscheinenden Sonne. Am Horizont rundum spitzgezackte hohe Berge, umflossen von unz\u00e4hligen Gletschern. Mitten im Fjord stossen wir auf zwei Minkwale und eine Riesenpulk Dreizehenm\u00f6wen, die allesamt hinter einer grossen Wolke Krill her sind. Wir lassen uns inmitten des Spektakels treiben. Die M\u00f6wen machen ein H\u00f6llengezeter. Sie konzentrieren sich dichtgedr\u00e4ngt auf Kreise mit vielleicht anderthalb Meter Durchmesser an denen das Wasser zu kochen scheint. Der Krill schillert im glasklaren Wasser. Derweil ziehen die Wale elegant ihre Bahnen und \u00fcbert\u00f6nen mit dem Blass sogar die M\u00f6wen. Anfangs respektvoll Distanz haltend, kommen die ca. acht bis zehn Meter langen Tiere mit der Zeit neugierig bis auf eine Schiffsl\u00e4nge ans Boot, um kurz darauf gelangweilt davonzuziehen. Jetzt haben wir, nach einem Wechsel der Kassette (verdammt wo ist bloss die andere ???) und dem nur etwa zehn Minuten dauernden Zur\u00fcckspulen derselben, worauf dann auch der Akku leer war und ebenfalls ausgetauscht werden durfte, die Videokamera in Anschlag. Die Aufnahmen zeigen ein phantastisch blauen Fjord und die fast perfekte Wasserlinie wird nur durch zwei winzige, mikroskopisch kleine Punkte ( den Walen ) gest\u00f6rt. Aber so ist es halt. Die wirklich grossen Dinge im Leben kann man nur live erleben. Da m\u00fcsst ihr halt schon mitkommen.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Mushamna, der 18.06.05<\/h4>\n<p>Nachdem Herr Trinks, der hier unter dem Deckm\u00e4ntelchen der Wissenschaft mit seinen Robbenschlachtorgien seine Blutr\u00fcnstigen Triebe befriedigt hat, wieder weg ist, herrscht wieder Friede in der Lagune. Allerdings liegt noch genug \u00dcberreste herum um zu ahnen was hier passiert ist. In Ny Alesund gibt es neben High-Tech Laboratorien von vielen Nationen auch eine etwa f\u00fcnfhundert Meter entfernt liegende Lagune, wo man alle erdenklichen Experimente unter wissenschaftlichen Bedingungen ausf\u00fchren kann. Nur rumballern und das in den siebzigern durch weltweite Proteste eingestellte Robbenschlachten ist dort nicht gern gesehen, daf\u00fcr muss man sich schon etwas besonderes einfallen lassen. Aber Herr Trinks und seine Kollegen werden den seit Jahrhunderten w\u00e4hrenden Vernichtungskrieg gegen die Natur in Spitzbergen weiterf\u00fchren. Bis auch der letzte Fuchs grausam in einer Falle verendet ist ( um den Pelz zu schonen), das letzte Schneehuhn von einer Schrotgarbe zerfetzt und der letzte Eisb\u00e4r verhungert ist, weil er keine Nahrung mehr findet. Irgend ein Grund f\u00fcr das Schlachten findet sich immer, wie z.B. &#8222;die Erforschung der entstehung des Lebens im Eis&#8220;.<br \/>\nEine einzige Robbe lebt hier noch, die muss Ihm wohl durch die Lappen gegangen sein.<br \/>\nDie grosse gutausger\u00fcstete Trapperstation, die einen Kilometer von Mushamna entfernt steht, findet in den Heldenaufzeichnungen auch kaum Erw\u00e4hnung. Sie sieht ja auch &#8222;ganz neu&#8220; aus und stand zu Trinks Zeiten vielleicht noch nicht da? Deutschland ist weit und es gibt halt eine beleuchtete und eine unbeleuchtete Seite. Man muss sich nur richtig in Szene setzen.<br \/>\nHoffentlich ist der Herr Professor jetzt nicht b\u00f6se, wenn ich so an seinem Putz kratze, ich kann mich bestimmt nicht mit ihm messen. Gott sei Dank!<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Grahuken, der 19.06.05<\/h4>\n<p>Eine Frau erlebt die Polarnacht. Wir stehen vor der tiefverschneiten H\u00fctte in der Christiane Ritter \u00fcberwintert hat. Sie sieht genauso aus wie auf den Bildern, man glaubt kaum das inzwischen siebzig Jahre vergangen sind. Eine in gebrauch befindliche Fuchsfalle, vermutlich von der Trapperstation in Mushamna, ist nicht weit von der H\u00fctte. Frischges\u00e4gtes Holz ist aufgestapelt, den Spuren im Schnee nach zu urteilen war aber schon l\u00e4nger kein Mensch mehr hier. Die Spuren von Eisb\u00e4r und Fuchs sind frischer. Etwa hundert Meter weiter steht inzwischen eine kleine, dixigrosse Wetterstation. Gedankenverloren wandern wir \u00fcber Grahuken, sammeln ein paar Steine als Souvenir. Wieder an Bord beobachten wir zwei Rentiere. Es ist mir schleierhaft wovon sie in dieser Steinw\u00fcste leben.<br \/>\nDer Wetterbericht sagt seit Tagen dasselbe: Variable 4, mainly dry, risk of fog banks. Wir hatten erfreulicherweise erst zwei Nebelb\u00e4nke. Unter Grossegel, Besan und Kl\u00fcver motoren wir bei, na ja anfangs NNE 2-3, jetzt eher 0-1 nach Westen. Die warmen Quellen des Bockfjords konnten wir nicht besuchen. Eis! Fast der Ganze Fjord war noch zugefroren. Genau wie unsere Wasserleitungen heute Morgen. Eine halbe Stunde nachdem der Kaminofen brannte war der Eisgries wieder verschwunden. Zwar war es heute sehr warm, mit 5 bis 6\u00b0C flimmerte die Luft \u00fcber den Steinfeldern von Grahuken, aber das Wasser mit -1\u00b0C k\u00fchlt durch die st\u00e4hlernen Schiffsw\u00e4nde die Tanks. Durch den Unterdruck den die Pumpen erzeugen kommt es dann in den Leitungen schlagartig zur Eisbildung.<br \/>\nFair Haven ist unser Ziel. Eine nach Westen offene Bucht mit zwei Meilen Durchmesser, zwischen vier Inseln an der \u00e4ussersten Nordwestecke Spitzbergens. Starke Str\u00f6mungen bis 5 kn setzten durch die Bucht. Man muss mit Fallb\u00f6en von den zwei- bis vierhundert Meter hohen Bergen der Inseln rechnen. Der Ankergrund ist steinig und unrein auf zehn bis dreissig Metern Tiefe. Ein Paar gr\u00f6ssere und kleinere Felsen durchbrechen die Wasserlinie \u00d6stlich der Buchtmitte. &#8211; Eben ein wirklich sch\u00f6ner Hafen, &#8211; an diesem Ende der Welt.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Fair Haven, der 20.06.05<\/h4>\n<p>In der Durchfahrt zwischen den Norsk \u00f6yane Inseln Ankern wir im Strom. Es gibt dort nur eine Untiefe mit 1,7 Metern, die wir aber trotz l\u00e4ngerer Suche mit dem Beiboot nicht finden k\u00f6nnen. Der Stein ist jedenfalls nicht im Schwoikreis des Schiffes, das ist die Hauptsache. Mit den Seekarten ist das hier so eine Sache. Auf fast allen prangt der Stempel &#8222;old local Datum, WGS 84 positions can not be plotted directly on this Chart&#8220;. Weiter unten auf der Karte wo normalerweise die Korrekturdaten f\u00fcr WGS84 stehen, liest man dann &#8222;Adjustments for plotting positions obtained from satellite navigation systems cannot be determinated for this Chart&#8220;. Unser GPS ist hier also wenig hilfreich. Unsere elektronischen Karten stimmen mit den tats\u00e4chlichen Positionen schon gar nicht \u00fcberein, da sind die \u00dcbersegler noch genauer. Wirklich lausig. Na ja, f\u00fcr wen sollte diese K\u00fcste auch vermessen werden? Aber ist ja auch nicht schlimm, Dank der nordischen Segelschule sind wir ja Experten in terrestrischer Navigation. Also schnell ein Paar Peilungen genommen, nochmal gelotet, dazu die Radarpeilungen und schon sind alle Zweifel ausger\u00e4umt.<br \/>\nAn Land besichtigen wir die \u00dcberreste der Tran\u00f6fen und den &#8222;Friedhof&#8220; dieser alten Walf\u00e4ngersiedlung. Schon erstaunlich wie die Menschen vor vierhundert Jahren auf diesen schmalen Ger\u00f6llhalden vor den steilen Bergh\u00e4ngen \u00fcberleben konnten.<br \/>\nVorbei an den vielleicht hundert Steinh\u00fcgelgr\u00e4bern klettern auf den &#8222;Utkiken&#8220;, den Aussichtsberg. Nach Norden blaues Meer, in der Ferne erkennt man an den Nebelb\u00e4nken die Eisgrenze. Der Kontinentalhang reicht hier bis an die Inseln, wenige Meilen davor ist es schon \u00fcber tausend Meter tief. Im Osten die Nordk\u00fcste Spitzbergens und im Hintergrund das Nordaustland bedeckt von Eis. Im S\u00fcden die &#8222;spitzen Berge&#8220; und Gletscher, Gletscher, Gletscher. Rund 60% von Svalbard, so der nordische Name Spitzbergens, sind davon bedeckt. Doch auch hier macht der Treibhauseffekt kein halt. F\u00e4hrt man heute an die Gletscherzungen heran, stellt man fest, dass man eigentlich schon ein bis zwei Meilen hinter den auf den Seekarten eingetragenen Abbruchkanten von 1966 steht. Im Westen die Nachbarinseln, zwischen denen der &#8222;Fair Haven&#8220; liegt.<br \/>\nNebel zieht auf und l\u00e4sst die Landschaft noch gespenstischer erscheinen. Der s\u00fcsslich, fettige Geruch des Waltrans liegt in der Luft, Man h\u00f6rt die Takellagen der Fangschiffe in der Bucht knarren und \u00e4chtsen . Die M\u00e4nner rufen sich in seltsamen Sprachen Kommandos zu. Ein Wal wird mit Winden die Flosse voran an Land gezogen. Die Feuer prasseln unter den Zehn \u00d6fen der Bucht. Menschen in seltsame Lumpen gekleidet laufen umher. Da, Schreie!<br \/>\nEine Schmarotzerraubm\u00f6we wird von den viel kleineren K\u00fcstenseeschwalben vertrieben und im Nu sind die Trugbilder der Vergangenheit verschwunden. Tordas liegt verlassen in der Bucht, das Schlauchboot gut vert\u00e4ut am Strand. Vorsichtig laufen wir zwischen den \u00fcberall br\u00fctenden Eiderenten den Hang hinab. Weiter unten rutschen wir den letzten Schneehang auf dem Hintern hinab.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen, wurden wir von Stimmen und Schiffsger\u00e4uschen geweckt. Aber so sehr wir uns auch bem\u00fchten etwas durch den Nebel zu ersp\u00e4hen, &#8211; wir waren allein in der Bucht. Seitdem h\u00f6ren wir wieder diese seltsamen Ges\u00e4nge, von denen wir zuerst glaubten es seien die Gletscher. Es sind auch nicht die Wale oder Walr\u00f6sser wie uns die Forscher aus Ny Alesund weismachen wollten. Ich weis nicht was es ist. Aber eines ist sicher! Es sind viele. Sie sind mal nah und mal fern und jeder an Bord kann sie h\u00f6ren, mal laut und mal leise. Kommen sie aus dem Meer? Oder der Erde? Sind es die Stimmen der Vergangenheit?<br \/>\nWir lichten den Anker und fahren zwischen steilen, im Nebel dunkel drohenden Felsw\u00e4nden davon.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Bj\u00f6rnhamna, der 21.06.05<\/h4>\n<p>Hinter Amsterdam\u00f6ya wird die Sicht besser, der Nebel wabert jetzt ca. 20 Meter \u00fcber dem Meer. Zwischen Felsb\u00e4nken und Untiefen hindurch laufen wir Posthamna an. Dies war die letzte Station der alten Seefahrer, bevor sie in die Heimat segelten. Hier wurden Briefe f\u00fcr Heimat gesammelt, die von den &#8222;S\u00fcdfahrern&#8220; mitgenommen wurde und die &#8222;Nordfahrer&#8220; legten die Post aus der Heimat hier nieder, die bei Gelegenheit abgeholt wurde. Der Hafen war von allen gr\u00f6sseren Fangstationen mit dem Ruderboot erreichbar und lag auf neutralem Boden. Dies war nicht unwichtig , da die ohnehin rivalisierenden Walf\u00e4nger aus vielen L\u00e4ndern und St\u00e4dten kamen. Engl\u00e4nder, Holl\u00e4nder aus acht St\u00e4dten, Hamburger, Marstaler u.v.a.m.. Teilweise wurden Kriegsschiffe Stationiert und um die ertragsreichen Fanggr\u00fcnde kleinere Seeschlachten ausgefochten. Selbst in dieser Lebensfeindlichen Ein\u00f6de konnten die Menschen keinen Frieden halten.