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Nordische Segelreisen

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Expedition nach Spitzbergen
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karteLogbuch Expedition Spitzbergen 2005
"Auch wenn ich ein ruheloser Vagabund bin, ständig auf der Flucht vor mir und auf der Suche nach neuen Abenteuern, so ruhen meine Gedanken doch immer bei euch, die Ihr zu Hause seid. Ihr gebt mir Kraft, Sicherheit, Trost, Liebe, Kritik oder Bestätigung. Aus dieser Quelle schöpfe ich den Mut zu meinen Reisen. Ihr seid meine Heimat. Danke! "
(freie Übersetzung nach Kaptain Joe Isbjörn 1693 - ?)

19.04.05 Hamburg
Checklisten, Bestellungen, Einkauflisten, Schreibblöcke und Zettel mit Unerledigtem, Absprachen, unendliche Maillisten, Genehmigungen, Anträge. Alles türmt sich irgendwo auf meinem Schreibtisch.
Die heisse Phase der Vorbereitung hat begonnen und aus einem chaotischen Haufen von losen Garnen beginnt sich langsam eine Sorgleine zu bilden, die uns auf diesem Törn begleiten wird. Nach dem Werftaufenthalt im März, bei dem u.a. der Bug eisverstärkt und ein neues Echolot eingebaut wurde, ging es Schlag auf Schlag weiter und noch immer sind viele Sachen zu erledigen.

Für diesen Törn wurde die ohnehin reichhaltige Ausrüstung um viele größere Anschaffungen ergänzt:
Eine reffbare Fock, ein Schlauchboot mit Motor, eine digitale Kamera, zusätzliche Überlebensanzüge, ein Waffenschrank mit Inhalt, 10g Seekarten und Seehandbücher, neue Spezialakkus.... Nicht, dass ihr denkt, ich hätte die Dinge verschleppt, seit Oktober dreht sich alles nur um eins: Spitzbergen!

So eine Reise erfordert einfach wesentlich mehr Vorbereitung als z.B. ein Törn nach Shetland oder Orkney. Auch wenn wir als Segelprofis eine sehr routinierte Vorgehensweise haben - eine solche Expedition ist etwas Besonderes! Reisen in diese extremen Breiten werden ja nicht umsonst jahrelang geplant. Wir hatten ganze sechs Monate Vorlaufzeit!

Es fing auch, wie alle echten Abenteuer, ganz harmlos an. An einem schönen Sommerabend im Juli 2004 kamen Freunde aus Berlin für einen Wochenendtrip nach Rügen an Bord der Tordas. Wir verbrachten einen schönen Abend in Wieck am Greifswalder Bodden und bei einem gemütlichen Glas Whisky nach dem Essen erzählte einer von den Wilts und ihrem Buch "Gefangen in der weißen Hölle", welches er sich aus unserer Bordbücherei entliehen hatte. Vom Südpol diskutierten wir uns zum Nordpol hoch. Spät in der Nacht kam die Frage auf, wohin denn der Tordas- Sommertörn nächstes Jahr gehen würde? Ich sagte ehrlicherweise, dass ich noch keine Ahnung hätte, als einer in die Runde rief: " Wie wär's denn mit Spitzbergen?"
Natürlich wiegelte ich sofort ab, weil mir klar war, dass das eine Schnapsidee ist. Zu weit, zu lang, zu teuer und überhaupt, wer ist so bescheuert und segelt im Sommer ins ewige Eis? Ist der Winter nicht schon lang genug?
So war alles schnell wieder vergessen und die Zeit ging ins Land.

Im September, ich wusste immer noch nicht wohin die Reise 2005 gehen sollte, fragte mich mein Freund Renke von der nordischen Segelschule, was denn nun geplant sei? So langsam musste ja der Törnplan festgelegt werden, auch um die Termine für die Radarfahrten, das Skippertraining, Schwerwettertraining, die Gezeitenausbildungstörns und was weiß ich alles zu organisieren. Tja, wie gesagt, ich hatte keine wirkliche Idee, aber um erst mal Ruhe zum Nachdenken zu haben sagte ich einfach "vielleicht Spitzbergen". Allgemeine Ruhe im Raum. Dann fielen die alles entscheidenden Worte:" DAS SCHAFFST DU NIE, völliger Blödsinn! Niemals in dieser kurzen Zeit! Die "Dingens" mit Ihren vielen Helfern bereiten Ihren Törn schon zwei Jahre vor, und haben noch sooo viel zu tun! Du hast ja keine Ahnung, was für ein Aufwand das ist, da kann man nicht so einfach hinsegeln, das rechnet sich nie!"

Da saß der Stachel im Fleisch! Das schaffst du nie! Von wegen, das wollen wir doch mal sehen! Schließlich bin ich Spezialist für "Dahin wo andere nie hinkommen". Das wäre ja gelacht! Und muss sich immer alles rechnen? Gibt es nicht auch andere Werte? Muss man nicht einfach ab und zu etwas Verrücktes unternehmen? Merkt man nicht gerade dann, wenn man "Unvernünftiges" tut, wie wunderbar das Leben in dieser Welt ist?

Nach einer Woche Recherchen war alles klar - das schaffe ich nie! Bürokratie, Sachkundeschulungen für Waffen, Waffenbesitzkarte beantragen, Sondergenehmigungen, um Gebiete zu betreten, in denen die eigenen Fußspuren noch zu sehen sein werden, wenn man selbst schon längst zu Staub zerfallen ist - falls man nicht vor Ort vom Frost konserviert wird. Alles Dinge, mit denen sich Segler sonst nicht herumschlagen müssen. Und alles Dinge, die viel, viel Zeit in Anspruch nehmen! Und die hatten wir ja eben nicht. Die ganze "Waffengeschichte" hat letztendlich nur durch die Hilfestellung und wirklich einmalig schnelle Bearbeitung der Ordnungsbehörde in Husum geklappt. Aber Glück gehört eben auch zu einer gelungenen Seereise.
Jetzt fühle ich mich ausgepowert, aber in zehn Tagen geht's los, die Eissituation ist gut und die Vorfreude wächst - der Lohn der Mühen rückt in Sichtweite. Endlich!
Jogi




Anreise Sonntag, 01.05.05.
Sonntag? Warum startet man eigentlich am Sonntagabend einen Törn? Die Lösung heißt: Glückstadtwettfahrt! Tordas ist ja nicht nur "Lustyacht", wie unsere Nachbarn so schön sagen. Neben Ausbildungstörns, Expeditionen und Seminarfahrten ist er auch ab und zu Start- und Zielschiff, z.B. bei der Glückstadtregatta. So bin ich schon seit Freitagnachmittag unterwegs. Von Harburg nach Wedel, am Samstag nach dem Start nach Glückstadt und am Sonntag wieder zurück nach Wedel. Um 18.00 Uhr ist die Regatta zu Ende. Freundschaftlich verabschiede ich mich von der Wettfahrtcrew. Jetzt schnell mit "Seehund" Sheila eine Runde drehen, sie kam nämlich schon mit mir an Bord, dann ab unter die Dusche. Geschafft! Just in time liegt Tordas klar Schiff und fertig ausgerüstet fürs große Abenteuer in Wedel an der Kai.

Logbuch Elke: "Gegen 20:00 Uhr treffen wir uns im Yachthafen am Schiff. Jetzt ist es so weit. Die Mühen der so kurzen Vorbereitungszeit liegen hinter uns. Haben wir tatsächlich alles vorbereitet und nichts vergessen? Ich komme heute an Bord und begrüße unsere auch gerade angereisten Mitsegler der ersten Etappe von Hamburg nach Trondheim. Wir tragen eine Unmenge Taschen und Proviant aufs Schiff. Unseren Gästen ist die Vorfreude anzusehen. Alle sind ein wenig aufgeregt. Wasser hatte Jogi bereits gebunkert und auch noch Diesel getankt. Nachdem alle eine Koje gefunden und sich eingerichtet haben, legen wir auch sofort mit Hochwasser 22:14 Uhr und ablaufender Tide Richtung Cuxhaven ab. Tonnenzählend fahren wir Elb- abwärts. Es ist bedeckt und daher schnell dunkel geworden. Ab Mitternacht tauchen über Land voraus Wetterleuchten und später erste Blitze auf. Angesagt war Gewitter mit bis zu 8 Windstärken. Um 1:00 ist klar, dass wir uns wasserdicht verpacken müssen. Also Segeljacke, Hose, Gummistiefel.
Am Himmel voraus ein Leuchten, unglaublich. Das Schauspiel ist einfach überwältigend. Wir alle sind nun etwas angespannt. Ich für meinen Teil traue dem Faradayschen Käfig, unserer Stahlketsch, nicht wirklich über den Weg. Aber als nach kräftigem Donnerschlag Hagel und dann Regen runterprasseln, bin ich unter Deck und Jogi und Frank halten mit Brille ausgerüstet draußen tapfer die Stellung. Die volle Ladung bekommen wir denn doch nicht ab. Gut so!

Hinter der Front taucht ein klarer Sternenhimmel auf und die Anspannung fällt bald wieder von uns ab. Es ist schön, in der Nacht zu fahren. Wie vor dem Sturm sind wir nun umgeben von Windstille, fast meditativer Ruhe, abgesehen vom Geräusch unseres Diesels.

Mann, ist das eine Lightshow! Unglaublich! Über Brunsbüttel Elbe Traffic erkundigen wir uns über die Ausdehnung und Zugrichtung der Gewitterwolken. Mit Ihren Radaranlagen entlang der Ufer überblicken die Lotsen in der Verkehrszentrale die Situation. Auch sie sind beeindruckt von der unglaublichen Anzahl von Blitzen. Aufgewachsen im Schwarzwald und am Bodensee bin ich so einiges an Unwetter gewohnt, aber an ein derartiges Blitzlichtgewitter kann ich mich nicht erinnern. Dafür ist die Ausbeute an Wind, Regen und Hagel glücklicherweise sehr mager.
Gute Dienste leisten uns in solchen Fällen die bordeigenen Kunststoffschutzbrillen aus dem Baumarkt. Den Kopf mit Windstopper und Südwester oder Kapuze wie Bankräuber, äh - ich meine wie Piraten vermummt, schützen sie
die Augen vor Wind, Hagel und Regen. Die Sicht ist eine Weile ähnlich gut wie in einem mit schwarzer Watte gefüllten Kühlschrank,aber nach zwei Meilen sind wir durch.

Mit dem letzten Ebbstrom schwappen wir im Morgengrauen nach Cuxhaven rein. Müde und zufrieden gehen wir in die Kojen, wenn in ein paar Stunden der Strom wieder kentert, wollen wir wieder los.