<br \/>\nWir Schreiben Postkarten. Zusammen mit einer Nachricht f\u00fcr das n\u00e4chste Postschiff wir alles in einer Flasche verkorkt. Mit dem Schlauchboot erkunden wir die Bucht. Schmelzwasser wird im Kanister gebunkert, wir besichtigen zwei sehr alte, zerst\u00f6rte Trapperh\u00fctten. Wie bei allen Landg\u00e4ngen sehen wir auch hier B\u00e4renspuren, von Meister Petz selbst ist jedoch nichts zu sehen. Auf dem Damm der Lagune liegen Unmengen von Treibholz und Walknochen. Auf einer Landzunge bei einem Steint\u00fcrmchen deponieren wir unsere Flaschenpost. Die alte Poststelle ist nicht mehr zu finden, vielleicht wurde sie vom Eis ins Meer geschoben. In harten Wintern wird das Packeis \u00fcber Uferstreifen und Landzungen gedr\u00fcckt &#8211; die effektivste Planierraupe die man sich vorstellen kann.<br \/>\nEin Rentier kommt vorbei. In der Lagune beobachtet uns eine Robbe. Vorsichtig n\u00e4hern wir uns dem Strand. Da ist sie wieder, schaut neugierig was wir da so anstellen. Wir Filmen. Kopf raus, Kopf weg, ein Rundumblick, eine Flosse, weg. Eine halbe Stunde und wir haben genug Material. Wir gehen zum Schlauchboot stossen uns ab. Da ist sie. Direkt neben dem Boot. Wir rudern, wir rufen, werfen ihr eine alte Fischernetzkugel zu, sie spielt damit. Sie scheint sich zu freuen das endlich jemand mit ihr spielt. In dieser Ein\u00f6de. Nach einer weiteren halben Stunde werfen wir den Aussenborder an und fahren langsam zum Schiff. Die Robbe hinterher. Mir wird klar warum diese lebensfrohen Gesch\u00f6pfe so gern &#8222;gejagt&#8220; werden. Sie kommen heran und wollen nur spielen. Aus f\u00fcnf Metern Entfernung trifft dann jeder &#8222;Heger&#8220;.<br \/>\nWir gehen wieder Anker auf und verholen nochmal zehn Meilen nach Bj\u00f6rnhamna, dort ruhen wir uns erst mal aus.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen, oder was immer das f\u00fcr eine Tageszeit sein mag an der wir erwachen, trinken wir nur schnell einen Kaffee bevor wir zur Landzunge am S\u00fcdende der kleinen Bucht \u00fcbersetzen. Eine H\u00fctte am Strand, ein paar F\u00e4sser als Treibstoffdepot f\u00fcr den Hubschrauber vom Sysselmann( Gouvaneur von Spitzbergen), Ein Fass mit der Aufschrift &#8220; 200l, Vorsicht Treibstoff, feuergef\u00e4hrlich, HEER&#8220; und zweieinhalb alte Ruderboote, vorne gegen das Eis mit Blech beschlagen sind hier zu sehen. Wir steigen auf den namenlosen Berg, der hinter der H\u00fctte liegt. Wie schon so oft finden wir vereinzelte Rentierknochen und Geweihe, Reste einer Eisb\u00e4renmahlzeit. Oben geniessen wir die Aussicht \u00fcber den Smeerenburgsund. Tief unter uns erkennen wir die Stromwirbel im schmalen Fahrwasser, bald kentert der Strom, Zeit zum Abstieg. Nicht ganz ohne Hintergedanken haben wir diesen Berg gew\u00e4hlt. Vom Gipfel bis ans Ufer verl\u00e4uft eine sch\u00f6ne Schneerinne. Nach dem ersten Versuch in Fair Haven sind wir schon voller Freude auf die Rodelpartie ins Tal. Und ab geht&#8217;s! Steil in Schussfahrt mal F\u00fcsse, mal Kopf voran geht es im Sausetempo ins Tal. Hintendran immer Sheila, unser Bord-vor-B\u00e4ren-besch\u00fctz-Hund, rutschend, sich in wildem Galopp \u00fcberschlagend. Es gef\u00e4llt ihr garnicht nicht die erste zu sein. Unten begutachten wir unsere Spuren. Wozu \u00dcberlebensanz\u00fcge nicht alles gut sind.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Ebeltoftbukta, der 22.06.05<\/h4>\n<p>Schiefergraues Meer liegt glatt und tr\u00e4ge vor uns. Eine alte, sehr lange D\u00fcnung rollt von S\u00fcdwesten an. Berge mit M\u00fctzen und Schals aus Nebelschwaden an Backbord. So stelle ich mir den Rand der Welt vor. Irgendwo hinter dem Horizont fliesst das Meer \u00fcber den Rand ins Nichts. Wie mag es hier in der ewigen Nacht des Winters sein? Im Nebel und mit Packeis? Gedanken an Hieronimuss Bosch ziehen auf.<br \/>\nEine kleine, kreisrunde, ungastliche Bucht taucht an Backbord auf. Wie mit dem Locher in die K\u00fcstenlinie gestanzt liegt sie da. Hamburgbukta. Die Einfahrt ist vielleicht 30 Meter breit, an beiden Seiten felsenbewehrt und soll zwei Meter tief sein. Bei halber Flut mit 2,1 Meter Tiefgang versuchen wir es. Hart setzt Tordas in der D\u00fcnung auf den nur 1,6m tiefen Felsen. Gut, dass er aus Cortenstahl ist. Schade, die Hamburgbukta verwehrt uns den Zutritt.<br \/>\nKrossfjord, Ebeltoftbukta. Alle sind ersch\u00f6pft, schlafen ist angesagt. Der Morgen (?) empf\u00e4ngt uns mit strahlendem Sonnenschein. Landgang, wie immer mit dem ganzen Ger\u00f6lle. Zwei Gewehre, Signalpistole, Munition, Fernglas, zwei Spiegelreflexkameras, Objektive, Videokamera, Stativ, Kekse, Wasserkanister, Hund, Hundeleine, Rucksack. Heute, weil so sch\u00f6nes Wetter, ist ohne \u00dcberlebensanz\u00fcge. Das Schlimme ist nicht die Menge an sich, sondern dass immer alles griffbereit sein muss. Nach zehn Minuten h\u00e4ngt einem alles um den Hals, eine gute \u00dcbung f\u00fcr alle die sich mal aufh\u00e4ngen wollen. Das Gewehr sollte immer ganz oben h\u00e4ngen, sonst lacht sich der Eisb\u00e4r tot, wenn er bei der Knotenbildung um den Hals zusieht. Und das wiederum ist verboten weil Eisb\u00e4ren unter strengem Schutz stehen. Zumindest hier.<br \/>\nWir finden die zerst\u00f6rten Reste einer Wetterstation aus dem ersten Weltkrieg. Eine H\u00fctte ohne W\u00e4nde, ein explodierter Ofen in der Ecke, als T\u00fcrschwelle ein Stein in den &#8222;Velkommst&#8220; eingeritzt ist, daneben liegt der alte T\u00fcrriegel, das ganze Dach etwa 20 Meter weiter. Und nat\u00fcrlich die obligatorische Walfangstation aus dem 17ten Jahrhundert. Weiter hinten liegt der Friedhof. Einsame Steingr\u00e4ber in der endlosen Ein\u00f6de. Ich stelle mich vor ein Grab das sich von den anderen abhebt. Es ist neuer, nur wenige Steine liegen auf der Holzkiste. Ein altes Holzschild ohne Schrift steht davor. Durch die breiten spalten des Sargdeckels scheinen die ausgeblichenen Gebeine des Unbekannten. Ich blicke zur alten Funkstation.<br \/>\nIrgendetwas stimmt nicht! Es ist schon lange Nacht, vielleicht einen Monat. Die anderen Beiden sind vor zwei Wochen losmarschiert zum Eingang des Fjords. Wir sahen dort in der Ferne die Lichter des lange ersehnten Schiffes. Es sollte schon vor zwei Monaten, vor Einbruch der Nacht hier sein. Es bringt unsere Verpflegung und Nachschub an Material. Unser Batterievorrat ist fast ersch\u00f6pft. Einen Tag nachdem sie losmarschiert sind begann das Unwetter. Schnee, Wind, Schnee, Sturm, Schnee. Unvorstellbare B\u00f6en packten die H\u00fctte, die W\u00e4nde knarrten und bogen sich nach innen, die Pritsche wurde von der Wand gedr\u00fcckt. Ich hatte Angst, dass die ganze H\u00fctte trotz der dicken Dr\u00e4hte mit der sie ab den Felsen verspannt ist einfach weggeblasen wird. Je h\u00f6her der Schnee lag desto weniger bekam der Wind die H\u00fctte in seine Gewalt. Zuerst war es beruhigend, jedoch packte mich bald die Angst als ich merkte, dass sie nun bald im Schnee versinken w\u00fcrde. Holz und Kohle draussen an der R\u00fcckwand waren unerreichbar und mein Vorrat hier drinnen ging zur Neige.<br \/>\nNach drei Tagen war alles vorbei. Das Ofenrohr schaute offensichtlich noch aus dem Schnee und ich hatte noch einen Rest Holz mit dem ich sparsam umging. Ich begann den Eingang freizugraben. Der Schnee f\u00fcllte bereits den halben Raum und ich begann schon zu \u00fcberlegen wohin damit, als ich endlich ins Freie stiess. Eisige K\u00e4lte hatte sich \u00fcber das Land gelegt. -32\u00b0 Celsius.<br \/>\nDie anderen mussten die Noth\u00fctte am Fjordeingang lang vor Einbruch des Sturmes erreicht haben und konnten sich mit dem Nachschub dort gut einrichten, aber mit Ihrer R\u00fcckkehr war erst in zwei Tagen zu rechnen, wenn der Fjord zugefroren war und sie mit Schlitten \u00fcbers Eis konnten. Ich las jeden Tag die Instrumente ab, grub das Brennholz aus dem Schnee und versuchte ohne Erfolg die umgewehte Funkantenne aufzustellen. Und ich warte, seit einer Woche warte ich auf die anderen. Was ist geschehen?<br \/>\nHeute Nacht schneit es wieder und es ist warm geworden, -8\u00b0C. Und irgendetwas stimmt nicht. Draussen ist etwas! Es schleicht um die H\u00fctte. Ein Eisb\u00e4r? Eher unwahrscheinlich. Die sind jetzt draussen an der K\u00fcste, am Eis bei den Robben, nicht hier, wo es ausser Schnee nichts gibt um diese Jahreszeit. Die anderen? Ich rufe. Nichts. Ich fange an den Eingang freizugraben, es ist wieder alles zugeweht vom Schnee. Ein Ger\u00e4usch! Am Ofenrohr. Irgendetwas ist \u00fcber der eingeschneiten H\u00fctte! Ich rufe, klopfe. Keine Antwort, aber jemand ist da, ich sp\u00fcre es. Stimmen, sie werfen etwas ins Ofenrohr. Ich begreife &#8211; eine Granate. Die letzten Sekunden werden zur Ewigkeit.<br \/>\nSie haben mich hierhergebracht. Es waren unsere. Im Fr\u00fchjahr als der Schnee weg war, haben sie mich gefunden. Sie kamen, um zu schauen warum der Funkkontakt unterbrochen war und um endlich Nachschub zu bringen. Die Lichter in der Nacht, es war nicht unser Schiff. Es war ein anderes. Der &#8222;Feind&#8220;. Sie haben mich hier eingegraben. Der Boden war noch gefroren. Sie sangen ein Lied von Helden. Dann sind sie gegangen. Jetzt liege ich hier zwischen den alten, deren Sprache ich nicht verstehe. Sie reden von Walen und Schiffen aus Holz. Ich denke an mein Funkger\u00e4t, das die Wellen in die Unendlichkeit zu den Sternen schickte. Es liegt zerst\u00f6rt zwischen den Steinen. Ich warte auf die Antwort der Sterne. Ich kann die Wellen h\u00f6ren, denke ich und gehe zum Strand, dorthin wo das Schlauchboot liegt.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Tordenskj\u00f6ldbukta, der 23.06.05<\/h4>\n<p>Eigentlich sollte das ja mal &#8222;Tordas Gold Bucht&#8220; heissen, aber durch einen \u00dcbersetzungsfehler wurde dann Tordenskj\u00f6ld draus. Wie selbstverst\u00e4ndlich jeder weiss war dies ein ber\u00fchmter Skandinavischer Admiral (oder irgendsowas, ich war damals im Unterricht gerade (wie so oft) Kreide holen). Im Norden wird die Bucht durch den Kanonenodden, im S\u00fcden durch den Marstalodden begrenzt. Oh Marstal, liebliche Stadt im S\u00fcden Aer\u00f6s. Das Schifffahrtsmuseum dort w\u00fcrde hier sicher das eine oder andere Wertvolle Ausstellungsst\u00fcck am Strand finden. Zur Abwechslung besteht das Land hier aus einer weiten, flachen, moosbewachsenen Ebene dem &#8222;Daudmannsland&#8220;.<br \/>\nAls wir den steilen Strandwall erklommen haben sehen wir sie: Rentiere, Rentiere, Rentiere. Die m\u00fcssen sich wirklich rentieren. F\u00fcr unseren &#8222;ichbesch\u00fctzeuchvordemb\u00f6senB\u00e4rBordHund&#8220; Sheila ist das zuviel. Sie rent hier hinter dem n\u00e4chstbesten Rentier her, da gibt&#8217;s kein Halten mehr. das Rentier trabt lustig voran, dreht sich ab und zu um, schaut ob der Hund auch hinterher rent, nimmt einen Bissen Moos und weiter geht&#8217;s. Nach ungef\u00e4hr zehn Minuten haben die Zwei, immer im Zickzack zwischen den anderen Rentieren herlaufend, den Horizont erreicht. Auf mein Rufen und Schreien kommen alle Rentiere von nah und fern angelaufen &#8211; nur der Hund nicht. Als die Rentiere bis auf zehn Meter ran gerent sind, fange ich an mir Gedanken zu machen was ich wohl tue, wenn sie mit ihren pr\u00e4chtigen Geweihen angreifen? Ich hab da so meine Erfahrung mit Ziegen und Schafsb\u00f6cken, und das hier sind viele und auf ganz Spitzbergen gibt&#8217;s keinen Baum und was wenn sie mich f\u00fcr einen Eisb\u00e4ren halten? Soll ich Rot schiessen? Oh Gott! Augen zu und &#8230; uff sie sind stehengeblieben. Kurz bevor ich zum Gegenangriff \u00fcbergegangen w\u00e4re! Na, die haben nochmal Gl\u00fcck gehabt!<br \/>\nNur der Hund bleibt verschwunden. Es ist zwar eine Ebene und man denkt es sei sehr \u00fcbersichtlich, aber in den Bodenfalten die man erst in zehn Metern Entfernung wahrnimmt und zwischen den sanften H\u00fcgeln kann man ganze Elefantenherden, quatsch, Eisb\u00e4renhorden verstecken. So wandern wir zwischen unz\u00e4hlig herumliegenden Rentiergeweihen und den Rentieren selbst, die auch von Ferne herbeieilen, sobald ich den Hund rufe, von H\u00fcgel zu H\u00fcgel, bis wir das Meer auf der anderen Seite sehen. Aber was ist das? Eis soweit das Auge reicht. Der ganze Isfjord liegt unter einem dichten Packeisg\u00fcrtel. Oje, da m\u00fcssen wir nachher durch.<br \/>\nIn der Hoffnung Sheila sei bestimmt schon wieder am Schlauchboot kehren wir um. Nach zwei Stunden sind wir am Strand, vom Hund keine Spur. Wir \u00fcberlegen. Jemand f\u00e4hrt zum Boot, die Bordwache informieren. Ich bleibe am Strand und st\u00f6bere durch die \u00dcberreste von? Na, habt ihr&#8217;s erraten? Ja, wie wunderlich, einer alten Walfangstation.<br \/>\nDie Rentiere sind wie vom Erdboden verschluckt. Nicht eines ist mehr zu sehen. Ich frage mich warum und wohin sie so pl\u00f6tzlich verschwunden sind. Eisb\u00e4r denke ich, und schaue mich vorsichtig um.<br \/>\nWar da was? Ich schaue durchs Fernglas. Am Horizont bewegt sich was! Ich kann es nicht erkennen. Weg. T\u00e4usche ich mich? Da ist es wieder! &#8211; Sheila! Ich rufe, schreie, winke wild mit den Armen. Endlich, sie bleibt stehen schaut in meine Richtung, z\u00f6gert, wittert, dann rennt sie los. Erl\u00f6sung! Ich sah mich schon tagelang am Strand zelten, Hund suchen. Das Land ist weit. Gr\u00f6sser als Holland und Belgien zusammen, ca. 2000 Einwohner insgesamt, fast alle in Barentsburg, Longyearbyen und Ny Alesund und 3 bis 5tausend Eisb\u00e4ren. Die Rentiere hat wohl noch keiner gez\u00e4hlt.<br \/>\nJetzt ist sie bei mir, mit h\u00e4ngender Zunge. Erst Begr\u00fcssung, dann Moralpredigt. Wir einigen uns darauf, dass es ab morgen wieder Dosen mit Rentier gibt, statt den verhassten Igittigitt Seefischdosen. Daf\u00fcr keine Sondertouren mehr ohne Genehmigung!<br \/>\nIch gebe einen Schuss ab, kurz darauf erscheint jemand an Deck von Tordas. Zehn Minuten sp\u00e4ter werden wir vom Schlauchboot abgeholt.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Longyearbyen, der 25.06.05<\/h4>\n<p>Das w\u00e4re geschafft. Ein kompakter Pfropfen &#8222;close drift ice&#8220; blockiert den Eingang zum Isfjord. Gl\u00fccklicherweise war er nicht sehr breit nur ca. 5 Seemeilen. Nach drei Stunden hatten wir uns durchgedr\u00e4ngelt, geschoben und gezw\u00e4ngt. Trotz Flaute war das Eis dabei st\u00e4ndig in Bewegung, \u00f6ffnete Spalten, schob sich zusammen, ein sich st\u00e4ndig \u00e4nderndes Mosaik von grossen und kleinen Schollen. Um 1300 Uhr waren wir im Adventfjord und ankerten unweit der Servicepier von Longyearbyen. Schlafen, putzen, Wasser bunkern mit Kanister, W\u00e4sche waschen, Strandkohle sammeln zum heizen. Die Kohle liegt hier \u00fcberall rum. Unter den alten Transportseilbahnen ist an den schwarzen Haufen zu sehen wo mal eine Gondel abgest\u00fcrzt ist und der ganze Strand hat einen schwarzen Streifen von angeschwemmter Strandkohle aus der wir uns die grossen St\u00fccke f\u00fcr unseren Kaminofen raussammeln. Auch das langsam gewachsene Treibholz aus der Sibirischen Taiga, das in ganz Spitzbergen am Strand liegt, brennt vorz\u00fcglich, sodass es an Bord immer mollig warm ist. Um 00.00 Uhr war dann alles erledigt und am 25.06 um 01.00 Uhr stand das Empfangskomando am Flughafen. Crewwechsel. Diesmal haben wir auch eine Waffe dabei. Mit einer Stunde Versp\u00e4tung, um 02.00 landete das Flugzeug und um 03.00 lagen alle nach einem willkommens Whiskey in den Kojen. Um 09.00 ist Wecken. Ein schnelles Fr\u00fchst\u00fcck und ab geht&#8217;s zum Sightseeing und Einkaufen. Postkarten werden geschrieben, letzte Souvenirs besorgt und Unmengen von Milch, Brot, Marmelade (hier gibt&#8217;s viel leckerere als in Deutschland), Gr\u00fcnzeug und Salat werden in T\u00fcten und Rucks\u00e4cken zum Schlauchboot geschleppt. Zwei Rentiere laufen jeden Grasb\u00fcschel fressend mitten durch die Stadt. Nachdem an Bord alles verstaut ist, bringen wir als letztes Hardy an Land. Er verl\u00e4sst uns hier leider. Traurig verabschieden wir uns, aber es ist ja nicht f\u00fcr lange, in zwei Wochen kommt er (stimmt doch Hardy, oder?) wieder an Bord.<br \/>\nBei frischem S\u00fcdost gehen wir Anker auf und segeln mit halben Wind dem Ausgang des Isfjords entgegen. Kommen wir wieder raus oder ist das Eis so dicht, dass es kein Entrinnen mehr gibt? letztes Jahr um diese Zeit war der weite Isfjord f\u00fcnf Wochen lang durchs Eis blockiert. Keiner kam rein, keiner raus. Die Eiskarte verspricht nichts Gutes.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Auf See, der 26.06.05<\/h4>\n<p>Wir haben Gl\u00fcck! schon unterwegs h\u00f6ren wir von dem Forschungsschiff &#8222;Professor Malchor&#8220; aus Murmansk das der Ausgang des Isfjord Eisfrei ist. Wir beschliessen daraufhin noch einmal die Ymerbukta am Ende des Fjords anzulaufen, um noch einmal richtig auszuschlafen und Kr\u00e4fte f\u00fcr die \u00dcberfahrt nach Norwegen zu sammeln. Ein letztes mal ankern wir vor einem Gletscher. In der Mitternachtssonne machen wir mit dem Schlauchboot eine Spazierfahrt in der Bucht und fotografieren die Robben auf dem Eis. Nach einer langen &#8222;Nacht&#8220; in den Kojen machen wir noch einen Abschlussbesuch an Land. Byebye Spitzbergen. Anker auf und los geht&#8217;s. Ich bin innerlich aufgew\u00fchlt. Wird es eine gute schnelle \u00dcberfahrt? Viele Gefahren lauern unterwegs, Eis, Sturm, Seegang, Nebel, Bruch. Es dauert nicht lange und wir stossen auf Eis. Ein d\u00fcnner Streifen lockeren Eises versperrt uns den Weg zum offenen Wasser. Kein Problem f\u00fcr Tordas. Es sind die \u00dcberreste des vom Ostwind aus dem Fjord geblasenen Pfropfens der uns vor zwei Tagen die Einfahrt so erschwert hat. Nach zehn Meilen offenen Wassers stossen wir auf das von S\u00fcden heraufziehende Packeis. Mit langen d\u00fcnnen, scharfen Fingern greift es nach uns. Ich muss an Freddy Kr\u00fcger denken. Nightmare on Elmstreet. Aber es ist ja immer Hell hier. In einem grossen Bogen nach S\u00fcden folgen wir der Eiskante, die vierzig Meilen vor Spitzbergen verl\u00e4uft. In der Ferne blasen ein paar Wale. wir segeln \u00fcber der K\u00fcstenschelfkante, die Wassertiefe schwankt zwischen 200 und 2000 Metern. Hier ist das Lieblingsrevier der Pottwale. Langsam kommt der versprochene Nordost auf und wir setzten segel. Kurs S\u00fcds\u00fcdost, B\u00e4reninsel voraus.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Auf See, der 27.06.05<\/h4>\n<p>Eis, Eis, Eis. Soweit das Auge reicht. F\u00fcr uns ist es nicht gef\u00e4hrlich, wir fahren aussen an der Eiskante entlang. Die 565 Seemeilen Barentsee bis zur norwegischen K\u00fcste werden durch den weiten Umweg ums Eis mal eben zu rund 700 werden. Wir hatten gehofft eine kompakte Eiskante vorzufinden, aber die nord\u00f6stlichen Winde haben das Packeis am Rand zu einem Brei aus grossen und kleinen Eisbrocken zerweht. Mit langen Armen, gleich den Tentakeln einer riesigen Krake versucht uns das Eis immer wieder in sein inneres zu locken.<br \/>\nFolgt man diesen Eisausl\u00e4ufern gelangt man in immer enger werdende Fjorde deren R\u00e4nder aus locker gestreuten Eisschollen besteht. Am Ende ist kein &#8222;Fahrwasser&#8220; mehr erkennbar, aber man kommt noch ganz gut ohne Ber\u00fchrung durch die immer gr\u00f6sseren Schollen. Dann erreicht man einen Punkt an dem ein schmales Band aus enggedr\u00e4ngten Eisbrocken den Weg zur n\u00e4chsten Wasserrinne versperrt. Kein Problem, man kann sich leicht durch das kurze St\u00fcck dr\u00fccken und weiter geht&#8217;s. Irgendwann ist vom Masttop aus keine Eisspalte mehr zu erkennen. Noch f\u00e4hrt das Schiff schubsend, stossend und dr\u00fcckend durchs Eis. Der Kurs wird immer \u00f6fter von Eisschollen bestimmt, die das Schiff in die eine oder andere Richtung dr\u00fccken. Inzwischen sind viele Stunden vergangen, ein Wenden ist unm\u00f6glich geworden, die Eisschollen bestimmen den Weg: Zur\u00fcck geht nicht, zu gross ist die Gefahr Ruderblatt und Schraube zu besch\u00e4digen. Das Krachen der Eisbrocken wird lauter unter \u00e4chzen beginnen sie sich \u00fcbereinander zu schieben. Vom Wetterbericht erf\u00e4hrt man das der Wind gedreht hat und zunimmt. Der \u00fcber Kurzwelle herbeigerufene Eisbrecher, dessen Einsatz in etwa soviel kostet wie eine neue Luxusyacht, k\u00f6nnte bei gutem Wetter in drei Tagen hier sein und dem n\u00e4chsten SAR Hubschrauber fehlen 300 Seemeilen Reichweite um hierher zu fliegen. Langsam beginnen an Bord Diskussionen dar\u00fcber, ob das mit der Abk\u00fcrzung durchs Eis eine gute Idee war und in der Ferne erkennt man wie sich die Eisb\u00e4ren das L\u00e4tzchen umbinden.<br \/>\nWir halten uns sch\u00f6n am Rand, den Kurs von Eisfingerkuppe zu Eisfingerkuppe. D\u00fcnung setzt ein, das offene Wasser kann nicht mehr weit sein. Im Masttop entdecke ich eine grosse rauchgraue M\u00f6we die zwischen Topbeschlag und Windex geklemmt dasitzt. Das hat noch kein anderer Vogel geschafft. Trotz des beachtlichen Geschaukels sitzt sie ganz ruhig dort oben und schaut mir in die Augen. Ich schlage im Seevogellexikon nach wer dieser m\u00f6wenartige Vogel wohl sein mag. Da, ich hab&#8217;s gefunden!