Helgoland - List, Mittwoch 04.05.05
Mist, noch 10 Meilen bis Helgoland und der Wind ist alle. Aber die neue reffbare Fock von der Segelwerkstatt Stade steht prima. Da die immer freundliche Stimme von DP07 für heute nur noch diesige Sicht und Gewitter ansagt, muss für den Rest unser Scania Schiffsdiesel ran. Um 09.30 liefen wir heute morgen von Cuxhaven aus, ein letzter Gruß wird zur Kugelbake geschickt, voraus liegt Deutschlands "Hochseeinsel".
Auch wenn die See hier oft hoch geht, bin ich doch manchmal erstaunt, wo für uns Deutsche die Hohe See beginnt. Definiert ist der Begriff als "200 Seemeilen von der Küstenlinie inklusive vorgelagerter Inseln entfernt liegende Gewässer". Randmeere, wie Mittelmeer, Ostsee und Nordsee zählen Natur gemäß nicht dazu. Leider waren wir nie eine Seefahrernation, - aber das bedeutet ja heute nicht mehr viel, schließlich können die Schweizer ja auch den America´s Cup gewinnen!

Wind kommt auf und wir setzen Segel. Kurz nach Leuchtturm Vogelsand fallen mir die Augen wieder zu, die letzten Tage waren doch sehr anstrengend. Der Wetterbericht von DP07 behielt recht, es ist den restlichen Tag diesig und flau, nur die Gewitter bleiben aus. Der abendliche Inselrundgang fällt dann auch wegen Nebel aus. Nach einem "steuerfreien" aber dennoch unangemessen teuren Abendessen verholen wir in die Kojen.

Den Inselrundgang holen wir am Dienstag Morgen nach, dann zieht es sich schon wieder zu. Anschließend wird das nagelneue Schlauchboot im Hafen getestet und für gut befunden. Bei einer kleinen Feier wird es auf den Namen "TORDALK" getauft - natürlich mit Islay Single Malt Whisky. Nachmittags werden die letzten Einkäufe getätigt, Filme, Single Malt, Pfeifentabak, Grünzeug und Obst.

Um 20,00 BZ brechen wir Richtung List auf Sylt auf. Die Nacht wird kalt, lang und nass, was uns dank unserer Überlebensanzüge nicht weiter stört. Allerdings muss wieder der Diesel ran, Wind is nich. Mittwoch früh um 7.00 BZ ist es geschafft, wir machen in List fest. In dem kleinen Hafen parken wir nach einem kurzen Rundblick in eine Lücke ein, die keinen halben Meter kürzer sein dürfte. Der Bugsprit ragt deutlich über den Stegausleger. Den Tag verbringen wir mit Strandspaziergängen und fangfrischer Scholle. Weiter geht`s erst wenn der Wind nicht mehr aus NW bläst, dann nonstop Norwegen.




Stavanger - Bergen, Dienstag 10.05.05
Sagenhaft wie hartnäckig der Wind von vorne kommen kann. Seit zehn Tagen Nordwest, so um die 6 - 7, in Böen 8. Aber jetzt ist es
nicht mehr so ungemütlich, hier im geschützten Innenfahrwasser vor Norwegens Fjordlandschaft. Den einen hat es Spass gemacht, bei drei Meter Nordsee-Hackwelle mit bis zu 8 Knoten hoch am Wind durch die stockdunkle Nacht zu reiten, die anderen sind froh, dass es vorbei ist. Aber alle haben gelernt, wie man mit "Schwerwetter" umgeht, was man macht, was nicht und wie es funktioniert .
Reffen, Kochen, Verschlusszustand, Navigation, Notrolle, Wachrhythmus, Wellen aussteuern usw. Am zweiten Tag haben auch alle
eingesehen, dass die bordeigenen Überlebensanzüge doch ganz klare Vorteile gegenüber der tollsten, teuersten, besten,
atmungsaktiven neuerworbenen Segelkleidung haben. Das wichtigste - sie sind trocken und wasserdicht, auch wenn man doch mal über
Bord gehen sollte, man unterkühlt nicht.
Jetzt erholen wir uns beim Sund-Segeln. Ein erster Höhepunkt der Reise. Norwegen, das Land der Fjorde, atemberaubend schön,
kaum zu beschreiben, man muss es einfach gesehen haben. Strahlender Sonnenschein begleitet uns seit drei Tagen, während wir
umzingelt von steilen Felswänden durchs ruhige Wasser segeln. Am Hardangerfjord glänzt der Folgefonn, Norwegens zweitgrößter
Gletscher über den Gipfeln. Heute erreichen wir Bergen. Direkt an Bryggen, dem weltberühmten hölzernen Hanseviertel machen wir fest. Wie viele Koggen mögen hier früher gelegen haben?. Hier braucht man kein Museum um sich eine Vorstellung der Hansezeit zu machen, hier erlebt man die Hanse, seit dem Mittelalter hat sich hier nichts verändert.
Nacheinander suchen wir die einzige Dusche auf, - welch ein Genuss! Nachmittags fahren wir mit Sightseeingbus und Seilbahn auf den Ulriken, Bergens Hausberg. Lange geniessen wir das fantastische Panorama. Wohlgemut beschliessen wir zu Fuss abzusteigen. Weg würde man diesen Steilen Pfad in Deutschland nicht nennen und mit Sicherheit wäre das Betreten wegen Lebensgefahr verboten. Teilweise liegen noch Haufen mit grossen Hagelkörnern am Hang, Reste der mächtigen Gewitterwolke, welche wir am Vorabend am Horizont vor uns gesehen haben. Glücklicherweise waren wir gestern nicht hier! Obwohl wir absteigen, wird uns am sonnigen Hang recht warm und jeder rutscht mal aus und landet mit den guten Klamotten im Dreck. Gut, dass wir uns vorher extra landfein gemacht haben. Verschwitzt und verdreckt kommen wir an der Talstation an, na ja, es bleibt noch etwas Zeit und bis der Bus fährt sehen wir schon wieder ganz manierlich aus. Nach einer kleinen Stadtrunde erreichen wir das Schiff just in time, um einer historischen Feuerlöschübung beizuwohnen. Mit Pferdewagen, traditionellen Uniformen, Oldtimern und Unmengen von Wasser wird ein Spektakel aufgeführt, das stark an Spiel ohne Grenzen erinnert und nicht zuletzt den Akteuren einen Heidenspass macht.
Ich verlasse den Trubel und gehe noch ein wenig durch die leeren Gänge zwischen den verschachtelten Hansehäusern. Es riecht nach
Teer und Fisch. Eine schwarze Katze sitzt vor mir auf den Holzdielen und blickt zur Kai. Ich folge ihrem Blick und sehe die alten
Fischerboote, die den Langbooten der Wikinger ähneln, im Hafen. Ich setze mich hin und kraule die Katze eine Weile. Rumms! Eine
Tür fliegt auf und ein kleiner wütender in bunte Tücher gehüllter Mann stürmt davon. Langsam erhebe ich mich und gehe zu der noch
schwingenden Tür. Ich riskiere einen Blick durch den Spalt und erblicke eine Reihe ähnlicher Gestalten, die im Schein von Tranlampen in dem rauchschwangeren Raum stehen. Sie diskutieren im bergener Dialekt, dieser Mischung aus Althochdeutsch, Hafenenglisch, Norwegisch und Kauderwelsch. Fasziniert lausche ich an der Tür. Gehört das zu der Löschübung? Nein, es geht um Fische, Salz, Waren und Geld. Man wartet auf ein Schiff, das von Süden kommen soll, mit Salz und Gütern für die Fischer. Diese warten mit ihren Booten, in denen der Hering gammelt, im Hafen. Das Salz wird dringend erwartet, um die Fische in Fässer zu legen. Zwei Schiffe sind schon ausgeblieben! Die Stimmung ist aggressiv. Gestern ist es im Wirtshaus wieder zu Gewalttätigkeiten gekommen, zwei Fischer und drei Burschen der Hanse wurden erschlagen. Es sollen Piraten in der Ostsee unterwegs sein. "Vitalienbrüder" werden sie genannt. Die Stimmung wird von Tag zu Tag schlechter. Man befürchtet, die Fischer werden die Stadt brandern, wenn man ihnen den Fisch nicht wie versprochen abnimmt. Noch mauern die Kaufleute, nur einer hat genug, er will den Fisch kaufen. Er ist rausgerannt. Die anderen im Raum haben Angst, wollen den Fisch erst kaufen, wenn das Salz kommt, sonst ist er wertlos. Jemand rennt den Gang entlang. Ich erstarre. Er schlägt mir die Tür vor den Kopf und verschwindet im Raum. Benommen bleibe ich stehen. Es ist ein Laufbursche, ein Bote. Er kommt vom Berg runter. Dort hat man eine Kogge im Sund gesichtet, die von Süden kommt. Tiefbeladen hätte sie Kurs auf Bergen. Die Fischer wüssten noch nichts von der Kogge, aber ein Kaufmann würde bereits allen Fisch am Hafen kaufen. Ausserdem würde hinter der Tür spioniert. Aufruhr! Alle stürmen gleichzeitig zur Tür. Ich schlage dem ersten die Tür vor den Kopf und renne so schnell ich kann davon, zur Kai, dort wo die Fischerboote liegen – aber halt,- nein es ist Tordas der da liegt! Die Fischerboote sind verschwunden. Schweiss gebadet erreiche ich das Schiff und drehe mich nach meinen Verfolgern um. Aber, - dort sitzt nur die Katze in der Sonne und blinzelt mich an, der Spuk ist vorbei. Gemütlich lassen wir den Abend ausklingen. Den Gutenachtspaziergang mache ich lieber mit Bordhund Sheila. Die vertreibt die wunderlichen Katzen von Bergen!
Am nächsten Morgen wird eingekauft. Warme Mützen und Socken für den hohen Norden, Obst und Gemüse und natürlich schauen wir
auch beim gut sortierten Schiffsausrüster vorbei. Postkarten werden geschrieben, noch ein letzter Spaziergang mit Bord"See"hund" Sheila und weiter geht's Richtung Alesund. Wir lassen alle die Seele baumeln und geniessen die vorbeigleitende Berglandschaft. Später wird das 25 PS Schlauchboot für Fjordausflüge vorbereitet.