<br \/>\nDer Name ist: Eissturmvogel!<br \/>\nWas, was will uns der Dichter damit sagen?<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Noch immer auf See, der 28.06.05<\/h4>\n<p>Vor vier Stunden pappte sie \u00fcber den Horizont. Die B\u00e4reninsel &#8211; 55 Seemeilen Voraus. Seit einer halben Stunde ist sie wieder im Dunst verschwunden. Den ganzen Tag schon steht eine ekelhafte, chaotische D\u00fcnung aus Osts\u00fcdost. 1,5 bis zwei Meter, einzelne Wellen an die drei Meter. Und Flaute. Das Schiff schlingert furchtbar, das Grosssegel schl\u00e4gt wie wild. Opferwetter. Himmel und Meer sind grau in grau. Einmal besucht uns eine Schule von ungef\u00e4hr zwanzig Delfinen und am Horizont sahen wir den Blas von Walen. Wenn die D\u00fcnung an der ungesch\u00fctzten K\u00fcste der Insel bricht, sieht es schlecht aus mit einem Landgang. Viele mussten hier schon weiterfahren wegen Sturm, Seegang oder Nebel. Als l\u00e4ge ein Zauber der Unnahbarkeit auf ihr. Die 178 Quadratkilometer grosse Insel, ist rundum von einer Steilk\u00fcste umgeben, die nur an wenigen Stellen, teilweise kaum breiter als 5 Meter, ein Anlanden und Erklimmen der steinigen Ebene zul\u00e4sst.<br \/>\n23.00 Uhr, Herwighamna, die Anlandestelle der Bj\u00f6rn\u00f6ya Radiostation. Wir nehmen \u00fcber UKW Kontakt auf und werden in die Station eingeladen.<br \/>\nSchnell ziehen wir uns um, wassern das Schlauchboot und los geht&#8217;s. Am Ufer wartet schon Ted auf uns, er lotst uns zwischen den Steinen an den Strand. Auch Ted hat ein Gewehr geschultert und ich frage ihn ob Eisb\u00e4ren da sind. &#8222;You never know&#8220;, im Winter bekam die Station Besuch von Zweien. Wir tragen das Schlauchboot hoch den Strand hinauf, es l\u00e4uft eine unangenehme D\u00fcnung in die kleine Bucht, die sich an den Felsen und am Strand bricht. Tordas schaukelt wie wild und rupft unrythmisch am Anker. Wir laufen zur Station hoch, Sheila wird am Eingang festgebunden und begutachtet das wolfartige Heulen der gegen\u00fcber an ihren H\u00fctten festgebundenen Gr\u00f6nlandhuskies. Waffen und Schuhe bleiben im Windfang. Drinnen wird uns im gem\u00fctlichen Aufenthaltsraum ein Kaffee angeboten w\u00e4hrend uns der Stationsleiter begr\u00fcsst. Allgemeines H\u00e4ndesch\u00fctteln. An der Wand hinter dem Fernseher h\u00e4ngt ein riesiges Eisb\u00e4renfell. Im anderen Teil des Raumes, der Bibliothek, steht eine Ledergarnitur vor dem offenen Kamin. Er wird mit Treibholz befeuert und brennt die ganze Polarnacht. Ted deckt das Stationsaquarium mit einem Tuch ab, die Fische sollen schlafen, schliesslich ist es schon Mitternacht. Anschliessend bekommen wir eine erste Klasse F\u00fchrung durch die Station. Generatoren, Trinkwasserspeicher f\u00fcr den Winter, Partieraum, Poststelle und Minishop, K\u00fcsten- und Wetterfunkstelle, Wetterballonstation mit eigener Wasserstoffgaserzeugung, Erdmagnetfeldmessungen, Werkstatt, Fitnesstudio. Ted ist f\u00fcr die Wetterballons zust\u00e4ndig. Zweimal t\u00e4glich, um 01.00 und 13.00 Uhr wird ein Ballon gestartet und steigt bis in eine H\u00f6he von 25.000 bis 30.000 Meter auf, wo er explodiert. W\u00e4hrend seines kurzen Lebens funkt er unaufh\u00f6rlich Wetterdaten zur Station. Aus diesen Daten und denen anderer, \u00fcberall auf der Welt verteilten Stationen wird unser t\u00e4glicher Wetterbericht gekocht. Alle Geb\u00e4ude sind durch lange G\u00e4nge miteinander verbunden. Es erinnert irgendwie an eine Forschungsstation auf einem fremden Planeten. Ich habe das Gef\u00fchl einen Raumanzug f\u00fcr draussen zu brauchen. Zweimal im Jahr kommt das Versorgungsschiff und die Crew von zehn Personen wird ausgetauscht. Ted kommt aus dem n\u00f6rdlichsten Ort Norwegens. In einem Monat werden er und seine Kollegen ausgetauscht. N\u00e4chstes Jahr arbeitet er auf der Station von Hopen. Diese, auch zu Spitzbergen geh\u00f6rende Insel, liegt weiter im Osten und ist fast das ganze Jahr vom Packeis eingeschlossen.<br \/>\nIn sicherer Entfernung liegt eine komplette Reservestation, geheizt und bezugsfertig. Bei Feuer oder einem anderen Ungl\u00fcck w\u00e4re die Besatzung sonst verloren. Nach einem Eintrag ins G\u00e4stebuch besuchen wir noch das winzig kleine, aber phantastische &#8222;Bj\u00f6rn\u00f6ya Museum&#8220;, eine lose Sammlung von auf der Insel gefundenen Gegenst\u00e4nden, von Barents bis heute. Draussen f\u00e4llt mir auf, dass wirklich alle Geb\u00e4ude mit \u00fcber die D\u00e4cher verlaufenden dicken Stahlseilen am Boden verankert sind. Als ob es Fesselballone w\u00e4ren. Wir gehen noch \u00fcber eine kleine Br\u00fccke auf die andere Seite der Bucht, dort liegen die Ruinen der &#8222;Nazistation&#8220;. Unweit davon liegt ein Wehrmachtflugzeug, eine Heinkel 88 zerschmettert am Boden. Sie hat 1944 die Kohlenmine Tunheim, die wir bei der Hinreise besuchten, zerbombt und wurde anschliessend von einem englischen Kriegschiff auf der anderen Seite der Insel abgeschossen. Auch der Krieg ist im Permafrost konserviert worden. \u00dcber den Gravodden, der Gr\u00e4berlandzunge, kehren wir zur\u00fcck. Am Strand liegen tausende Walrossknochen herum und Sheila schnappt sich noch schnell einen bevor es mit dem Schlauchboot zur\u00fcckgeht.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Schon wieder auf See, der 29.06.05<\/h4>\n<p>Das Wetter ist weiterhin sehr gut, na ja, f\u00fcr arktische Verh\u00e4ltnisse halt. Wind West drei, Spr\u00fchnieselregen, mollige 2,5\u00b0 Celsius Luft und Wasser, Meer und Himmel unterscheiden sich durch verschiedene Graut\u00f6ne und die Sicht betr\u00e4gt immerhin eine stattliche Seemeile. Das ist ganz sch\u00f6n viel, wenn man bedenkt, dass im Juli statistisch an zwanzig Tagen Nebel ist. Das ist also der Durchschnitt, d.h. es gibt auch gute Jahre mit nur zehn Tagen Nebel und schlechte mit, &#8211; aber lassen wir das. Unsere &#8222;gef\u00fchlte Nacht&#8220;, sie begann heute um 06.00 Uhr, verbrachten wir im einzig eisfreien Hafen der Arktis. S\u00f6rhamna auf Bj\u00f6rn\u00f6ya. Das heisst nicht, dass es hier kein Eis gibt, aber aufgrund der Str\u00f6mung gelangt es nicht in die Bucht. Hofft man wenigstens. S\u00f6rhamna ist eine von ausgeh\u00f6hlten Felsw\u00e4nden eingefasste, hufeisenartige, nach S\u00fcden offene Bucht. Die um die Insel laufende D\u00fcnung verursacht darin wegen der Reflexion an den steilen Felsen einen st\u00e4ndigen Schwell. In der Westh\u00e4lfte der ca. 400 Meter breiten Bucht kann man auf 5 bis 7 Meter Wassertiefe Ankern, die Ostseite ist mit Untiefen \u00fcbers\u00e4t. Vorsicht Fallb\u00f6en! Man kann an dem etwa 300 Meter langen und 20 Meter breiten Kiesstrand spazieren gehen, die gut 30 bis 50 Meter hohen Felsw\u00e4nde verwehren einem den Aufstieg auf die Insel. Ihr wollt wissen warum man sich das antut? Na, ist doch klar, das ist der beste Hafen (?) im Umkreis von 250 Seemeilen! Ausserdem bietet er durch die senkrechten hohen Felsen, die H\u00f6hlen, die Wasserf\u00e4lle, die Brandung, das glasklare Wasser und die br\u00fctenden V\u00f6gel ein wirklich einzigartiges Ambiente. Wenn dann noch f\u00fcr einige Minuten die Sonne durch das Grau dringt und im Spr\u00fchnebel aus Brandung und Nieselregen einen Regenbogen \u00fcber eine H\u00f6hle spannt, dann kann man sicher sein, dass dort ein Schatz verborgen ist. Doch Vorsicht! Wer der Versuchung nicht widerstehen kann, wird diese verwunschene Insel nicht mehr verlassen. Nur von wenigen Auserw\u00e4hlten l\u00e4sst sie sich besuchen, einige davon beh\u00e4lt sie hier. Als Warnung liegt eine einsame alte Taucherflosse vor uns am Strand, der Rest liegt wohl unter der Insel begraben.<br \/>\nWir sammeln etwas Strandgut als Erinnerung und setzen unsere Schlauchbootrundfahrt fort. Wir fahren in H\u00f6hlen hinein und unter Wasserf\u00e4llen hindurch, vorbei an einer Pforte, die das Meer in den Felsen gemeisselt hat. Ein Schiff n\u00e4hert sich der Bucht. Es sind Fischer aus Norwegen. Selbst sie machen ein paar Stunden Pause an diesem wunderbaren Ort, einfach so. Wir halten einen kurzen Plausch ab und brechen dann auf, Richtung S\u00fcden. Nur noch 300 Seemeilen bis Troms\u00f6!<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Heute mal: Barentssee, der 30.06.05<\/h4>\n<p>Seit dreizehn Tagen segeln wir nach S\u00fcden. Davon sieben Tage durchgehend auf See. Aber noch immer liegt das Nordkap, das n\u00f6rdliche Ende Europas, weit im S\u00fcden. Bis zum Polarkreis ist es noch so weit wie von Helgoland nach Bergen. Wenn man von Helgoland zum Polarkreis segelt und dann noch mal die gleiche Strecke nach Norden und dann nochmal doppelt soweit wie von Sassnitz nach Bornholm, dann ist es nicht mehr weit zum Packeis. Oder andersrum, von dort aus ist Sibirien bedeutend n\u00e4her als Hamburg. Mit diesen und anderen Gedanken vertreibe ich mir die Wache. Z.B. wer kennt Jakob van Heemskerk? Na keine Ahnung? Van Heemskerk war der Kapit\u00e4n des Schiffes, das die B\u00e4reninsel entdeckte und Spitzbergen wiederentdeckte. Und Barents? Offiziell war er nur der Lotse von Heemskerk. Wer auch immer die Hosen an Bord anhatte, Barents \u00fcberlebte die Reise nicht und van Heemskerk hatte das Pech oder Gl\u00fcck nach Holland zur\u00fcckzukehren. Und wie es so damals \u00fcblich war strich man nicht selbst die Lorbeeren ein, sondern \u00fcberlies sie den Toten. Sowie ja auch Magellhaes (Magellan) nicht die Welt umsegelte, er hat lediglich die Strasse erfunden und starb vor der R\u00fcckkehr, sondern Juan Sebastian Elcano als Kapit\u00e4n der Viktoria (wie auch sonst k\u00f6nnte dieses Schiff heissen), einem der f\u00fcnf Schiffe mit denen Magellhaes aufgebrochen war. Tja, die waren noch edel und tapfer damals.<br \/>\nKaiserwetter. 9, in Worten &#8222;neun&#8220;\u00b0Celsius Luft!!! Die Sonne lacht und luftige 3 Beaufort von S\u00fcdwest. Aber meine gute Laune h\u00e4lt nicht lange vor. Schon gestern musste ich auf den anderen Satz Dieselfilter umschalten, obwohl dieser erst in Troms\u00f6 erneuert worden war. Ein Filtersatz sind bei Tordas zwei Patronen mit zwei Liter Inhalt. Das entspricht etwa dem Filtervolumen von acht Yacht \u00fcblichen Dieselfiltern. Wenn die so schnell dicht sind, dann ist was faul. Ich hab den so &#8222;superg\u00fcnstigen Sprit&#8220; von Ny Alesund in verdacht! Die Erfahrung, dass superg\u00fcnstig auch schnell teuer werden kann, haben wir schon mal auf Aaland gemacht. Damals war es Wasser und Dreck heute scheint es d\u00fcnner Schlick zu sein. Gl\u00fccklicherweise haben wir eine umschaltbare Doppelfilteranlage, deren Filter w\u00e4hrend der Fahrt gewechselt werden k\u00f6nnen und genau das hab ich grade gemacht. Jetzt sind alle vier Filter wieder OK, mal schauen wie lange das h\u00e4lt. Im Tank ist jedenfalls kein Bodensatz zu sehen. Leider muss der Motor mitlaufen, bis Trondheim sind es auf direkter Strecke 650 Seemeilen die wir in acht Tagen zur\u00fccklegen m\u00fcssen. Und f\u00fcr Troms\u00f6 und die Lofoten wollen wir auch noch etwas Zeit haben, da kommen locker noch 50 Meilen dazu. Tja, drei Windst\u00e4rken sind f\u00fcr dieses Pensum dann doch etwas wenig. Schade!<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Arctic Ocean, der 01.07.05<\/h4>\n<p>Arktischer Sommer. Immer noch 8,5\u00b0Celsius an Deck. Man kann schon ohne dicke Klamotten draussen sitzen, einfach nur in Hose und Pullover. Der Tag fing sch\u00f6n an. Um Punkt 00.48.38 nahmen wir eine Mitternachtsbreite mit dem Sextanten. Beobachtete H\u00f6he 04\u00b042,5\u00b4. Wer weiss wie es geht, kann ja mal Nachrechnen auf welcher Position wir waren, die anderen kommen einfach im Herbst in unseren Astronavi- oder SHS &#8211; Kurs. Kurz darauf war Fotosession mit einer Schule Weisseitendelfine die uns ein St\u00fcck begleiteten. Nur der Wind ist inzwischen g\u00e4nzlich verschwunden, \u00f6lig glattes Meer breitet sich vor uns aus, dennoch schaukelt Tordas in der D\u00fcnung teilweise ganz ordentlich.<br \/>\nPop! Pop! Pop! Da sind sie! Noch bevor wir die Breite des Nordkapps erreicht haben, poppen in \u00fcber hundert Kilometer Entfernung die ersten weissen Gipfel der norwegischen Berge \u00fcber die Kimm. Noch sehr klein und zierlich scheinen sie auf einer Dunstschicht \u00fcber dem Horizont zu schweben. Es werden immer mehr! Pop, pop, pop, langsam f\u00fcllt sich der ganze Horizont. Ein tolles Schauspiel am Morgen. Europa hat uns wieder, Norwegen wir kommen!<br \/>\nWind! Wind! endlich Wind! Ost 4-5 strahlender Sonnenschein und -, ihr werdet es nicht glauben! Um wirklich ganz sicher zu gehen, dass wir nicht in den Tropen gelandet sind haben wir mehrmals unsere Position \u00fcberpr\u00fcft. Aber es stimmt wirklich: 11\u00b0Celsius an Deck! Ein zweistelliger Wert! Und das im Plusbereich! Unvorstellbar. Leicht bekleidet sitzen wir an Deck und geniessen das Leben. Endlich kann ich die Norweger verstehen, die mir immer, wenn ich in dicken Schichten Segelkleidung eingeh\u00fcllt von S\u00fcden kam, im Bikini und Badehose bei frischem Wind und h\u00f6chstens 15\u00b0 Celsius entgegenkamen. Ich schwitze ja schon bei 11\u00b0C ganz f\u00fcrchterlich.<br \/>\nDie Berge werden deutlich gr\u00f6sser, nur noch zehn Meilen bis zu den vorgelagerten Inseln.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Troms\u00f6, der 02.07.05<\/h4>\n<p>Gestern abend kamen wir an in der Hauptstadt der Arktis. Der freundliche Hafenmeister, der \u00fcbrigens rund um die Uhr zu erreichen ist und auch nachts mit freundlich nettem Smaltalk Strom legt, wies uns \u00fcber UKW Kanal 12 einen Liegeplatz direkt an der Altstadt zu. Warum gibt&#8217;s so was eigentlich in Deutschland nicht? Hier und auch in Schottland ist das Standard. Vielleicht fehlen uns einfach die n\u00f6tigen Gesetze und Vorschriften? Das k\u00f6nnten doch aber nur ein paar tausend Seiten sein und die schaffen unsere Verwaltungsrechtler doch in wenigen Wochen. Also auf was warten wir noch? \u00dcberhaupt erscheint mir der Wassersport bei uns sehr unterreguliert im vergleich zu anderen L\u00e4ndern. Die geltenden Bestimmungen f\u00fcllen ja nicht mal einen Meter B\u00fccherschapp! Wo soll da nur der n\u00f6tige Ballast herkommen? Vielleicht sind wir deutschen deshalb solche Leichtwindsegler? Die Norweger scheinen da mehr Seemanschaft in der Bilge zu haben.<br \/>\nWir liegen jedenfalls mit sagenhaften Blick auf die Eismeerkathedrale neben dem Polarmuseum. Nach der Hunderunde im sch\u00f6nen Stadtteil Skansen trinken wir in der w\u00e4rmenden Mitternachtssonne noch ein Bier im angrenzenden Kneipenviertel. Von Freitag abend bis Sonntag mittag ist hier im Sommer Nonstop-Party angesagt. Wir \u00fcbertreiben es nicht und fallen nach einem Bier hundem\u00fcde in die Kojen. Um 08.00 wache ich schweissgebadet auf. Eine stickige Hitze macht sich im Achterschiff breit. Die Sonne hat die ganze Nacht aufs Deck geknallt. Aufstehen, anziehen, Szene putzen, Einkaufsbummel. Alles im T-Shirt. Menschen sitzen halbnackt auf der Strasse vor den Kaffees. Welch ungewohntes Bild. Tags\u00fcber klettert das Thermometer auf 22\u00b0 im Schatten.<br \/>\nNach dem Fr\u00fchst\u00fcck kommt der Skipper der Lowis vorbei. Die Lowis ist ein Traditionssegler aus Greifswald mit Ziel Svalbard. Wir tauschen Erfahrungen aus, und plauschen eine Weile. Anschliessend ist Stadtbummel und Sightseeing dran, unsere Crew ist schon ganz neugierig und hat einen strammen Tagesplan mit Polarmuseum, Eismeerkathedrale, Aussichtsberg u.v.a.. Uns besuchen Bekannte, die jetzt in Trom\u00f6o leben und vorher lange auf Svalbard gearbeitet haben. Es gibt viel zu erz\u00e4hlen und wir verbringen einen netten Nachmittag zusammen.<br \/>\nErste Pl\u00e4ne f\u00fcr eine Wintertour mit dem Auto durchs tiefverschneite Norwegen zum Nordkapp machen sich in meinem Kopf breit. Nordlystour! Wer Lust hat kann mir schon mal \u00b4ne Mail schicken, bis Hamburg steht der Plan. Die Reise wird im Februar stattfinden.<br \/>\nAbends machen wir noch einen Abschiedsbesuch auf der Lowis, sie starten am Montag und werden den Sommer mitnehmen nach Spitzbergen.<br \/>\nWir m\u00fcssen Troms\u00f6 schon wieder verlassen und starten kurz vor Mitternacht in einer einmaligen Abendstimmung, die die rote Sonne die ganze Nacht auf die Berge zaubert. Tiefgr\u00fcne W\u00e4lder, bunte Fr\u00fchsommerwiesen und in der Sonne rotschimmernde Berge mit weiten Schneefeldern und weissgleisenden Sturzb\u00e4chen, die rauschend \u00fcber Wasserfallkaskaden in die T\u00e4ler st\u00fcrzen.<br \/>\nEinfach Bombastisch!<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Kjerstad, der 04.07.05<del><\/del><\/h4>\n<p>Kjerstad liegt in dem Tjeldsund, der die Lofoten vom Festland trennt. Das geschwungene Fahrwasser f\u00fchrt durch eine Eisenbahnlandschaft aus dem Bilderbuch. Spitze Berge, steile Schluchten wechseln mit runden H\u00fcgeln und weiten T\u00e4lern in denen malerisch verteilt einzelne Bauerngeh\u00f6fte und winzige Ortschaften liegen. Die Sonne scheint und alles leuchtet in satten Farben. Am Eingang eines kleinen Fjords, der von einer H\u00e4ngebr\u00fccke \u00fcberspannt wird steht eine Holzscheune mit einem Anleger, dort legen wir an. In der Scheune ist ein &#8222;Kiosk&#8220;, das ist ein kleiner Stand an dem man &#8222;Vaffel og Kaffee&#8220; bekommt. Diese Kioske werden von Kindern und nur in den Schulferien betrieben. Dies ist sozusagen fester Bestandteil der Kindererziehung in Norwegen und Schweden. Das geht hier alles ohne Gesundheitsausweis, Schankgenehmigung, Gewerbeanmeldung usw. Komischerweise ist noch kein Norweger daran gestorben. Selbst die Kinderarbeit scheint die zehn- bis zw\u00f6lfj\u00e4hrigen nicht zu traumatisieren. Beim Anlegen werden wir gefragt wie gross die Crew ist und zehn Minuten sp\u00e4ter reicht man uns einen Teller mit Marmelade bestrichenen Waffeln als Willkommensgruss.<br \/>\nManchmal sch\u00e4me ich mich bei dem Gedanken, wie wir mit ausl\u00e4ndischen G\u00e4sten in unseren H\u00e4fen umgehen. Was sind wir doch f\u00fcr armselige W\u00fcrstchen.<br \/>\nWir haben unterwegs gekocht und als die Leinen fest sind essen wir im Cockpit mit Blick auf Fjord und Sund. Zum Nachtisch verdr\u00fccken wir mit Hochgenuss unsere Waffeln. Anschliessend drehen wir noch eine Hunderunde. Am Wegrand begleitet uns ein Bl\u00fctenmeer. Auf der H\u00e4ngebr\u00fccke bleiben wir stehen. Lange schauen wir in das klare Wasser, das von der Flut in Stromschnellen durch die Engstelle in den Fjord gedr\u00fcckt wird. Es ist inzwischen 22.00 Uhr, aber die Sonne heizt uns noch so ein, dass wir den Tag mit einem Bad am Strand ausklingen lassen. Auch Bordhund Sheila geniesst das frische K\u00fchl.<br \/>\nUm 06.00 klingelt der Wecker! Aufstehen, der Berg ruft! Raus aus den Kojen, die Wasserflasche und die Kameras eingepackt und los geht&#8217;s. Noch am Abend beschlossen wir den Hausberg zu erklimmen. Erst laufen wir ein St\u00fcck die einspurige Strasse entlang, dann biegen wir ab. Eine sumpfige Wollgrasswiese muss \u00fcberquert werden. Auf der anderen Seite beginnt der Aufstieg. Rundgeschliffene Granitfelsen von Kr\u00fcppelkiefern, Flechten und Beeren bewachsen, f\u00fchren bis auf ca. 600 Meter H\u00f6he. Es ist h\u00f6llisch heiss. Der Granit wird Rund um die Uhr in der Sonne gegrillt und k\u00fchlt nachts kein bisschen ab. Die Luft steht und Unmengen von Fliegen summen um uns herum. Von Zeit zu Zeit tun sich kleine Bergseen zwischen den Felsen auf, in denen sich Sheila K\u00fchlung verschafft. Unten sah alles ganz easy aus, aber ich dachte es mir schon, es ist einer von diesen Bergen bei denen nach dem Gipfel, noch einer und noch einer und noch einer kommt. Oben ist es genau so heiss wie unten, selbst wenn man sich in einen Schneerest setzt schwitz man im T-Shirt. Der herrliche Ausblick entlohnt f\u00fcr alles. Hier ein Tal, da ein Tal, auf der anderen Seite ein Bergsee, hinter uns steile, schneebedeckte Berge, dort das Meer, tief unter uns Tordas, die H\u00e4ngebr\u00fccke, ein schlangenartig gewundener Bach und die roten D\u00e4cher von schnuckeligen H\u00fctten. Wir Ohhen und Ahhen, fotografieren, rasten und geniessen lange den Ausblick.<br \/>\nUnten macht der Kiosk auf, das ist unser Signal! Nix wie hin!<br \/>\nDer Abstieg ist beschwerlich, die Abk\u00fcrzungen f\u00fchren ins Aus, also wieder umdrehen und so weiter. Am Ende gehen wir doch den gleichen Weg zur\u00fcck. Die Fliegen werden l\u00e4stig, aber oh Wunder, je n\u00e4her wir zum Schiff kommen desto weniger werden es. Am Kiosk sind alle weg und wir geniessen das Fr\u00fchst\u00fcck. &#8222;Is, Kaffee og Vaffler&#8220;. Noch ein kleines Bad hinterher zum Frischwerden und Leinen los!<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Nusfjord, der 05.07.05<\/h4>\n<p>Gestern Abend machten wir in Kabelvag fest. Die alte Stadt Vagan soll schon vor tausend Jahren hier gelegen haben. Es war damals die einzige Stadt n\u00f6rdlich des Polarkreises. W\u00e4hrend eines Stadtbummels schauen wir uns die sch\u00f6nen Holzh\u00e4user und die eine oder andere historische St\u00e4tte an. An unserem Anleger steht wieder eine Scheune, diesmal mit uriger Kneipe drin. Dort lassen wir den Abend bei einem Isbj\u00f6rn Bier vom Fass ausklingen.