Trondheim, Sonntag 15.05.05
Die letzten Tage gab es Fjorde satt. Diese archaische Landschaft hat alle in ihren Bann gezogen, majestätische Berge senkrechte Felswände, die sich unter Wasser so weit erstrecken wie darüber. Trotz dem strahlenden Sonnenschein hier unten liegt oben immer mal wieder Neuschnee. Alle sind begeistert wie sich Tordas fast geräuschlos durch die manchmal sehr engen Spalten zwischen den Fjorden und Sunden zwängt. Der letzte Abschnitt wird nochmal ein kleiner Kraftakt, wir haben auf der Nordsee durch die nördlichen Winde viel Zeit verloren. Um rechtzeitig in Trondheim zu sein blieben für das schöne Alesund nur ein paar Stunden. Immerhin, wenn man immer den Schildern "Touristinformation" folgt bekommt man doch eine umfangreiche Sightseeing Tour durch die Stadt. Wahrscheinlich ist das Büro im laufe der Zeit mehrfach umgezogen, aber die alten Schilder hat man stehengelassen oder vergessen. Zu guter letzt haben wir sie doch noch gefunden. Von Alesund fahren wir nonstopp nach Trondheim, der alten Hauptstadt Norwegens. Wir werden mit diesigem Wetter und leichtem Regen empfangen. Das passt zur Stimmung, die Zeit verging wie im Flug und morgen verabschiedet sich die alte Crew. Die Wehmut des Abschieds liegt über dem Schiff, schön war's, trotz Vorsaison und widriger Winde ein einmaliges Erlebnis, mit Sturm, Flaute, Regen, Sonne, voll gemeinsamer Abenteuer. Noch ein Abendspaziergang durch die Wunderschöne Stadt, vorbei am alten Hafen mit seinen fantastischen Holzspeichern und zum Nidarosdom dem wohl bekanntesten Bauwerk Norwegens. Die Gedanken tief in den Zeiten der Wikinger versunken, sehe ich hie und da merkwürdig gekleidete Gestalten durch die nassen nebligen Strassen eilen. Tiefbeladene Langboote werden von bärtigen, rotblonden Hühnen zu den alten Speichern den Fluss hochgestakt. Ein betrunkener Nordmann wankt mir in der engen Gasse entgegen, eine Hand an der Wand abstützend die andere am Schwert. Jetzt steht er dicht vor mir und stiert mich an. Plötzlich werde ich von hinten zur Seite gerissen und knalle mit der Schulter an die Hauswand, ich greife zum Schwert und -...
Bordhund Sheila hat eine Katze entdeckt die sich in der warmen Stube auf der Fensterbank räkelt und reisst mich in die Gegenwart zurück. Gemeinsam laufen wir zum Schiff.
Die neue Crew wird mit Sicherheitseinweisung und Scotch Single Malt begrüsst. Der Einkauf bereitet Probleme, da wir Vergessen hatten das es Pfingsten ist und direkt danach, am Dienstag Nationalfeiertag in Norwegen. Fast alle Läden haben also bis Mittwoch geschlossen. Na ja, dann muss es halt mal ohne Milch gehen. Aber Sheila muss dringend noch zum Tierarzt. Innerhalb von sieben Tagen nach der Einreise muss sie nochmal untersucht werden - und die sind Morgen um. Es war gar nicht so einfach, an diesem superlangen Wochenende einen Dyrlege aufzutreiben, die ganze Stadt ist ausgeflogen. Aber mit Hilfe der hilfsbereiten Norweger und etwas Glück war bis Mittag alles erledigt. Jetzt weht uns ein frischer Westwind Richtung Rörvik, die nächste Etappe mit Ziel Lofoten hat begonnen.



Lofoten, Samstag 21.05.05
Am Donnertag um kurz nach fünf Uhr morgens ist es soweit: wir überqueren den Polarkreis. Jetzt sind wir im Machtbereich des Nordpols angelangt. Das Wetter zeigt sich unverändert, Schauerböen, dazwischen strahlender Sonnenschein mit leichten Winden. Voraus liegt Röst, der südlichste Ausläufer der Lofoten, die ihre weissen Gipfel schon lange glasklar über den Horizont strecken. Der Navigator wird mehrmals nach einem Ausweichkurs gefragt, da es unvorstellbar ist, dass es noch über 30 Seemeilen bis dort sein sollen. Vorbei an den vorgelagerten Vogelfelsen fahren wir in in den engen Hafen. Beim Inselrundgang machen wir das erste mal mit Stockfisch Bekanntschaft, der uns fortan auf Schritt und Tritt begleitet.
Freitag. Wir haben mal richtig ausgeschlafen. Wir können auch erst gegen 13.00 losfahren, weil wir auf dem Weg nach "A", dem Ort mit dem kürzesten Namen, den Moskenstaumen passieren, einen Strom, der mit zehn Knoten um die Lofotenodden setzt und dabei gewaltige, gefährliche Stromwirbel erzeugt. Von diesem Naturschauspiel lies sich schon Edgar Allen Poe inspirieren. Eine gute Stelle um Stromnavigation zu üben. Abends unternehmen wir noch einen erfolglosen Versuch einen der Hausberge von A zu erklimmen. Oben wird's einfach zu steil, so dass wir kurz vor dem Gipfel umkehren müssen. Die grandiose Aussicht belohnt uns dennoch reichlich. Die Mitternachtssonne lässt die scharfgratigen schneebedeckten Gipfel orangerosarot erstrahlen. Wir fotografieren reichlich, schade nur, dass wie sich am nächsten Tag herausstellt, gar kein Film in der Kamera war. Wie konnte das nur passieren??? ( war bestimmt der Skipper, jedenfalls lies sich auf die schnelle kein anderer Schuldiger finden, dumm gelaufen!). Die Kletterpartie von gestern abend steckt uns noch in den Knien als wir samstags bei Nordost 3-4 auslaufen. Angesagt waren 5-6 aber die kommen den ganzen Tag nicht. Der blaue Himmel geht in Altostratusbewölkung mit leichtem Regen über. Na ja, die letzten Tage waren dafür richtig schön. Abends legen wir in dem geschützten Hafen von Stamsund an. Von hier wollen wir morgen mit dem Bus nach Borg, wo das grösste Wikingerlanghaus überhaupt ( 83 Meter) zu besichtigen ist.



Trollfjord, Dienstag 24.05.05
Das Wikingerlanghaus u.a. mit echtem Langboot (Nachbau von einem Orginalboot) wirkt in dieser Umgebung doch wesentlich authentischer als z.B. Haithabu. Wir sind fast alleine hier - sehr schön. Auch die Busfahrt über die Inseln war sehr interessant. Am Abend waren wir noch schwimmen und saunen in Svolvaer, der "Hauptstadt" der Lofoten. Der Anzahl der Hotels nach tobt hier im Sommer das leben. Allerdings ist auch hier jeder zweite Laden zu vermieten oder zu verkaufen. Nach 16.00 Uhr sind die Bürgersteige hochgeklappt und die zahlreichen Kunstgalerien und Museen öffnen meist nur wenn das Hurtigroutenschiff sein Typhoon zum Anlegen erklingen lässt. Heute haben wir den Trollfjord angelaufen. Auf diesen Besuch hab ich mich ganz besonders gefreut. Beeindruckende Szenerie überall. In der schmalen Einfahrt verewigen wir "TORDAS", mit Schiffsfarbe gemalt, an der Wand. Zahlreiche Schiffnamen künden von anderen, die in den letzten Jahrzehnten vor uns hier waren. Danach gehen wir am Felsen längsseits und stapfen beim Landgang durch den Schnee, der hier bis ans Wasser liegt, den Berg hinauf. Weit kommen wir nicht, dann versperren uns die Trolle mit ihren Felsen den Weg. Beim Abstieg wird noch fleissig fotografiert, aber die Bilderbuchsonne vom Morgen ist bereits tiefhängenden Wolken gewichen, aus denen es dann bald nach dem Ablegen zu regnen beginnt. Doch selbst dieses miese Wetter hat seinen Zauber, mit den in Wolken versteckten Gipfelzacken, die ihre weissgekleideten Flanken zu uns hinabschicken wie Hosenbeine und Füsse von Riesen. Wenn irgendwo auf dieser Welt Trolle leben, dann hier. Und wenn ich mich so umschaue, dann bin ich ganz sicher, dass sie uns verstohlen hinter ihren Felsen beobachten. Nur gut, dass es hier zur Zeit nicht dunkel wird. Was würden sie wohl in der langen Polarnacht mit uns anstellen???
"Scattered" wie der Wetterbericht verspricht, ist der Regen jedenfalls nicht, eher stetig zunehmend. Mit Flaute von vorn motoren wir tapfer durch den Sortlandsund auf die Westseite zu den Vesteralen. Ob wir die ersehnten Orcas und anderen Wale zu sehen bekommen???
Erneut macht sich Spannung an Bord breit!



Tromsö, Montag 30.05.05
Die Hauptstadt der Arktis hat einiges zu bieten. Wir besuchen das Polarmuseum, die Eismeerkathedrale, das Polaria Aquarium und tollen auf dem Hausberg dem Storsteinen im Neuschnee. Nebenbei wird das Schiff geputzt, die Ausrüstung gecheckt und ergänzt, gebunkert und die Hälfte der Tage, in der die Sonne im Norden steht, durchgefeiert (na ja, Nächte gibt's hier nun wirklich nicht). Ganz nebenbei ist noch Crewwechsel.
Eine neue Etappe beginnt. Vor uns liegen 565 Seemeilen Nordpolarmeer bis Longyearbyen, der nächsten menschlichen Ansiedlung. Um diese Jahreszeit, Frühlingsbeginn ist hier im Juni, erwartet uns ein Gemisch aus Packeis, kalten und warmen Meeresströmungen, Arctic Lows, die erst in Wetterkarten erscheinen, wenn sie auf eine der wenigen Stationen treffen und als Resultat einem chaotischem Wellensystem. Damit es nicht so langweilig wird, ist das Ganze auf einem Gemisch von Tiefsee und Küstenschelf untergebracht, das ja bekanntlich auch die Biskaya zu einem beliebten Segelrevier macht. Aber Gott sei Dank sieht man von alledem im Nebel (20%) wenig, sodass einen die auf dem Radar unsichtbaren Eisberge nicht weiter erschrecken.
Und der Wind kommt, na, woher wohl ??? Na klar aus Nord! Das soll auch die ganze Woche so bleiben. Dafür haben wir uns prima an die 0 bis 5 Grad Umgebungstemperatur gewöhnt. Selbst beim Frühstück kommt keiner mehr auf die Idee zu heizen, der dünne Pullover reicht. Aber eines ist klar: Wen das alles nicht schreckt, der erlebt ein einmaliges Abenteuer und eine unberührte unbewohnte Welt in der es, schon lange bevor es Menschen gab, nur einen Herrscher gibt - Isbjörn (Eisbär). Und der weiss genau, wer hier Chef und wer Besucher ist.
Wie oft habe ich bei den Vorbereitungen zu diesem Törn gehört: "das wollte ich schon immer mal machen".
Wir machen.
Die Menschen meiden das Ungewisse, wie sie das Abenteuer lieben. Aber wer nicht ins Ungewisse zieht kann kein Abenteuer erleben. Das "Veranstaltete" Abenteuer hat da für mich doch eher Showcharakter - ist aber sehr beliebt, da der Ausgang ja mitgebucht wurde und das Ungewisse entfällt.
Der Ausgang unserer Reise lässt sich schwer Planen, keiner weiss was das Packeis und das Meer mit uns machen und es gab schon genug Eisbrecher die im Packeis überwintern mussten.
Wir segeln gut gerüstet ins Ungewisse. Auch wenn am Ende ein Scheitern stehen sollte, ist es doch ein erhebendes Gefühl, dieses Abenteuer gewagt zu haben.



Irgendwo im Eis, keine Ahnung welcher Wochentag, 05.06.05
Wir sind genau da wohin wir wollten: Mittendrin im Eis, - soweit der Horizont reicht. Der Ice Report sagt "Open Water". Angeblich können die Satelliten sogar Autonummernschilder erkennen, - nur Eisfelder von mindestens 50 Seemeilen Durchmesser anscheinend nicht. So langsam wird mir klar warum Herr Bush so viele Kolateralschäden produziert. Wahrscheinlich geht es theoretisch, doch in der Praxis funktionierten die Satelliten, wie wir feststellen müssen, eben nicht. Sonst wären ja auch alle Politessen überflüssig. Das würde dann ein Computer automatisch, deutschlandweit, gleich mit Satellitenbeweisfoto machen. Geht ja, theoretisch eben.
Aber jetzt der Reihe nach.
Von Tromsö zur Bäreninsel gab´s erst mal wieder was auf die Mütze, Nordwest 5-6 in Böen 7, See 3 Meter, Wasser 2, Luft 3 Grad Celsius, aber das sind wir auch nicht anders gewohnt und in unseren Überlebensanzügen ist es kuschelig warm. Obwohl, manchmal mache ich mir schon Gedanken, ob das noch als Erholungsurlaub durchgehen kann. Immerhin, nach einem Tag dreht der Wind dann auf Südwest 3 - 4 und wir können anliegen. Am Kap Kolthof, der Südspitze der Bäreninsel, bewundern wir einen rund 200 Meter langen, vom Meer durchgespülten Tunnel namens Perleporten. Fantastisch was Architekt Natur so alles baut. Kurz danach fällt der Anker auf 4 Meter in der Walrossbucht, die vor südlichen und westlichen Winden Schutz bietet und die einzige Stelle im Süden ist, an der man auf die Insel gelangt. Das Schlauchboot wird klargemacht und anschliessend starten wir eine ausgiebige Erkundungstour, immer auf der Hut vor Eisbären. Obwohl der Permafrostboden überwiegend mit dickem Firnschnee bedeckt ist, wachsen und blühen auf den freien Stellen schon verschiedene Pflanzen. Überall an den Felsen brüten Eissturmvögel, Krabbentaucher, Gryllteiste und andere Vögel, die fast ohne Scheu um uns herumlaufen und -fliegen. Das Miseryfjellet mit dem 536 Meter hohen Urd ist von mehreren Metern hohem Schnee bedeckt, der in der Sonne aufgeweicht ist und leider keine Besteigung zulässt. So begnügen wir uns mit dem Ausblick auf das imposante felsenbewehrte Bergplateau. Wir rasten auf einem moosbedeckten Hügel und in der warmen Sonne schläft einer nach dem anderen ein.
- Eisbär!!! Nein wir sind nur aufgeschreckt, aber so etwas darf nicht nochmal passieren, denn obwohl wir keine Spuren gesehen haben, lauert doch die Gefahr. Über das weitgehend schneebedeckte, hügelige Gelände lassen sich die Bären auch nur schwer ausmachen, sodass sie unbemerkt heranschleichen könnten.
Auf dem Rückweg besichtigen wir die Überreste einer bis 1908 betriebenen Walfangstation mit ihren Dampfwinden zum anlandziehen der abgeschlachteten Wale. Die Walknochen lassen auf grosse Beute schliessen. Die Walrosse wurden schon 1609 fast ausgerottet, an einem einzigen Tag bis zu 600. Der Rest wurde dann im 20zigsten Jahrhundert erlegt. Heute gibt es hier keine Walrosse mehr und vom einst zahlreichen Polarfuchs sind nur eine Handvoll übriggeblieben. Die fast ausgerotteten Vögel, bis 1970 wurden hier bis zu 70.000 Vogeleier jährlich gesammelt, sind Gottseidank wieder zahlreich zurückgekehrt. Anscheinend war es gar nicht so einfach diese Insel in eine leblose Welt zu verwandeln und es werden noch Jahrhunderte vergehen bis, unter den hier herrschenden Bedingungen, der ursprüngliche Zustand wieder erreicht wird.
Den zweiten Landfall machen wir bei Tunheim, einer im Nordosten der Insel gelegenen und im Jahr 1925 verlassenen Bergbausiedlung. Wir ankern in der ungeschützten Bucht. Das Anlanden an der einzig möglichen Stelle, einer Bachmündung mit 20cm groben Kies und steil ansteigendem 20 m breiten Strand, dessen Zufahrt durch Unterwasserfelsen versperrt wird, ist nicht ungefährlich. Nachdem wir das Schlauchboot den Strand hochgeschleppt haben, wandern wir über unwegsames Gelände, Bäche und weiche Schneegriesfelder zur ehemaligen Kohleverladestelle und folgen dort den Schienen der Lorenbahn nach Tunheim. Eine einsame Lore steht noch vor dem zusammengebrochenen Holzsilo, selbst die Schienen sind bereits durchgerostet.
Nach 2 Kilometern Fussmarsch erreichen wir Tunheim. Alles erinnert stark an eine verlassene Goldgräbersiedlung, oder an eine offenliegende Ausgrabungsstelle. Immerhin wurden hier insgesamt 116.000 Tonnen Kohle gefördert. Ein seltsames Gefühl stellt sich ein, wenn man sich vorstellt wie es früher hier wohl ausgesehen hat und unter welchen Bedingungen die Menschen damals gelebt haben. Das Gelände wirkt heute wie ein grosses Grab nach einem atomaren Unfall oder einer ähnlichen Katastrophe aus, leblos und dem Verfall preisgegeben. Nachdenklich machen wir uns auf den Rückweg, vorbei an der alten Telegraphenstation, die 1941 von den Briten gesprengt wurde.
Beim Ablegen ist wieder körperlicher Einsatz gefordert. Nach einer Fotorunde ums Schiff wird das Schlauchboot an Deck gehievt und gelascht. Anker auf und los geht's, - Spitzbergen voraus.
Endlich kommt der Wind mal richtig. Erst S 3 dann ENE drehend auf 6 kn. Wir segeln mit 9 kn ( das sind bei uns Seemeilen pro Stunde und nicht die zweifelhaften "Rekordspitzenwerte des GPS, 12 Kn 0.000000234 Sekunden die Welle runter o.ä.), uns gut westlich vom Sörkapp haltend, dem Südende von Spitzbergen entgegen. Am Ende erreichen wir sogar 9.9 kn am Wind, dank der immer kleiner werdenden Welle. Kurz danach ist dann auch die Packeiskante auf 75° 50´N in Sicht. Im Abstand von einer halben Meile folgen wir dieser, kleineren und grösseren Eisschollen ausweichend. Allerdings erwischen wir ab und zu schon mal Brocken von einer Tonne, die dann mit knapp 8 kn gegen den Rumpf krachen und unter oder seitlich am Schiff vorbeigedrückt werden. Das ist jetzt Ni mehr für Joghurtbecher! Mit der Zeit wird die Eiskante immer undeutlicher und wir durchqueren den einen um den anderen Eisriegel, der sich wie ein langer Finger ins freie Wasser streckt. Nur der letzte hört dann nicht mehr auf. Wie gesagt, das Eis reicht jetzt in allen Richtungen bis zum Horizont. Allerdings ist die Wetterlage stabil und der Eisbedeckungsgrad 3 bis 4 zehntel der Wasseroberfläche, so dass keine Gefahr besteht. Um es kurz zu machen, wir müssen am Ende auf unserem über 120 Meilen langen Zickzackkurs doch über 50 Meilen vom Land wegfahren und erreichen erst auf 77° 20´N wieder offenes Wasser. Unser erstes Ziel der Hornsund ist, wie wir feststellen müssen, leider gestorben, denn wir würden vielleicht durch das "Oben Drift IC" reinzogen, falls der Wind dreht, aber auf unbestimmte Zeit in der Eisfalle sitzen und Eispressungen ausgesetzt sein. Also steuern wir den wenig bekannten Bleust an, der noch eisfrei ist. Vorbei an der alten Trapperstation Calypsobyen gehen wir in Vestervaag am Rechercheuren (Brenn = Gletscher) vor Anker. Eine sagenhafte Kulisse im Sonnenschein: Gletscher, Eis und Berge. Dazu reichlich Eisbärenspuren, die uns erst mal vom geplanten Landgang abhalten. Nach dem Gute Nacht Single Malt ( einer!), verriegeln wir das Schiff von innen, denn für Eisbären, die gewöhnlich auf Packeiskanten und Eisberge klettern, ist es ein Leichtes, an Bord einer Jacht zu klettern. Ein Blick auf die Uhr verrät das es 03.30 Uhr Nachts ist, was uns bei dem strahlenden, wärmenden Sonnenschein gar nicht aufgefallen war. Die Tageszeiten spielen schon seit geraumer Zeit keine Rolle mehr. Man isst, wenn man hungrig ist und schläft, wenn man müde ist bzw. Freiwache hat. Nachts kontrollieren wir alle zwei Stunden die Eislage. Man kann durch den Schiffsboden das Eis vom Gletscher "singen" hören, ein Geräusch das etwas an eine singende Säge erinnert. Morgens, also ehrlicherweise eigentlich nachmittags um 14.00 Uhr, müssen wir Anker auf gehen, da Meereis in die Bucht gedrückt wird. Dabei werden wir ausgiebig von einer Horde Walrosse beäugt die neugierig ums Schiff schwimmt. Ein wirklich schöner Tagesbeginn.



Bleust, 06.06.05
Ost 6 bis 7, Kurs Nordost, Richtung Akselöya, einer langen schmalen Insel die wie eine Türe den An Mijenfjorden abriegelt. Dieser ist Mangels Welleneinwirkung und Wasseraustausch fast das ganze Jahr zugefroren.
Hier machen wir unseren ersten Landgang auf Spitzbergen, nachts um eins. Gleich am Ufer finden wir wieder Spuren von einem Eisbären. Die Abdrücke sind eindeutig, er saß hier und schaute auf Wasser. Wir sammeln eine Hand voll Eisbärenhaare aus dem Schnee und gehen vorsichtig weiter. Aufgrund der besonderen Lichtverhältnisse und des unübersichtlichen Geländes erscheint alles viel näher als es ist. Auf dem holprigen Permafrostboden und den eingestreuten Schneefeldern kommen wir langsam voran.
"Schnell da" ruft einer und alle zucken zusammen. Adrenalin fliesst in Mengen, links keine hundert Meter weg in einem Schneefeld sind sie. - Nein, keine Eisbären, es sind vier der seltenen Spitzbergenrentiere, die weis und nur etwa so gross wie Schafe sind. Sie sind genauso erschrocken wie wir und schauen uns vorsichtig taxierend an, bevor sie zehn Minuten später zügig an uns vorbeilaufen. Grosse Weideflächen auf der Ostseite der für hiesige Verhältnisse sehr grünen Insel bieten ihnen und den vielen Weisswangengänsen genügend Futter. So sehen auch alle sehr wohlgenährt aus.
Die ganze Insel scheint aus versteinertem Muschelkalk zu bestehen. Wir finden noch zwei alte Fuchsfallen von einer verlassenen Trapperstation und mehrere Rentierknochen und Geweihe, die von der einen oder anderen Eisbärenmahlzeit stammen.
Nach sechs Stunden sind wir müde zurück am Beiboot, füllen schnell noch unseren Wasserkanister, entladen die Waffen und fahren zu Tordas. Bevor wir in die Kojen kriechen kochen wir noch schnell ein zehn Minuten Abendessen. Spaghetti in Meerwasser mit Pesto! Mmmhhhh, lecker! Na ja die ersten zwanzig mal zumindest, aber es geht halt enorm schnell! Guten appetit und Gute Nacht!