<br \/>\nWohlausgeruht kaufen wir am Morgen frische Br\u00f6tchen ein, gefr\u00fchst\u00fcckt wird im Cockpit. Um 11.00 brechen wir auf. In totaler Flaute und l\u00e4hmender Hitze motoren wir zum Nusfjord. Gestern hab ich mir einen Sonnenbrand auf Armen und Schultern geholt. Was heisst hier eigentlich &#8222;n\u00f6rdlich des Polarkreises&#8220;? Heute abend um 19.00 Uhr, nachdem die Sonne schon zwei Stunden hinter einer 937 Meter hohen Felswand verschwunden war, lese ich noch 26\u00b0C Lufttemperatur am Thermometer ab. Das klare Wasser hat 18\u00b0C. K\u00f6nnen da Nord- und Ostsee schon mithalten?<br \/>\nDer Nusfjord ist ein kleiner enger Fjord ges\u00e4umt von hohen Bergen aus massivem Granit. Die Ortschaft besteht aus ein paar H\u00e4usern und Fischerh\u00fctten, den sogenannten Rorbua. Alles sieht so aus wie vor hundert Jahren, ein Postkartenidyll. In dem winzigen Hafen liegt Tordas. Gegen\u00fcber, f\u00fcnfzehn Meter weg, begrenzt eine ebenso hohe Felswand das Becken. Dennoch laufen die langen D\u00fcnungswellen, die \u00fcberall von den Fjordw\u00e4nden reflektiert werden in den schmalen, tiefen Felseinschnitt. Tordas hebt und senkt sich sanft und schwoit dabei an seinen Festmachern hin und her. Der Tidenhub betr\u00e4gt hier ungef\u00e4hr zwei Meter. Als sich abends ein Bus deutscher Touristen \u00fcber den Ort ergiesst tauchen wir ab.<br \/>\nPressluftflaschen, Anz\u00fcge, Flossen und Ausr\u00fcstung werden \u00fcberpr\u00fcft und angelegt, es macht platsch, ein letzter Check und wir sind in einer anderen Welt. Seeanemonen, Weichkorallen (tja, die gibt&#8217;s hier auch und nicht wenige davon!), Seesterne, Krebse, Seeigel, Fische, &#8211; es wimmelt nur so von Leben. Bei gut zehn Metern Sichtweite f\u00fchle ich mich an meine Kindheit und die Filme von Hans Hass und Jaque Custeau erinnert. Es ist zwar schon halb acht, aber auch unter Wasser noch hell genug um die ganze Farbenpracht zu geniessen. Selbst hier unten ist das Wasser erstaunlich warm, der Norwegische Strom l\u00e4sst gr\u00fcssen. Was, den kennt ihr nicht? Das ist der, der als Floridastrom seine Reise beginnt, dann zum Golfstrom wird, dieser erreicht jedoch unter diesem Namen nie Europa, er heisst hier schon seit tausenden von Seemeilen Norostatlantischer Strom und hier oben eben Norwegischer Strom. Nach dem Tauchgang reinigen wir noch das Unterwasserschiff. Wie schon erw\u00e4hnt segeln wir seit langem ohne Antifouling. Nebenbei sei bemerkt, dass die bei uns angebotenen &#8222;Giftfreien Antifoulings&#8220; immerhin so sch\u00e4dlich sind, dass die meisten davon in Schweden verboten wurden. Es ist halt nur ein anderes Gift drin, Wunder gibt es nur auf dem Papier!<br \/>\nDa Tordas immer in Bewegung ist, sieht sein Unterwasserschiff besser aus als das von manchem Hafenlieger. Aber wozu brauchen die eigentlich Antifouling? Die segeln doch eh nur ein paar Meilen im Jahr, da st\u00f6ren die paar Algen und Seepocken doch auch nicht mehr. oder?<br \/>\nDas Vorschiff ist noch &#8222;Ice cleaned&#8220; von Spitzbergen, aber am Heck ist ein zwei Zentimeter langer Algenbart, und den schrubben wir runter. Nicht eine Muschel sitzt am Boot! Nach insgesamt zwei Stunden sind die Flaschen leer und wir krabbeln an Bord.<br \/>\nNach dem Umziehen brechen wir sofort auf, es ist noch ein langer Weg nach Trondheim und der Wetterdienst telext uns schwache Winde.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Unterwegs, der 06.07.05<\/h4>\n<p>Wie sich die Landschaft doch ver\u00e4ndert! Als wir vor gut sechs Wochen nach Norden segelten war es hier kalt, \u00fcberall lag Schnee, die B\u00e4ume waren kahl und der Kurs war am Wetter zu erkennen, Richtung Norden. Jetzt ist es heiss, auch auf dem Wasser seit Tagen \u00fcber 20\u00b0 Celsius, auf den hohen Gipfeln liegen noch Schneereste, sattgr\u00fcn der Wald und die Felder, Blumenwiesen \u00fcberall, die Luft riecht s\u00fcss, der Kurs ist wieder am Wetter zu erkennen. Richtung S\u00fcden.<br \/>\nVor einer Woche waren wir noch in der Arktis, auf der B\u00e4reninsel und jetzt ist Schluss mit lustig. Um 14.25 haben wir den Polarkreis \u00fcberschritten. Wir sind ins Reich der dunklen Nacht zur\u00fcckgekehrt. Brrr, grauenhaft, igittigittigitt! Sechsundvierzig Tage und elf Stunden waren wir im Reich des Lichts, der Mitternachtsonne, und jetzt? Nacht! Kalte dunkle Nacht. Und noch nicht mal Polarlicht oder so. Einfach nur dunkel!<br \/>\nAber war da nicht was? Etwas glitzerndes helles am Himmel? Dunkel, diesmal im wahrsten Sinne des Wortes, vermag ich mich zu erinnern. Sterne! Wie tausend Lampen funkeln sie am Firmament. Und der Mond erst, der seit Wochen nur fahl und matt um uns kreist. Hier herrschte ja auch Mittagsmond, sozusagen. Der geht n\u00e4mlich auch nicht unter in der Arktis.<br \/>\nDie Milchstrasse, Sternschnuppen, Mars, Venus, Jupiter und Saturn, ahh herrlich! Hoffentlich wird es bald dunkel, ich kann&#8217;s kaum erwarten! Der erste Sonnenuntergang! Und erst der Aufgang! Ich wusste schon gar nicht mehr was ich fotografieren soll! Aber jetzt wird alles wieder gut.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Unterwegs, der 07.07.05<\/h4>\n<p>Nebel! Fr\u00fch morgens fing es an. In Br\u00f6nn\u00f6ysund, romantisch waberte der Nebel unter der H\u00e4ngebr\u00fccke und dahinter pottendichte Sosse! Nur gut, dass unser Tordas bestens mit Navigationshilfen ausger\u00fcstet ist und wir Spezialisten in Radarnavigation an Bord haben. So wird die Fahrt durchs enge Sch\u00e4renfahrwasser nicht zum riskanten Trip. F\u00fcr den Navigator ist die vierst\u00fcndige Radarnavigaton einer Wache zwar anstrengend, aber es \u00fcbt ungemein. Der Schirm ist voller kleiner und grosser Echos von den Sch\u00e4ren, dazu kommen die Radarantwortbaken, die Seezeichen und ab und zu ein Schiff. Auch die Steuerleute sind gefordert, blicken sie doch konzentriert ins Nichts und versuchen dabei zu ahnen was sich hinter der grauen Wand verbirgt, immer darauf gefasst, dass ein kleines Boot vor dem Steven auftaucht. &#8222;Half Distance Rule&#8220; heisst das Zauberwort um Kollisionen zu vermeiden. Wie? Kennt Ihr nicht? Na, dann wird&#8217;s aber Zeit f\u00fcr unser Radarseminar! Wer Radar hat, sollte auch verstehen damit umzugehen, die richtigen Schl\u00fcsse daraus ziehen und die rechtlichen Konsequenzen kennen! Sonst kann er\u00b4s gleich ausbauen und verschenken. Wir winden uns nun seit 90 Seemeilen durch den Nebel und jetzt, um 00.15 Bordzeit ist es schon wieder recht dunkel in diesen s\u00fcdlichen Breiten. Morgen Vormittag erreichen wir Trondheim. Ab und an liegt hier auch schon einmal ein Wikinger Langboot zwischen den Sch\u00e4ren versteckt. Was bei uns der Jugendwanderkutter, ist hier das Langboot. Ich sitze hier mit gemischten Gef\u00fchlen. Morgen ist es soweit, ich muss Tordas verlassen, der Job in Hamburg ruft. Einerseits freue ich mich auf die Arbeit und meine Kollegen, andererseits muss ich mein geliebtes Schiff verlassen.<br \/>\nIch und &#8222;Seehund&#8220; Sheila gehen von Bord und fahren mit dem Auto nach Hause. Mal sehen was Norwegen so im Landesinneren zu bieten hat.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Trondheim, der 08. und 09.07.05<\/h4>\n<p>Gegen 9 Uhr in der Fr\u00fch machen wir am G\u00e4stekai im Skansenhafen von Trondheim fest. Motor aus und endlich ist Ruhe. Entspannung f\u00fcr die Ohren, denn seitdem wir die Lofoten verlassen haben, mu\u00dfte der Motor laufen. Er tut zuverl\u00e4ssig seine Dienste und wir malen uns aus, wie es wohl war &#8211; damals &#8211; bei Flaute mitten auf dem weiten Meer ohne einen Scania-Motor und gen\u00fcgend Dieselbunker.<br \/>\nWieder mal verabschieden wir uns von unseren Mitseglern und begr\u00fc\u00dfen die, die jetzt an Bord kommen, um mit mir das Schiff nach Kiel zu \u00fcberf\u00fchren. Der Gang durch die Stadt wird nicht langweilig, auch wenn wir schon einmal dort waren, heute jedoch begegnen uns keine rauhen Wikinger mit Schwertern in der Hand (15.05.). Wir folgen der Nidelva, die den Stadtkern umfliesst und kehren doch recht m\u00fcde wieder aufs Schiff zur\u00fcck. Am n\u00e4chsten Morgen verabschieden wir Jogi und Sheila. F\u00fcr ihn muss es seltsam sein, das Schiff zu verlassen, auf dem er bei dieser Fahrt nun gut 4200 sm zur\u00fcckgelegt hat.<br \/>\nF\u00fcr mich ist es auch seltsam ohne ihn weiterzufahren, geh\u00f6ren Jogi und Tordas doch zusammen. Aber ich freue mich auch ab jetzt noch zwei Wochen Zeit auf See zu haben bevor ich mit Tordas und den anderen in Kiel festmachen werde.<\/p>\n<p><em>elke<\/em><\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Alesund der 11.07.05<\/h4>\n<p>Auch diesmal bleibt f\u00fcr Alesund nicht mehr Zeit als schon auf der Hinreise. Wir fahren mit Tordas zur Bunkerstation auf die S\u00fcdseite der Stadt, um zu tanken. W\u00e4hrenddessen macht ein anderer Teil der Crew mit dem Beiboot eine Spritztour in die City und erledigt ein paar Eink\u00e4ufe. Als das Dinghi, halb voll mit guten Sachen, zur\u00fcck ist, hieven wir es an Deck. Es wird abgesp\u00fclt und f\u00fcr die weitere Reise sicher verstaut.<br \/>\nAuf gehts durch Sula- und Vartdalsfjord. Wir geniessen einen sonnigen Nachmittag. Sonnenbrille, Shorts und Sonnencreme sind das Equipment des Tages und die gute Laune steht allen ins Gesicht geschrieben. Leider ist der blaue Sommerhimmel nur von kurzer Dauer und am fr\u00fchen Abend blasen uns die ersten B\u00f6en im Ausgang des Rovdefjords um die Nase. Mit der untergehenden Sonne erreichen wir Sandshamna, einen kleinen Hafen auf Sands\u00f6ya. Nach einer ausgiebigen Dusche im gem\u00fctlich eingerichteten Waschhaus, das keine W\u00fcnsche offen l\u00e4\u00dft, und einem kurzen Plausch im Cockpit verschwinden alle in die Kojen. Fr\u00fch aufstehen ist angesagt. Denn die Fahrt an Stadtlandet vorbei wird, so die eingehende Wetterbeobachtung sehr frisch und wellig. Die schnell \u00fcber die Berge ziehenden dunklen Wolken best\u00e4tigen uns die abgerufenen Vorhersagen.<br \/>\nStadtlandet umrunden wir bei guten 6 Windst\u00e4rken aus SW und See um 1,5 bis 2 m. Tordas meistert das Ganze souver\u00e4n und wir freuen uns \u00fcber Wind. Zwar m\u00fcssen wir kreuzen, aber immerhin k\u00f6nnen wir segeln. Vor dem Eingang in den n\u00e4chsten Fjord wird fleissig mitgekoppelt, um die der K\u00fcste vorgelagerten Untiefen in sicherem Abstand zu passieren. Flor\u00f6 erreichen wir fast im Dunkeln, trotzdem ist es im Hafen recht hell. Lauter Yachten und es ist schwierig einen Liegeplatz zu bekommen. Kein Vergleich mit unserem Besuch vor 2 Monaten auf dem Weg nach Norden mit zwei fast unbelegten Schwimmstegen. Naja, es ist eben Saison.