Fridtjovhamna, 07.06.05
Durch den Akselsund fahren wir in den Fridtjovhamna, eine Bucht an deren Ende der Fridtjovbreen liegt (Breen = Gletscher). Unser Anker fällt auf nur 4 Meter. Dies ist momentan ungefährlich, da die Bucht fast ganz von einem Meter dickem Eis bedeckt ist, sodass der kalbende Gletscher keine grossen Flutwellen erzeugen kann, die sich dann über flachem Wasser brechen und uns gefährlich werden könnten. Wir treffen hier auf die "Hav Tor" einen norwegischen Zweimaster mit Ziel Hornsund. Die Crew vertreibt sich die Wartezeit auf bessere Eisverhältnisse mit Skilauf auf dem Gletscher. Auch wir laufen entlang der Küstenlinie zu einer Seitenmoräne von der man einen fantastischen Blick über den Gletscher, die Abbruchkante und die ganze Bucht hat.
Auch dieser Ausflug ist wieder anstrengend, wir versinken fast bei jedem Schritt bis über die Knöchel in dem an der Oberfläche aufgetautem Eis. Um diese Jahreszeit besteht fast ganz Spitzbergen aus Schlamm und Schneematsch, dennoch ist das Frühjahr hier einmalig, mit den brütenden Vögeln, den Robbenjungen und den durch den Schnee brechenden ersten Blühten. Nachmittags gehen wir Anker auf und verholen in die nahegelegene van Muijdenbugta, wobei uns leider ein gemeinsamer Abend mit der "Hav Tor" Crew flöten geht, aber wir erliegen dem "Lockruf des Goldes" das es dort Gerüchteweise geben soll.
Nachts träume ich von den guten alten Zeiten, als ich noch mit meinem Freund Gilbert am Klondike Gold geschürft hab. Das waren Zeiten mann oh mann! Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern an dem ein abgerissener Seemann vor unserer Hütte auftauchte, ein verrückter Kerl, der anfing unsere Geschichte aufzuschreiben. Den ganzen Winter war er bei uns und hat Geschichten erzählt. Irgendwas davon muss an mir hängen geblieben sein. Davor war ich richtig schweigsam. Eines Tages war er wieder verschwunden. So plötzlich wie er kam. Mit irgendeinem Kanu den Yukon runter. Wir haben Ihn nie wieder gesehen. Als er weg war und keiner mehr Geschichten erzählte hab ich wohl damit angefangen. Weil es sonst so still war. Wir sind im gleichen Sommer auch abgehauen. In Dawson haben wir unseren Krempel an irgendso einen anderen Idioten verkauft, der noch blöder war als wir selber. Der glaubte immer noch, dass hier Gold zu holen sei. Unglaublich! Wir sind dann mit dem nächsten Schiff nach San Francisko, aber das ist eine andere geschichte. Wie hiess der Kerl noch gleich? Oh Verdammt ist das lang her! Mir fällt sein Name nicht mehr ein. Es war, - es war,... Hans, nein, aber so ähnlich, ja richtig jetzt weis ichs wieder, Londan, oder London, ich glaub er hiess Jack London!



78°02´Nord, 013°01´East, 08.06.05
Flaute! Spiegelglattes Wasser auf dem Arktischen Ozean. Ein für diesen Törn ziemlich seltenes Erlebnis. Nachdem wir erst mal des gerissenen Gaszug des Aussenborders reparieren durften, haben wir den ganzen Vormittag Gold geschürft.
Anfangs fleissig mit Waschschüssel im Bach das goldhaltige Sediment waschend, setzte sich mit der Zeit die These durch, die wirklich grossen Nuggets würden weiter oben am Berg vom Permafrostboden direkt an die Oberfläche gedrückt. So zogen wir voll Optimismus den Hängen entgegen. Unterwegs erschreckte uns wieder ein schlafendes Rentier. So ein Rentierhintern ist nicht wirklich auf den ersten Blick von einem Eisbärenhintern zu unterscheiden!
Ich will euch nicht zu lange auf die Folter spannen, allzuviele Nuggets waren es nicht. Geschleppt haben wir trotzdem reichlich, nämlich Treibholz zurück zum Schlauchboot, um unseren Brennholzvorrat aufzufüllen. Natürlich wurde auch unser Wasserkanister wieder mit frischem Gletscher Schmelzwasser gefüllt. Warum wir dauern Wasser schleppen?? Na weil es hier in den nicht vorhandenen Häfen auch keine Bunkermöglichkeiten gibt. Wenn in einer Seekarte Hamna steht so ist hier damit eine mehr oder meistens weniger geschützte Bucht gemeint in der man zwischen nicht eingetragenen Felsen seinen Anker baden kann und bei "heavy Squalls from the Mountains" über die Bedeutung von Formulierungen wie" calving ice from the gletscher should not be very troublesome" oder "particulary not good ground" grübelt. Der Sinn dieser Worte ist dann aber früher oder später selbsterklärend, meistens eine halbe Stunde nachdem man sich in die Koje gelegt hat und vom kratzen des Eises an der Bordwand wieder geweckt wird oder wenn man bei Niedrigwasser feststellt das die als "clear" bezeichnete Bucht nicht voller Robben sondern voller Steine ist und man keine Ahnung hat, wie man hier ohne Grundberührung reingekommen ist, geschweige denn wie man hier jemals wieder rauskommt. Aber deshalb ist unser Tordas ja auch etwas robuster gebaut und fängt nicht gleich an rumzubeulen wenn's von unten mal eng wird.



78°16´Nord, 014°00´East, 09.06.05
Seit Tagen begleiten uns die sphärischen Klänge des Eises und der Gletscher. Ein paar Gänse und Enten lassen von Zeit zu Zeit ihr Geschnatter über das von Eisbrocken bedeckte Wasser erschallen. Der teilweise bedeckte, endlos erscheinende Himmel macht das Bild perfekt.
Gestern abend segelte das Kreuzfahrtschiff "Bremen", bekannt durch die Freakwave die ihr im Südatlantik auf die Brücke stieg, an uns vorbei. Die Bremen freute sich genauso wie wir, soweit im Norden ein deutsches Schiff zu treffen. Sie startete am 31.05 ebenfalls von Hamburg und folgte unserer Route durch die Fjorde nach Tromsö und über die Bäreninsel hier nach Spitzbergen. Im Gespräch stellte sich heraus das auch Sie ihr Vorhaben, den Hornsund anzulaufen, wegen des starken Eisganges aufgeben musste. Ausser der Bremen ist wohl nur noch ein russischer Eisbrecher mit Chartergästen hier unterwegs. Allerdings sagte uns der Kapitän der Bremen, wimmele es im Sommer hier nur so von Kreuzfahrern. Wir waren auch sehr erfreut über das Angebot uns mit Proviant oder Ersatzteilen zu versorgen. Wenn die Bremen in vier Tagen wieder nach Süden läuft werden wir gerne nochmal auf das Angebot mit dem heimatlichen Bier zurückkommen.
Jetzt brechen wir erst mal zu einer Zodiaktour zum Esmarkbreen (Breen = Gletscher) auf, der schon verführerisch in der Sonne glänzt und nur auf uns zu warten scheint.
Leider kommen wir nicht bis zur Abbruchkante, bis ungefähr eine Meile vor der Wand ist noch festes Eis. In Eiskarten und Icereports wird dieses Eis als "fast ice" bezeichnet. Nicht weil es so plötzlich gefriert, nein aber es ermöglicht wegen seiner glatten Oberfläche doch ein schnelles Fortbewegen auf ihm. Packeis dagegen besteht aus vielen, ohne klettern unüberwindbaren, wirr übereinandergetürmten Eisschollen. Man stelle sich einen frischgepflügten Acker vor mit Furchen die ein bis drei, manchmal fünf Meter tief sind. Aber die Furchen verlaufen nicht so schön parallel wie auf dem Acker, sondern kreuz und quer. Nur wer das gesehen hat, kann die unmenschliche Leistung derer ermessen, die zum Nordpol gelaufen sind.
Unser "fast ice" sichert uns andererseits einen sicheren Ankerplatz, da die vom Gletscher abbrechenden Eisberge nicht auf drift gehen sondern darin feststecken. Ausserdem bügelt es die gefährlichen Flutwellen, die so ein herabstürzender Eisbrocken erzeugen kann, glatt. Sonst bestünde die Gefahr, dass uns die, auf dem flachen Ankergrund brechenden Wellen, überrollen.
Wir runden unsere Fahrt mit einem kleinen Spaziergang auf einer der Moränen ab. Dabei versinken wir manchmal bis zur Brust im Schnee. So muss es am Ende der Eiszeit auch in Deutschland ausgesehen haben.



Longyearbyen, Montag der 13.06.05
Borebuckta. Eisberg Voraus!!! Ein besonders schönes Exemplar glänzt in unserer Ankerbucht in der Sonne und der muss erst einmal bestiegen werden. Mit Steigeisen bewehrtem Überlebensanzug geht's los zur Fotosession.
Später am abend wird dieses Ereignis bei Pink Floyd, Bier, Wein, Apfelkorn und zum Abschluss ein paar kleinen Whiskey bei einer Bordparty gefeiert. Die Folge sind starke Seekrankheit und Malariaanfälle bei grossen teilen der Crew.
Das muss am Apfelkorn gelegen haben, das Zeug konnte ich noch nie ab!
Den 10 Juni streichen wir daraufhin ganz aus dem Gedächtnis und segeln am Samstag bei leichtem SW weiter.
Longyearbyen ist sozusagen die Hauptstadt von Spitzbergen. Hier sitzt der Sysselmannen (Gouverneur), die winzige Universität, Es gibt ein paar Geschäfte und Hotels, dazu alle Einrichtungen die man zum täglichen leben braucht. Am leben erhalten wird die Stadt (ca. 1650 Einwohner, im Winter weniger) durch den Kohleabbau, der in Verschiedenen Gruben auf Spitzbergen betrieben wird und zunehmend durch Wissenschaft und Tourismus.
Nachdem wir mit einmal festfahren einen Ankerplatz am steil abfallenden Ufer auf 17 Metern gefunden haben, machen wir erst mal einen Rundgang mit anschliessendem Einkauf. Unser Proviant lässt zwar wenig zu wünschen übrig, aber Milch und Salat sind trotz arktischen Temperaturen nur begrenzt haltbar. Es erinnert etwas an einen Western in einem Ort zu sein in den fast jeder mit einer Waffe rumläuft und vor der Bank eine Tafel steht auf der gebeten wird, um Missverständnisse zu vermeiden, nicht mit dem Colt an den Schalter zu gehen.
Nach einem ausgedehnten Mittagsschläfchen bis halb zwei, versuchen wir noch ein Feierabendbier einzunehmen, aber um zwei ist hier Sperrstunde und somit können wir zwar noch einen Blick auf die unglaubliche Spirituosensammlung des gemütlichen Kaffee Busen werfen (allein ungefähr hundert Single Malts stehen im Regal), zu trinken bekommen wir nix mehr. Schade! Beim vorbeigehen werfen wir noch einen Blick in die Uni, wo anscheinend noch gefeiert wird. Ein Herr in Anzug und Krawatte, offensichtlich ein Wissenschaftler oder Dozent, empfängt uns mit einem freundlichen "Fuck off, get away". Wir beschliessen daraufhin den Abschiedswiskey für Jan an Bord einzunehmen. Sein Flugzeug startet um acht Uhr morgens. Es ist das erste mal, dass wir jemand mit dem Schlauchboot zur Startbahn bringen. Dabei haben wir ein mulmiges Gefühl, weil wir im Eifer des Gefechts unsere Flinten zum Eisbären verjagen vergessen haben. Folgerichtig wird am Flugplatz nochmal mit grossen Schildern davor gewarnt, ausserdem stehen überall die berühmten Eisbärenwarnschider an der Strasse.
Nachdem wir, wieder erwarten, heil an Bord angekommen sind, legen wir uns erst mal "ne Stunde" in die Kojen. Fünf Stunden später ist nochmal Sightseeing angesagt, das Spitzbergenmuseum und verschiedene Sehenwürdigkeiten locken. Unter anderem erstehen wir Souvenirs für die Daheimgebliebenen. Der Rückweg zum Schiff wird gerudert. Nein nicht um was für die Figur zu tun, wir haben heute mittag auf dem Weg zum Strand mit dem Aussenborder einen (oder viele???) Stein erwischt. Ein Flügel des Propellers ist ein Stück abgebrochen, die anderen Zwei verbogen. Mit Schraubstock, Zirkel, Säge und Feile werden alle wieder auf gleiches Mass gebracht. Jetzt hat er einen Zoll weniger Durchmesser. aber bei der Probefahrt lassen sich keine nennenswerten Leistungseinbussen an dem übermotorisierten Boot erkennen. Den Abend verbringen wir gemütlich an Bord.
Montag Morgen. Zuerst zum Hafenmeister, dann zum Sysselmann um unsere Reiseerlaubnis abzuholen. Jeder der sich auf Svalbard ausserhalb der Siedlungen, sowie in den Naturreservaten und Nationalparks aufhalten will muss vorher eine Genehmigung beim Sysselmann beantragen die an viele, teilweise sehr aufwendige Auflagen gebunden ist. Da wir sozusagen eine Generalgenehmigung für ganz Svalbard haben, also überall hindürfen, haben wir nicht nur die scharfen Sicherheitbestimmungen zu erfüllen und geforderten Erfahrungsnachweise zu erbringen, sondern auch teure Versicherungen abzuschliessen. Geht doch mal zu einer Versicherung und versucht euch gegen "alle Risiken die mit einer Spitzbergenreise verbunden sind" ohne Kleingedrucktes und "Ausschlüsse" sowie "zu Wasser wie an Land" zu versichern. Die versichern eher ein Osterfeuer gegen Brand!
Nach den Formalitäten wird noch mal eingekauft. Jetzt sind wir bereits auf dem Weg nach Ny Alesund, der nördlichsten Dauersiedlung der Welt.



Ny Alesund, der 15.06.05
Vorbei am Prins Karl Forland, dem westlichen Bollwerk Spitzbergens gegen den rauhen Arctic Ocean, segeln wir nach Norden. Der Forlandsund ist noch durch Packeispressungen blockiert. Nach gut 120 Seemeilen mit Winden von 1 bis 6 Bf machen wir in Ny Alesund fest. Ernst, der Hafenmeister, heisst uns willkommen. Nun fragt man sich natürlich warum ein Ort mit ca 60 Einwohnern im Sommer und 25 im Winter, einen eigenen Hafenmeister braucht?
Na, weil letztes Jahr allein 150 Kreuzfahrer mit 28.000 Passagieren in Ny Alesund angelegt haben. Auch wenn ein schlauer Fuchs von ungeheuren Abenteuern erzählt, so ist die Arktis und Antarktis doch fest in Kreuzfahrerhand und an jedem Ort, der in irgendeinem Buch erwähnt wird, legen im Sommer täglich mehrere Kreuzfahrtschiffe an. Sie spucken hunderte von netten älteren Herrschaften aus, die alles Fotografieren und nach mehreren "isn´t it nice" und "may I take a foto of you with your Gun?" wieder ins "Zodiac" gehoben werden und an Bord verschwinden. Die Einwohner, übrigens alles Wissenschaftler, u.a. auch vom Alfred Wegener Institut aus Bremen, berichten das ihnen bisweilen schon Bananen und anderes Obst angeboten wurde, damit "die netten Jungs mal was richtiges zu essen bekommen". Ich weiss nicht auf wie vielen Fotografien ich als Mischung zwischen Trapper und Walfänger herhalten muss, nur weil ich nicht schnell genug um die nächste Ecke verschwunden bin, das erinnert schon etwas an einen Zoobesuch auf der anderen Seite des Zaunes. Wirklich wundersam ist es natürlich nicht wenn man bedenkt das schon Christiane Ritter (eine Frau erlebt die Polarnacht) vor 70 Jahren zu ihrer Überwinterung mit einem 1400 Passagiere fassenden Kreuzfahrer hierher gekommen ist.
Wir verlassen den Ort in Richtung Kohlenmine um uns die Überreste der nach einer Explosion 1963 stillgelegten Grube anzuschauen. Nicht das in Spitzbergen schon mal irgendeine der zahlreichen Minengesellschaften auf die Idee gekommen wäre etwas ihrer Hinterlassenschaften wegzuräumen. Bisweilen gigantische in der Landschaft verstreute Müll und Schrotthaufen zieren das Umfeld der alten Gruben und gelten als "Kulturdenkmal". Jedenfalls vermittelt dies hier einen lebhaften Eindruck wie es nach einer Grubenexplosion aussieht. An Folge des Unglücks trat 1963 die Norwegische Regierung zurück.
Wir werfen noch unsere Karten in den "nördlichsten Briefkasten der Welt und legen ab mit Ziel Magdalenenfjord.



Smeerenburg, der 16.06.05
Magdalenenfjord, ein muss für alle Spitzbergenfahrer und genau so sieht es auch aus. Auf Gravneset ist ein altes Gräberfeld durch eine Kette abgesperrt an der eine Informationstafel steht, von den Gräbern selber ist nix zu sehen. Zu sehen ist aber das Kiosk. Im Sommer ist hier extra ein Polizist stationiert und als Eisbären verkleidete Crewmitglieder sorgen für Stimmung unter den Passagieren. Wer als Individualurlauber nach Spitzbergen fährt und denkt er hätte am Ende der Welt seine Ruhe wird hier wo man jedes Schiff ungefähr 30 Seemeilen weit sieht eines besseren belehrt. Wohlgemerkt, wir sind die erste Segeljacht 2005, die Saison kommt noch. Aber wir sind ja auch nicht wegen den netten Nachbarn hier, sondern wegen der Natur und die ist einmalig. Es hat schon seinen Grund warum die Menschen ans Ende der Welt fahren. In der Touristenabsperrkette hat sich übrigens ein Rentier verfangen, zur grossen freude eines echten Bären. Die nächsten Kunstbären werden grosse Augen machen, wenn sie die Überreste der Mahlzeit entdecken.
Wir lassen uns durch den Landtourissmus nicht verdriessen und tauchen ab. Bei einer Wassertemperatur von 0° Celsius gehen wir dem Fjord auf den Grund. Dort sind es in 8 m Tiefe immerhin schon 4°C.
In Smeerenburg gehen wir vor Anker, wie oft in wunderbar klarem Wasser. Nach einem ausgiebigen Schlaf besichtigen wir die überreste der alten Walfangstation. Ab 1619 wurden hauptsächlich von hier aus in weniger als hundert Jahren die Wale vor Spitzbergen fast ausgerottet. Als sich der Wal- und Walrossfang nicht mehr lohnten waren Eisbären und Polarfüchse dran, und ganz am Schluss die Vögel (Daunen und Eier). Walknochen, Eisbären- und Fuchsfallen, die sich überall an den Küsten finden, leisten Zeugnis davon. Wie alles andere auch, konserviert die Arctis auch die vier Jahrhunderte Massaker, die natürlich bei uns auch stattfanden, man denke nur an die Hexenverbrennungen, die Ausrottung von Bär, Wolf, Ur, Elch, Luchs, Adler und der andauernde Kampf gegen den Fuchs. Nur die Spuren davon sind bei uns schon seit langem verschwunden. Und noch heute fahren mordlustige deutsche Jägerbanden in den Norden um Ihren perfiden Gelüsten zu frönen. Anschliessend können sie dann zu Hause berichten wie sie im "Kampf Mann gegen wildes Tier" halbverhungerte Kreaturen, von Einheimischen getrieben oder mit Ködern vor die Flinten gelockt, vom sicheren Geländefahrzeug aus niedergemetzelt haben. Echte Kerle halt!



Packeis, der 17.06 05
Das Schlauchboot fest an Deck verzurrt segeln wir? na klar, nach Norden! Unser Ziel ist der "Arctische Kontinent" Packeis von der fast doppelten Fläche Europas. Bei 80°37´Nord treffen wir aufs Eis, bei 80°39´ist schluss mit lustig. Weiter geht's nicht um diese Jahreszeit. Immer wieder ragen hohe Pressschollen über die hier ein bis zwei Meter Dicke Eisschicht heraus. In unendlich vielen bizarren Formen der Schollen sieht man eine andere Welt. Es wimmelt nur so von Trollen, Nessies, Sauriern, Einhörnern, Walen, und ich weiss nicht was noch die natürliche Eisbildhauerwerstatt Arctis hier geschaffen hat. Wir trinken ein Glas Champagner auf einer Scholle, an deren Kante Tordas beharrlich reibt. Das mehrjährige Eis ist verdammt hart und scharfkantig. Tordas fährt seit zehn Jahren ohne Antifouling. Das Resultat ist Erstaunlich! Teilweise haben wir ohne Putzen weniger Bewuchs als andere mit Antifouling. Allerdings muss man zugeben in der Ostsee zwischen Flensburg und Lübeck sind die Seepocken furchtbar. Dagegen ist in der Nordsee für mein Empfinden Antifouling total überflüssig, auch ohne Unterwasserschiff schrubben. Bei unseren Eisfahrten hinterlassen wir also keine Giftfahne im Kielwasser. Im Gegensatz zu Antifouling das schon nach wenigen Schollen vom Rumpf gekratzt wäre, sieht unser Unterwasserschiff wie frischpoliert aus. Die Vinyllackschichten werden aber auch nicht dicker davon. Aber es gibt ja jedes Jahr ein Schlag Farbe drauf und diesmal entfällt wohl das vorherige ( giftfreie weil kein Antifouling) Schleifen.
Nach drei Stunden im Eis haben wir noch lange nicht genug, man kann seine Gedanken ewig übers Eis gleiten lassen, aber wir müssen trotzdem weiter, bevor uns das Eis in seinen Bann und das Schiff in seine Gewalt gebracht hat.
Aber noch haben wie den Wendepunkt der Reise nicht erreicht.
Kurs Südost, am Horizont Nordaustlandet, die Hinlopenstrasse, die noch bis zum Rand voller Eis ist, der Wijdefjorden und Moffen. Diese atollartige fast runde, flache Insel mit ihrer Lagune ist einer der letzten Rückzugsorte der Walrosse. Sie darf deshalb im Frühling und Sommer nicht betreten werden.
Wir segeln weiter in den Woodfjord. Ein riesiger Eisberg glänzt metallikblau, nein völliger Blödsinn, eisbergblau in der unter den Wolken hervorscheinenden Sonne. Am Horizont rundum spitzgezackte hohe Berge, umflossen von unzähligen Gletschern. Mitten im Fjord stossen wir auf zwei Minkwale und eine Riesenpulk Dreizehenmöwen, die allesamt hinter einer grossen Wolke Krill her sind. Wir lassen uns inmitten des Spektakels treiben. Die Möwen machen ein Höllengezeter. Sie konzentrieren sich dichtgedrängt auf Kreise mit vielleicht anderthalb Meter Durchmesser an denen das Wasser zu kochen scheint. Der Krill schillert im glasklaren Wasser. Derweil ziehen die Wale elegant ihre Bahnen und übertönen mit dem Blass sogar die Möwen. Anfangs respektvoll Distanz haltend, kommen die ca. acht bis zehn Meter langen Tiere mit der Zeit neugierig bis auf eine Schiffslänge ans Boot, um kurz darauf gelangweilt davonzuziehen. Jetzt haben wir, nach einem Wechsel der Kassette (verdammt wo ist bloss die andere ???) und dem nur etwa zehn Minuten dauernden Zurückspulen derselben, worauf dann auch der Akku leer war und ebenfalls ausgetauscht werden durfte, die Videokamera in Anschlag. Die Aufnahmen zeigen ein phantastisch blauen Fjord und die fast perfekte Wasserlinie wird nur durch zwei winzige, mikroskopisch kleine Punkte ( den Walen ) gestört. Aber so ist es halt. Die wirklich grossen Dinge im Leben kann man nur live erleben. Da müsst ihr halt schon mitkommen.