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Flor\u00f6 &#8211; Bergen der 14.07.05<\/h4>\n<p>Am sch\u00f6nsten ist es durch die engen Passagen der kleinen Sunde zu fahren. Alles ist ganz nah und sch\u00f6ne Motive werden von unseren Bordfotografen (also, wir sind f\u00fcnf Personen und es sind nicht nur M\u00e4nner an Bord, doch der Einfachheit halber bleibe ich bei dem Masculinum, das aber auch mal weiblich sein kann) festgehalten. Man glaubt gar nicht was f\u00fcr ein Gedr\u00e4ngel es im Niedergang geben kann. Aber zur\u00fcck zum sch\u00f6nen Sund. Die volle Konzentration des Navigators ist gefordert und jede passierte Tonne wird abgehakt. Abends lassen wir den Industriehafen Mongstadt an Backbord liegen und verschwinden wieder in einem dieser kleinen Sunde, dem Fonnesstraumen. Pl\u00f6tzlich sehen wir &#8211; geht die Sonne wieder auf? &#8211; eine helle Fackel am Horizont aufleuchten. Kommt sie vom gemeinen \u00d6ltroll, der in Mongstad wohnt und mit seinen Kumpels gerade beim Schein einer \u00d6llampe ein \u00d6lpfeifchen raucht? Ja, da bohrt der Mensch nach \u00d6l wie ein Bekloppter und hat schon Sorge wegen der langsam schwindenden Ressource, und, warum geht uns das \u00d6l aus? Aber bestimmt nicht, weil ab und zu ein Troll sich mal ne \u00d6llampe anmacht.<br \/>\nWachwechsel. Die Fackel der Raffinerie verschwindet achteraus und wir konzentrieren uns auf unsere noch nicht ganz n\u00e4chtliche Nachtfahrt. Obwohl die Sonne bereits f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit hinterm Horizont verschwindet, ist noch etwas Restlicht da. Das Fahrwasser ist sauber betonnt. Au\u00dferdem steht hier auf jedem dritten Stein eine Lampe, damit auch Nichtnorweger den rechten Weg finden. Es kommt uns vor, wie bei uns zu hause die Stra\u00dfenbeleuchtung. Kleine Buchten und Abzweigungen sind beiderseits unseres Weges auszumachen und wir sind ganz angetan von der ruhigen, abgeschiedenen Atmosph\u00e4re.<br \/>\nEinige Zeit sp\u00e4ter, als wir in Bergen ankommen, zeigt sich auch hier das gleiche Bild wie bereits in Flor\u00f6. Wir drehen in einem vollen Hafen unsere Kreise. Die Yachten liegen dicht gedr\u00e4ngt beieinander wie Sardinen in der Dose. Was wollen die blo\u00df alle hier? Nach langem Suchen finden auch wir eien Platz zum Festmachen und fallen ersch\u00f6pftin die Kojen. Bis auf einen unruhigen Genossen, der wohl zu viel Leuchtfeuernavi hinter sich hat. Unruhig tr\u00e4umt er von den vielen Tonnen im sich dahinschl\u00e4ngelnden Sund. Und pl\u00f6tzlich, h\u00f6rte er richtig, ert\u00f6nte da ein metallisches, dumpfes Ger\u00e4usch. Hatte er Tordas auf eine Tonne gesetzt?! Konzentriert sah er voraus ins Dunkel und entlang der Steuerbordseite schrappte nun eine unbefeuerte schwarze Untiefenbegrenzung. Erschrocken schl\u00e4gt er die Augen auf und findet sich, &#8211; es war ja nur ein Traum -, in seiner Koje wieder. Das metallische Klopfen, in seinen Treum eingewoben kam wohl von fr\u00fchmorgendlichen Hafenarbeiten&#8230; schlaf noch ein bisschen mein Lieber&#8230;<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Bergen, der 14.07.05<\/h4>\n<p>Es gibt verschiedene Arten von Regen: H\u00f6here Luftfeuchtigkeit, partielles Getr\u00f6pfel, feinen Nieselregen, fadenf\u00f6rmigen Regen, starken Nieselregen, Regen mit kleinen, dicken und noch dickeren Tropfen und in diversen Mengen, str\u00f6menden Regen, wasserfallartigen Regen, Regenguss wie aus K\u00fcbeln, &#8222;it\u00b4s raining cats and dogs (seals)&#8220;, etc.. Seit wir Bergen erreicht haben erleben wir unter einem Himmel, der nur ab und zu die Nuance der vorherrschenden Farbe Grau \u00e4ndert, die meisten dieser Regenformen. Der Hafenmeister hat uns schon ganz vorsichtig gefragt, ob das Wetter denn noch zum Aushalten w\u00e4re. Auch die Frau vom Markt sprach von einem sehr verregneten Sommer f\u00fcr Bergen. Das wundert uns nicht sonderlich, denn Bergen hat ja den Ruf der regenreichsten Stadt Europas. So bleibt es bei einem kleinen Rundgang und dem obligatorischen Besuch der wiederaufgebauten Hanseh\u00e4user an der Bryggen, und vor allem des dahinter gelegenen Stadtteils. Dort kann man entspannt durch die kleinen Gassen mit den sehr alten Holzh\u00e4usern spazieren.<br \/>\nAbends wird der etwas gro\u00df geratene Lachs, frisch vom Bergener Fischmarkt, zubereitet. Das Essen in gem\u00fctlicher Runde ist eher ein Schlemmen. \u00dcberhaupt sind die kulinarischen Experimente, &#8211; meist vegetarisch -, aus der Bordk\u00fcche fabelhaft. Und das tr\u00e4gt ungemein zur guten Stimmung auf dem Schiff bei. Am n\u00e4chsten Morgen verlassen wir Bergen, aber der Regen verl\u00e4\u00dft uns nicht. Erste Vermutungen machen die Runde, ob jemand an Bord Besuch von seiner ganz privaten Wolke hat. Zwar gehen wir gut verpackt Wache, aber trotzdem ist wohl jeder froh dem Nieselfisel zu entkommen und sich unter Deck im Trockenen zu wissen, wenn die Zeit um ist.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Kristiansand und der Weg dorthin, 15-17.07.05<\/h4>\n<p>Wir lassen den Kam\u00f6ysund hinter uns und rauschen mit 8 kn Richtung Egersund dahin. Der Wind bl\u00e4st g\u00fcnstig und Tordas f\u00e4hrt wie auf Schienen. Im Egersund liegt die Bucht Tingelsaedet, in der unser Anker f\u00e4llt. Schnell schwimmt einmal um Tordas herum, wer noch nicht die Gelegenheit hatte in einem norwegischen Fjord zu baden. Ein Prusten erreicht unser Ohr vom Wasser aus. Bei 15 Grad Wassertemperatur ist es noch recht k\u00fchl, aber unser Schwimmer macht unbeeindruckt die Runde komplett.<br \/>\nIhr erinnert euch an den Waffenschrank mit Inhalt&#8230; Deshalb m\u00fcssen wir beim Zoll auschecken. Deshalb sind wir hier. Aber leider ist heute Samstag und leider, leider sind die vom Zoll schon im Wochenende. Das erfahren wir auf dem Weg zum Anleger. Mit der Acht Uhr F\u00e4hre am Sonntagabend best\u00fcnde eventuell die M\u00f6glichkeit einen Zollbeamten zu erwischen, so die Infos per Sprechfunk. Wir lassen uns weitere Telefonnummern geben und recherchieren fleissig. Keine Reaktion am anderen Ende der wichtigsten Leitung. Ein ganz kleines bisschen nervt das&#8230;<br \/>\nAuf langes Warten haben wir keine Lust. Also fahren weiter Richtung Kristiansand. Uns erwartet noch immer der sch\u00f6ne 5-6er Wind aus NW bis W. Das forsche Segeln bei \u00fcberwiegend trockenem Wetter macht allen ungeheuer Spa\u00df &#8211; es k\u00f6nnte ewig so weitergehen&#8230;<br \/>\nIn Kristiansand haben wir Zollerfolg und die Prozedur dauert letztendlich keine f\u00fcnf Minuten. So einfach kann es gehen.<br \/>\nAnschliessend folgen wir der Empfehlung des Hafenmeisters und gehen zum Fischereihafen. Eine kleine von einem Kai eingefasste Bucht des vorbei fliessenden Flusses bildet das Hafenbecken, umrahmt von kleinen bunten H\u00e4uschen. Boote legen an und fahren ab. Damen mit knallorangenem Sonnenhut und Bikini sitzen plaudernd im Boot. Ein Hund hechelt ergeben unterm Sonnenschirm auf dem Achterdeck vor sich hin. Es ist ein sch\u00f6ner Tag, warm und sonnig. Wir fr\u00fchst\u00fccken ein Eis und beobachten noch eine Weile das bunte Treiben.<br \/>\nAls wir zur\u00fcck zum Schiff kommen, habe ich das Gef\u00fchl, dass Tordas schon ungeduldig auf uns wartet. Er m\u00f6chte raus aufs Wasser und mit uns den guten Wind nutzen, um \u00fcber den Skagerrak zu segeln.<br \/>\nAlso, Leinen los!<br \/>\nUnsere Crew ist mittlerweile ein eingespieltes Team und alles l\u00e4uft wie von selbst. Ich bin begeistert.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Der Skagerrak, 17.\/18.07.05<\/h4>\n<p>Frischer Wind tr\u00e4gt uns z\u00fcgig \u00fcber den Skagerrak. Am Abend l\u00e4\u00dft er etwas nach und allgemeines relaxen ist angesagt. Bei ruhiger Fahrt wird im Cockpit eine Partie Backgammon gespielt. Andere schm\u00f6kern in den B\u00fcchern der Bordbibliothek. Dann folgt der Videoabend. Drinnen ist herzliches Lachen bei Bluesbrothers zu vernehmen, draussen l\u00e4uft der Film &#8222;pr\u00e4chtiger Sonnenuntergang in orangerot&#8220;. Ein Schauspiel, das &#8222;hach wie sch\u00f6n&#8220; von Seufzern begleitet wird und direkten Kurs in die Seele der Betrachter nimmt. Diese Abendstimmung kann keine Kamera und keine Technik der Welt festhalten. Aber der pers\u00f6nliche Speicher sch\u00f6ner Momente wird um einen weiteren gef\u00fcllt. Was will man mehr&#8230;<br \/>\nMorgens um 4 sieht die Welt komplett anders aus. Wir n\u00e4hern uns dem verkehrsreichen Gebiet rund um Skagen und sind umgeben von Nebel, Nebel, Nebel. Das Radarger\u00e4t mu\u00df ran und wir schliessen uns dem Chor der Schallsignale an. Um uns eine einzige graue Wand, aber wir sind ja gut in Radarnavigation ge\u00fcbt und so fahren wir in sicherem Abstand zu den anderen Booten durch die Suppe. Nach gut zwei Stunden lichtet sich ganz langsam der graue Nebelschleier um uns herum und bald passieren wir Skagens Rev. Als wir in den \u00fcberf\u00fcllten Hafen einlaufen kommt die Sonne hervor. Ein fleissiger Gehilfe des Hafenmeisters flitzt mit dem Fahrrad heran und weist uns einen Platz zu. Sehr nett.<br \/>\nF\u00fcr den Landgang ganz wichtig: Badehose nicht vergessen! Wir schlendern durch den Ort und springen dann mit Wohlbehagen in die angenehm warme Ostsee. Doch Vorsicht und Augen auf, denn Cyanea capillata, die gelbe Haarqualle, allgemein bekannt als Feuerqualle, war schon vom Schiff aus immer mal wieder zu beobachten. Und wie sollte es auch anders sein, als ich ausgelassen herumplansche trifft sie mich mit ihren nesselnden Tentakeln. Bis auf ein leichtes Brennen auf dem Arm bleibe ich verschont. Wer Cyanea kennt, wei\u00df dass eine solche Begegnung auch unangenehmer werden kann.<br \/>\nZur\u00fcck auf dem Schiff entdecken wir rot-wei\u00dfes Absperrband am Heck. Alles Ziehen und zerren hilft nix. Was tun? Ein zweites Bad nehmen. Schnell ist die ABC-Ausr\u00fcstung hervorgekramt, angelegt und abgetaucht. Bei n\u00e4herer Betrachtung best\u00e4tigt sich die Vermutung. Das Band hat sich um Ruderblatt, Schraube und Welle gewickelt. Die OP geht reibungslos vonstatten und nach kurzer Zeit ist das Band entfernt. Endlich k\u00f6nnen wir mit dem Ziel Saeby, wo wir \u00fcbernachten werden, ablegen.