Mushamna, der 18.06.05
Nachdem Herr Trinks, der hier unter dem Deckmäntelchen der Wissenschaft mit seinen Robbenschlachtorgien seine Blutrünstigen Triebe befriedigt hat, wieder weg ist, herrscht wieder Friede in der Lagune. Allerdings liegt noch genug Überreste herum um zu ahnen was hier passiert ist. In Ny Alesund gibt es neben High-Tech Laboratorien von vielen Nationen auch eine etwa fünfhundert Meter entfernt liegende Lagune, wo man alle erdenklichen Experimente unter wissenschaftlichen Bedingungen ausführen kann. Nur rumballern und das in den siebzigern durch weltweite Proteste eingestellte Robbenschlachten ist dort nicht gern gesehen, dafür muss man sich schon etwas besonderes einfallen lassen. Aber Herr Trinks und seine Kollegen werden den seit Jahrhunderten währenden Vernichtungskrieg gegen die Natur in Spitzbergen weiterführen. Bis auch der letzte Fuchs grausam in einer Falle verendet ist ( um den Pelz zu schonen), das letzte Schneehuhn von einer Schrotgarbe zerfetzt und der letzte Eisbär verhungert ist, weil er keine Nahrung mehr findet. Irgend ein Grund für das Schlachten findet sich immer, wie z.B. "die Erforschung der entstehung des Lebens im Eis".
Eine einzige Robbe lebt hier noch, die muss Ihm wohl durch die Lappen gegangen sein.
Die grosse gutausgerüstete Trapperstation, die einen Kilometer von Mushamna entfernt steht, findet in den Heldenaufzeichnungen auch kaum Erwähnung. Sie sieht ja auch "ganz neu" aus und stand zu Trinks Zeiten vielleicht noch nicht da? Deutschland ist weit und es gibt halt eine beleuchtete und eine unbeleuchtete Seite. Man muss sich nur richtig in Szene setzen.
Hoffentlich ist der Herr Professor jetzt nicht böse, wenn ich so an seinem Putz kratze, ich kann mich bestimmt nicht mit ihm messen. Gott sei Dank!



Grahuken, der 19.06.05
Eine Frau erlebt die Polarnacht. Wir stehen vor der tiefverschneiten Hütte in der Christiane Ritter überwintert hat. Sie sieht genauso aus wie auf den Bildern, man glaubt kaum das inzwischen siebzig Jahre vergangen sind. Eine in gebrauch befindliche Fuchsfalle, vermutlich von der Trapperstation in Mushamna, ist nicht weit von der Hütte. Frischgesägtes Holz ist aufgestapelt, den Spuren im Schnee nach zu urteilen war aber schon länger kein Mensch mehr hier. Die Spuren von Eisbär und Fuchs sind frischer. Etwa hundert Meter weiter steht inzwischen eine kleine, dixigrosse Wetterstation. Gedankenverloren wandern wir über Grahuken, sammeln ein paar Steine als Souvenir. Wieder an Bord beobachten wir zwei Rentiere. Es ist mir schleierhaft wovon sie in dieser Steinwüste leben.
Der Wetterbericht sagt seit Tagen dasselbe: Variable 4, mainly dry, risk of fog banks. Wir hatten erfreulicherweise erst zwei Nebelbänke. Unter Grossegel, Besan und Klüver motoren wir bei, na ja anfangs NNE 2-3, jetzt eher 0-1 nach Westen. Die warmen Quellen des Bockfjords konnten wir nicht besuchen. Eis! Fast der Ganze Fjord war noch zugefroren. Genau wie unsere Wasserleitungen heute Morgen. Eine halbe Stunde nachdem der Kaminofen brannte war der Eisgries wieder verschwunden. Zwar war es heute sehr warm, mit 5 bis 6°C flimmerte die Luft über den Steinfeldern von Grahuken, aber das Wasser mit -1°C kühlt durch die stählernen Schiffswände die Tanks. Durch den Unterdruck den die Pumpen erzeugen kommt es dann in den Leitungen schlagartig zur Eisbildung.
Fair Haven ist unser Ziel. Eine nach Westen offene Bucht mit zwei Meilen Durchmesser, zwischen vier Inseln an der äussersten Nordwestecke Spitzbergens. Starke Strömungen bis 5 kn setzten durch die Bucht. Man muss mit Fallböen von den zwei- bis vierhundert Meter hohen Bergen der Inseln rechnen. Der Ankergrund ist steinig und unrein auf zehn bis dreissig Metern Tiefe. Ein Paar grössere und kleinere Felsen durchbrechen die Wasserlinie Östlich der Buchtmitte. - Eben ein wirklich schöner Hafen, - an diesem Ende der Welt.



Fair Haven, der 20.06.05
In der Durchfahrt zwischen den Norsk öyane Inseln Ankern wir im Strom. Es gibt dort nur eine Untiefe mit 1,7 Metern, die wir aber trotz längerer Suche mit dem Beiboot nicht finden können. Der Stein ist jedenfalls nicht im Schwoikreis des Schiffes, das ist die Hauptsache. Mit den Seekarten ist das hier so eine Sache. Auf fast allen prangt der Stempel "old local Datum, WGS 84 positions can not be plotted directly on this Chart". Weiter unten auf der Karte wo normalerweise die Korrekturdaten für WGS84 stehen, liest man dann "Adjustments for plotting positions obtained from satellite navigation systems cannot be determinated for this Chart". Unser GPS ist hier also wenig hilfreich. Unsere elektronischen Karten stimmen mit den tatsächlichen Positionen schon gar nicht überein, da sind die Übersegler noch genauer. Wirklich lausig. Na ja, für wen sollte diese Küste auch vermessen werden? Aber ist ja auch nicht schlimm, Dank der nordischen Segelschule sind wir ja Experten in terrestrischer Navigation. Also schnell ein Paar Peilungen genommen, nochmal gelotet, dazu die Radarpeilungen und schon sind alle Zweifel ausgeräumt.
An Land besichtigen wir die Überreste der Tranöfen und den "Friedhof" dieser alten Walfängersiedlung. Schon erstaunlich wie die Menschen vor vierhundert Jahren auf diesen schmalen Geröllhalden vor den steilen Berghängen überleben konnten.
Vorbei an den vielleicht hundert Steinhügelgräbern klettern auf den "Utkiken", den Aussichtsberg. Nach Norden blaues Meer, in der Ferne erkennt man an den Nebelbänken die Eisgrenze. Der Kontinentalhang reicht hier bis an die Inseln, wenige Meilen davor ist es schon über tausend Meter tief. Im Osten die Nordküste Spitzbergens und im Hintergrund das Nordaustland bedeckt von Eis. Im Süden die "spitzen Berge" und Gletscher, Gletscher, Gletscher. Rund 60% von Svalbard, so der nordische Name Spitzbergens, sind davon bedeckt. Doch auch hier macht der Treibhauseffekt kein halt. Fährt man heute an die Gletscherzungen heran, stellt man fest, dass man eigentlich schon ein bis zwei Meilen hinter den auf den Seekarten eingetragenen Abbruchkanten von 1966 steht. Im Westen die Nachbarinseln, zwischen denen der "Fair Haven" liegt.
Nebel zieht auf und lässt die Landschaft noch gespenstischer erscheinen. Der süsslich, fettige Geruch des Waltrans liegt in der Luft, Man hört die Takellagen der Fangschiffe in der Bucht knarren und ächtsen . Die Männer rufen sich in seltsamen Sprachen Kommandos zu. Ein Wal wird mit Winden die Flosse voran an Land gezogen. Die Feuer prasseln unter den Zehn Öfen der Bucht. Menschen in seltsame Lumpen gekleidet laufen umher. Da, Schreie!
Eine Schmarotzerraubmöwe wird von den viel kleineren Küstenseeschwalben vertrieben und im Nu sind die Trugbilder der Vergangenheit verschwunden. Tordas liegt verlassen in der Bucht, das Schlauchboot gut vertäut am Strand. Vorsichtig laufen wir zwischen den überall brütenden Eiderenten den Hang hinab. Weiter unten rutschen wir den letzten Schneehang auf dem Hintern hinab.
Am nächsten Morgen, wurden wir von Stimmen und Schiffsgeräuschen geweckt. Aber so sehr wir uns auch bemühten etwas durch den Nebel zu erspähen, - wir waren allein in der Bucht. Seitdem hören wir wieder diese seltsamen Gesänge, von denen wir zuerst glaubten es seien die Gletscher. Es sind auch nicht die Wale oder Walrösser wie uns die Forscher aus Ny Alesund weismachen wollten. Ich weis nicht was es ist. Aber eines ist sicher! Es sind viele. Sie sind mal nah und mal fern und jeder an Bord kann sie hören, mal laut und mal leise. Kommen sie aus dem Meer? Oder der Erde? Sind es die Stimmen der Vergangenheit?
Wir lichten den Anker und fahren zwischen steilen, im Nebel dunkel drohenden Felswänden davon.