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Gro\u00dfer Belt, 20.07.05<\/h4>\n<p>Im Dunkeln erreichen wir die Insel Sams\u00f6. Ballen ist der erw\u00e4hlte Hafen f\u00fcr die Nacht. Aber es ist kein Hineinkommen, denn die die Boote stapeln sich fast bis zur Einfahrt. Also suchen wir uns draussen einen Ankerplatz wie die vielen anderen, die wir nach und nach in der Dunkelheit ausmachen k\u00f6nnen. Der Anker f\u00e4llt auf 6 m und etwas Schwell l\u00e4\u00dft Tordas seicht auf- und abschaukeln. Aus der Ferne erreichen uns die B\u00e4sse aus dem Festivalzelt und wir sparen uns am n\u00e4chsten Morgen die eigentlich geplante Wanderung auf der Insel. Nach dem Segelsetzen ist daf\u00fcr ein Aufstieg in den Mast f\u00e4llig, denn eine Segellatte ist aus ihrer Tasche gerutscht. Also, Gurt anziehen, das Kl\u00fcverfall als zus\u00e4tzliche Sicherung klarmachen und hoch geht&#8217;s. Jeder Tritt bis zur Segellatte in H\u00f6he der Saling ist ein kleiner Balanceakt. Oben angekommen ist neben dem \u00c4rger \u00fcber den ausgerissenen Lattenspanner aber eine herrliche Aussicht zu geniessen. Die Kletteraktion dauert bei m\u00e4\u00dfigem Seegang ne gute halbe Stunde und geht furchtbar in die Arme. Sei\u00b4s drum, denn nur wenn eine Reparatur sofort erledigt wird, bleibt das Schiff in einem Top-Zustand.<br \/>\nDanach gibt es zur St\u00e4rkung f\u00fcr das ganze Team Schokolade. Aber wo sind denn die neulich erst gebunkerten anderen 10 Tafeln hin? Schokolade sei das wichtigste Lebensmittel an Bord und &#8222;Schokolade macht gl\u00fccklich&#8220; bekomme ich zu h\u00f6ren. Der sicherste Platz f\u00fcr Schokolade an Bord scheint der Anker tief unten am Grund des Meeres zu sein, oder wir m\u00fcssen eine Schokoladenfabrik \u00fcberfallen.<br \/>\nEgal, es brist auf und der n\u00e4chste Regenschauer holt uns in die Realit\u00e4t zur\u00fcck. In der Ferne tauchen zwei winzige Pfeiler auf. Sie geh\u00f6ren der Br\u00fccke des Gro\u00dfen Belt, die langsam aber gewaltig \u00fcber den Horizont w\u00e4chst. Viele von der Crew fahren nicht das erste Mal hindurch, aber jedesmal ist der Anblick dieses Bauwerks beeindruckend und wenn man schon zigmal ein Bild gemacht hat, macht man heute trotzdem wieder eins.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4>Kurs auf Kiel, 20. und 21.07.05<\/h4>\n<p>Abschied und Ausblick<br \/>\nWir schl\u00e4ngeln uns entlang der Tonnen und in der D\u00e4mmerung von Richtfeuern geleitet der Stadt Faaborg entgegen durch den Svendborgsund. Der Abend ist ruhig und bedeckt. Zwischendurch besucht uns ein &#8222;kleiner&#8220; Regenschauer, wie von DP07 Seefunk bereits angek\u00fcndigt. Ja, mit dem Empfang der Wettervorhersagen von vertrauter Stimme im heimischen UKW-Bereich r\u00fcckt das Ende der Reise sehr nahe. Wir \u00fcberlegen, wer von der Crew wie nach Hause kommt. Gemessen an Spitzbergen, Bj\u00f6rn\u00f6ya und den Lofoten, kommt mir die K\u00fcste hier direkt langweilig vor. Gemischte Gef\u00fchle. F\u00fcr mich sollten drei Monate auf See ja erstmal wieder gen\u00fcgen. Das sollte man meinen, andererseits ist es schwer f\u00fcr mich mir vorzustellen das Schiff, das jetzt diese lange Zeit auch ein Zuhause war, zu verlassen. Zur\u00fcck in die Stadt, in die enge Wohnung, mh. Ist das \u00fcberhaupt auszuhalten? Da denke ich doch lieber \u00fcber die n\u00e4chste Reise nach. Schon machen sich meine Gedanken selbstst\u00e4ndig und segeln aufs Wasser. Es hat schon was das gro\u00dfe, unberechenbare und so faszinierende Meer. Natur- und Urgewalt. Die Wurzeln des Seins liegen dort draussen ungesch\u00fctzt an der Oberfl\u00e4che, keine Chance zur Flucht, man mu\u00df sich den Bedingungen stellen, und vor allem sich selbst. Ich lerne, erfahre und wachse jedesmal, wenn ich auf dem Wasser bin. Da spreche ich, glaube ich, nicht nur f\u00fcr mich. Tordas f\u00e4hrt, w\u00e4hrend ich mit meinen Gedanken in der Ferne bin, gem\u00e4chlich dahin .<br \/>\n&#8222;Wo ist die kubanische Gastlandflagge?&#8220; h\u00f6re ich vom Steuerstand her. Total vergessen, aber bei der Hitze hier kann niemand mehr klar denken. Wei\u00dfer Rum, exotische Fr\u00fcchte, es riecht nach den kr\u00e4ftigen Havannas und im Hafen gegen\u00fcber unserem Liegeplatz hocken drei \u00e4ltere Herren im T-Shirt und mit Flip Flaps an den F\u00fcssen vor der offenen, niedrigen T\u00fcr. Ich schaue in entspannte Gesichter, in denen ihre ganz eigene Geschichte geschrieben steht. Erstaunt blicken wir uns um und und sind wie gebannt von einem komplett anderen Lebenspuls in den Strassen. Offen werden wir angel\u00e4chelt und freundlich empfangen. Nicht wie in unserem stocksteifen Deutschland, wo man als Neuank\u00f6mmling verstohlen gemustert wird und wo der eigene Gru\u00df, wenn \u00fcberhaupt, nur mit kurzem in-den-Bart-Gemurmel, erwidert wird. &#8222;Mach doch mal einen Punkt in die Karte&#8220;, t\u00f6nt es vom Steuerstand. Ein schneller Blick aufs GPS 54\u00b051,2 N; 10\u00b012,1 W und die Seekarte S1 zeigt, &#8211; Moment mal &#8211; die Kieler Bucht. Tja, wir sind wohl doch nicht nach Kuba abgebogen&#8230;<br \/>\nAls wir dann in der Realit\u00e4t und in Kiel angekommen sind, ist die Stimmung etwas gedr\u00fcckt und der Whisky zum Abschlu\u00df schmeckt irgendwie fad. Am n\u00e4chsten Morgen hei\u00dft es &#8222;klar Schiff&#8220; machen und sich nach und nach von lieben Menschen verabschieden. Wir hoffen sehr, dass es allen Spa\u00df gemacht hat und jeder seine Erlebnisse von Bord mit nach Hause nehmen kann. Wir haben jetzt noch eine Menge zu tun. Unter anderem wollen die zig Bilder sortiert werden, die sp\u00e4ter in einen umfassenden T\u00f6rnbericht einfliessen.<br \/>\nJa, und dann kommt die Vorbereitung f\u00fcr den n\u00e4chsten T\u00f6rn.<br \/>\nWohin es geht? Vielleicht Schottland, vielleicht Norwegen, vielleicht Schweden, viellleicht eine Kombination von allem. Kuba wird es wohl nicht sein. Der T\u00f6rnplan ist in K\u00fcrze auf der Website zu finden, versprochen. Vielleicht seid ihr ja n\u00e4chstes Jahr dabei?!<br \/>\nJetzt f\u00e4hrt Tordas erst mal ein paar Wochen auf der Ostsee, sp\u00e4ter auf der Elbe und steht auch wieder f\u00fcr Ausbildung und Fortbildung zur Verf\u00fcgung. Gezeitensegeln, Radarfahrten, aber auch mal einfach nur ein Wochenende bis Helgoland und zur\u00fcck stehen im Angebot. Wer dazu Lust hat, meldet sich einfach bei uns.<br \/>\nDas besondere dieser Reise?<br \/>\nOft wurde ich gefragt, meistens von Journalisten, was denn nun das Besondere dieser Reise sei? Klar, eine Segelreise nach Spitzbergen ist heute keine Schlagzeile mehr wert. Es muss schon etwas Extremeres sein, z.B. Eisberg gerammt, Ruderblatt verloren, gekentert oder was sich andere sonst noch einfallen lassen um Presseaufmerksamkeit zu erregen. Ehrlich gesagt finde ich es nicht besonders mit einem freistehenden Ruder in der Barentsee rumzukurven und sich zu wundern, dass es abf\u00e4llt, wenn man einen Eisbrocken trifft. Fahrl\u00e4ssigkeit gibt es allerorten.<br \/>\nGanz besonders, &#8211; und ganz besonders dreist -, finde ich es dann schon, wenn die Yacht von diesen Heldentaten berichtet und von gut ausger\u00fcstet und erfahren spricht, wo doch noch nicht einmal das f\u00fcr dieses Seegebiet unerl\u00e4ssliche Grenz &#8211; Kurzwellenfunkger\u00e4t an Bord ist. Wen erreicht man denn dort oben mit UKW? Da kann man wohl schon von besonderem Gl\u00fcck sprechen, dass ein russischer Fischer in der N\u00e4he war.<br \/>\nBei all diesen Schlagzeilen wird mir immer deutlicher was das Besondere an unserer Reise war und ist.<br \/>\nWir sind gut ausger\u00fcstet und vorbereitet mit einem geeigneten Schiff und erfahrener Crew aufgebrochen. Wir haben uns keinen unn\u00f6tigen Risiken ausgesetzt, hatten jederzeit mindestens einen Alternativplan und haben immer nach dem Prinzip safety first entschieden. W\u00e4hrend der 5200 Seemeilen auf Nordsee, Nordatlantik und Arktischem Ozean haben wir eine P\u00fctz versenkt und unser Navtex hat aus unbekannten Gr\u00fcnden den Geist aufgegeben. Kein Problem, denn alle wichtigen Ausr\u00fcstungsgegenst\u00e4nde und Navigationsger\u00e4te sind doppelt vorhanden. Selbst der Motor hat zwei Anlasser.<br \/>\nIch segle schon sehr lange und habe schon so viele St\u00fcrme ( und Thekenst\u00fcrme ) erlebt, dass ich es mir leiste bei mehr als sechs angesagten Beaufort im Hafen zu bleiben. Wir m\u00fcssen keinem etwas beweisen, auch uns selbst nicht. Trotzdem erwischt uns oft genug schlechtes Wetter. Bei Seeetappen im Nordatlantik ist dies leider nicht immer zu vermeiden. Aber auch daf\u00fcr sind wir bestens ger\u00fcstet. Wir sind nicht immer die schnellsten, aber wenn es die Situation erfordert und wir mal bei acht Bft und ordentlich Seegang gegenan m\u00fcssen, dann gibt es nicht viele &#8222;Rennziegen&#8220; die uns folgen k\u00f6nnen. (Da ich aus eigener Erfahrung wei\u00df, wie ungem\u00fctlich moderne &#8222;Cruiser-Racer&#8220; bei diesen Bedingungen segeln, &#8211; so sie es \u00fcberhaupt noch k\u00f6nnen-, bin ich bei solchen Bedingungen besonders froh bei Tordas an Bord zu sein.)<br \/>\nWir sind beileibe nicht die einzigen, die so segeln. Es soll sogar andere Schiffe geben, die Seehandb\u00fccher, Leuchtfeuerverzeichnisse, Gezeitentafeln, Stromatlanten und eine List of Radio Signals an Bord haben. Und sicher haben auch einige das Handbuch f\u00fcr Br\u00fccke und Kartenhaus an Bord, &#8211; allein ich hab noch keinen getroffen. Schade eigentlich!<br \/>\nAber wer wei\u00df, vielleicht w\u00e4re unsere Reise sonst gar nicht so besonders?<br \/>\nDoch, ganz sicherlich! &#8211; Sie war ganz besonders sch\u00f6n und sie hat besonders viel Spass gemacht! Wir haben besonders sonderbare Dinge erlebt und sind mit ganz besonderen Menschen gesegelt. &#8211; Bei diesen bedanke ich mich jetzt und hier ganz besonders. Es war klasse mit euch und nicht eine Stunde will ich missen. Und auch in Zukunft will ich mit euch segeln, mit euch allen, auch mit jenen die jetzt diese Zeilen lesen und n\u00e4chstes Mal live dabei sein wollen, wenn wir zu neuen Ufern und Abenteuern aufbrechen,<br \/>\n&#8211; dahin, wo andere nie hinkommen!<br \/>\nbis bald, ich freu mich auf euch!<\/p>\n<p><em>Jogi<\/em><\/p>\n<p>Vielleicht erscheint euch so manches neben Sicherheit und guter Seemann(frau)schaft besonders verr\u00fcckt, spontan, chaotisch, ein bisschen gesponnen und phantasiert, wenn ihr euch durchs Logbuch gelesen habt. Gut so. Denn gerade daraus webt sich das Leben zusammen und das Leben in den letzten drei Monaten an Bord habe ich eben so sehr genossen.<br \/>\nErlebt es selbst und kommt mit!<\/p>\n<p><em>Elke<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Auch wenn ich ein ruheloser Vagabund bin, st\u00e4ndig auf der Flucht vor mir und auf der Suche nach neuen Abenteuern, so ruhen meine Gedanken doch immer bei euch, die Ihr zu Hause seid. Ihr gebt mir Kraft, Sicherheit, Trost, Liebe, Kritik oder Best\u00e4tigung. Aus dieser Quelle sch\u00f6pfe ich den Mut zu meinen Reisen. 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