Björnhamna, der 21.06.05
Hinter Amsterdamöya wird die Sicht besser, der Nebel wabert jetzt ca. 20 Meter über dem Meer. Zwischen Felsbänken und Untiefen hindurch laufen wir Posthamna an. Dies war die letzte Station der alten Seefahrer, bevor sie in die Heimat segelten. Hier wurden Briefe für Heimat gesammelt, die von den "Südfahrern" mitgenommen wurde und die "Nordfahrer" legten die Post aus der Heimat hier nieder, die bei Gelegenheit abgeholt wurde. Der Hafen war von allen grösseren Fangstationen mit dem Ruderboot erreichbar und lag auf neutralem Boden. Dies war nicht unwichtig , da die ohnehin rivalisierenden Walfänger aus vielen Ländern und Städten kamen. Engländer, Holländer aus acht Städten, Hamburger, Marstaler u.v.a.m.. Teilweise wurden Kriegsschiffe Stationiert und um die ertragsreichen Fanggründe kleinere Seeschlachten ausgefochten. Selbst in dieser Lebensfeindlichen Einöde konnten die Menschen keinen Frieden halten.
Wir Schreiben Postkarten. Zusammen mit einer Nachricht für das nächste Postschiff wir alles in einer Flasche verkorkt. Mit dem Schlauchboot erkunden wir die Bucht. Schmelzwasser wird im Kanister gebunkert, wir besichtigen zwei sehr alte, zerstörte Trapperhütten. Wie bei allen Landgängen sehen wir auch hier Bärenspuren, von Meister Petz selbst ist jedoch nichts zu sehen. Auf dem Damm der Lagune liegen Unmengen von Treibholz und Walknochen. Auf einer Landzunge bei einem Steintürmchen deponieren wir unsere Flaschenpost. Die alte Poststelle ist nicht mehr zu finden, vielleicht wurde sie vom Eis ins Meer geschoben. In harten Wintern wird das Packeis über Uferstreifen und Landzungen gedrückt - die effektivste Planierraupe die man sich vorstellen kann.
Ein Rentier kommt vorbei. In der Lagune beobachtet uns eine Robbe. Vorsichtig nähern wir uns dem Strand. Da ist sie wieder, schaut neugierig was wir da so anstellen. Wir Filmen. Kopf raus, Kopf weg, ein Rundumblick, eine Flosse, weg. Eine halbe Stunde und wir haben genug Material. Wir gehen zum Schlauchboot stossen uns ab. Da ist sie. Direkt neben dem Boot. Wir rudern, wir rufen, werfen ihr eine alte Fischernetzkugel zu, sie spielt damit. Sie scheint sich zu freuen das endlich jemand mit ihr spielt. In dieser Einöde. Nach einer weiteren halben Stunde werfen wir den Aussenborder an und fahren langsam zum Schiff. Die Robbe hinterher. Mir wird klar warum diese lebensfrohen Geschöpfe so gern "gejagt" werden. Sie kommen heran und wollen nur spielen. Aus fünf Metern Entfernung trifft dann jeder "Heger".
Wir gehen wieder Anker auf und verholen nochmal zehn Meilen nach Björnhamna, dort ruhen wir uns erst mal aus.
Am nächsten Morgen, oder was immer das für eine Tageszeit sein mag an der wir erwachen, trinken wir nur schnell einen Kaffee bevor wir zur Landzunge am Südende der kleinen Bucht übersetzen. Eine Hütte am Strand, ein paar Fässer als Treibstoffdepot für den Hubschrauber vom Sysselmann( Gouvaneur von Spitzbergen), Ein Fass mit der Aufschrift " 200l, Vorsicht Treibstoff, feuergefährlich, HEER" und zweieinhalb alte Ruderboote, vorne gegen das Eis mit Blech beschlagen sind hier zu sehen. Wir steigen auf den namenlosen Berg, der hinter der Hütte liegt. Wie schon so oft finden wir vereinzelte Rentierknochen und Geweihe, Reste einer Eisbärenmahlzeit. Oben geniessen wir die Aussicht über den Smeerenburgsund. Tief unter uns erkennen wir die Stromwirbel im schmalen Fahrwasser, bald kentert der Strom, Zeit zum Abstieg. Nicht ganz ohne Hintergedanken haben wir diesen Berg gewählt. Vom Gipfel bis ans Ufer verläuft eine schöne Schneerinne. Nach dem ersten Versuch in Fair Haven sind wir schon voller Freude auf die Rodelpartie ins Tal. Und ab geht's! Steil in Schussfahrt mal Füsse, mal Kopf voran geht es im Sausetempo ins Tal. Hintendran immer Sheila, unser Bord-vor-Bären-beschütz-Hund, rutschend, sich in wildem Galopp überschlagend. Es gefällt ihr garnicht nicht die erste zu sein. Unten begutachten wir unsere Spuren. Wozu Überlebensanzüge nicht alles gut sind.



Ebeltoftbukta, der 22.06.05
Schiefergraues Meer liegt glatt und träge vor uns. Eine alte, sehr lange Dünung rollt von Südwesten an. Berge mit Mützen und Schals aus Nebelschwaden an Backbord. So stelle ich mir den Rand der Welt vor. Irgendwo hinter dem Horizont fliesst das Meer über den Rand ins Nichts. Wie mag es hier in der ewigen Nacht des Winters sein? Im Nebel und mit Packeis? Gedanken an Hieronimuss Bosch ziehen auf.
Eine kleine, kreisrunde, ungastliche Bucht taucht an Backbord auf. Wie mit dem Locher in die Küstenlinie gestanzt liegt sie da. Hamburgbukta. Die Einfahrt ist vielleicht 30 Meter breit, an beiden Seiten felsenbewehrt und soll zwei Meter tief sein. Bei halber Flut mit 2,1 Meter Tiefgang versuchen wir es. Hart setzt Tordas in der Dünung auf den nur 1,6m tiefen Felsen. Gut, dass er aus Cortenstahl ist. Schade, die Hamburgbukta verwehrt uns den Zutritt.
Krossfjord, Ebeltoftbukta. Alle sind erschöpft, schlafen ist angesagt. Der Morgen (?) empfängt uns mit strahlendem Sonnenschein. Landgang, wie immer mit dem ganzen Gerölle. Zwei Gewehre, Signalpistole, Munition, Fernglas, zwei Spiegelreflexkameras, Objektive, Videokamera, Stativ, Kekse, Wasserkanister, Hund, Hundeleine, Rucksack. Heute, weil so schönes Wetter, ist ohne Überlebensanzüge. Das Schlimme ist nicht die Menge an sich, sondern dass immer alles griffbereit sein muss. Nach zehn Minuten hängt einem alles um den Hals, eine gute Übung für alle die sich mal aufhängen wollen. Das Gewehr sollte immer ganz oben hängen, sonst lacht sich der Eisbär tot, wenn er bei der Knotenbildung um den Hals zusieht. Und das wiederum ist verboten weil Eisbären unter strengem Schutz stehen. Zumindest hier.
Wir finden die zerstörten Reste einer Wetterstation aus dem ersten Weltkrieg. Eine Hütte ohne Wände, ein explodierter Ofen in der Ecke, als Türschwelle ein Stein in den "Velkommst" eingeritzt ist, daneben liegt der alte Türriegel, das ganze Dach etwa 20 Meter weiter. Und natürlich die obligatorische Walfangstation aus dem 17ten Jahrhundert. Weiter hinten liegt der Friedhof. Einsame Steingräber in der endlosen Einöde. Ich stelle mich vor ein Grab das sich von den anderen abhebt. Es ist neuer, nur wenige Steine liegen auf der Holzkiste. Ein altes Holzschild ohne Schrift steht davor. Durch die breiten spalten des Sargdeckels scheinen die ausgeblichenen Gebeine des Unbekannten. Ich blicke zur alten Funkstation.
Irgendetwas stimmt nicht! Es ist schon lange Nacht, vielleicht einen Monat. Die anderen Beiden sind vor zwei Wochen losmarschiert zum Eingang des Fjords. Wir sahen dort in der Ferne die Lichter des lange ersehnten Schiffes. Es sollte schon vor zwei Monaten, vor Einbruch der Nacht hier sein. Es bringt unsere Verpflegung und Nachschub an Material. Unser Batterievorrat ist fast erschöpft. Einen Tag nachdem sie losmarschiert sind begann das Unwetter. Schnee, Wind, Schnee, Sturm, Schnee. Unvorstellbare Böen packten die Hütte, die Wände knarrten und bogen sich nach innen, die Pritsche wurde von der Wand gedrückt. Ich hatte Angst, dass die ganze Hütte trotz der dicken Drähte mit der sie ab den Felsen verspannt ist einfach weggeblasen wird. Je höher der Schnee lag desto weniger bekam der Wind die Hütte in seine Gewalt. Zuerst war es beruhigend, jedoch packte mich bald die Angst als ich merkte, dass sie nun bald im Schnee versinken würde. Holz und Kohle draussen an der Rückwand waren unerreichbar und mein Vorrat hier drinnen ging zur Neige.
Nach drei Tagen war alles vorbei. Das Ofenrohr schaute offensichtlich noch aus dem Schnee und ich hatte noch einen Rest Holz mit dem ich sparsam umging. Ich begann den Eingang freizugraben. Der Schnee füllte bereits den halben Raum und ich begann schon zu überlegen wohin damit, als ich endlich ins Freie stiess. Eisige Kälte hatte sich über das Land gelegt. -32° Celsius.
Die anderen mussten die Nothütte am Fjordeingang lang vor Einbruch des Sturmes erreicht haben und konnten sich mit dem Nachschub dort gut einrichten, aber mit Ihrer Rückkehr war erst in zwei Tagen zu rechnen, wenn der Fjord zugefroren war und sie mit Schlitten übers Eis konnten. Ich las jeden Tag die Instrumente ab, grub das Brennholz aus dem Schnee und versuchte ohne Erfolg die umgewehte Funkantenne aufzustellen. Und ich warte, seit einer Woche warte ich auf die anderen. Was ist geschehen?
Heute Nacht schneit es wieder und es ist warm geworden, -8°C. Und irgendetwas stimmt nicht. Draussen ist etwas! Es schleicht um die Hütte. Ein Eisbär? Eher unwahrscheinlich. Die sind jetzt draussen an der Küste, am Eis bei den Robben, nicht hier, wo es ausser Schnee nichts gibt um diese Jahreszeit. Die anderen? Ich rufe. Nichts. Ich fange an den Eingang freizugraben, es ist wieder alles zugeweht vom Schnee. Ein Geräusch! Am Ofenrohr. Irgendetwas ist über der eingeschneiten Hütte! Ich rufe, klopfe. Keine Antwort, aber jemand ist da, ich spüre es. Stimmen, sie werfen etwas ins Ofenrohr. Ich begreife - eine Granate. Die letzten Sekunden werden zur Ewigkeit.
Sie haben mich hierhergebracht. Es waren unsere. Im Frühjahr als der Schnee weg war, haben sie mich gefunden. Sie kamen, um zu schauen warum der Funkkontakt unterbrochen war und um endlich Nachschub zu bringen. Die Lichter in der Nacht, es war nicht unser Schiff. Es war ein anderes. Der "Feind". Sie haben mich hier eingegraben. Der Boden war noch gefroren. Sie sangen ein Lied von Helden. Dann sind sie gegangen. Jetzt liege ich hier zwischen den alten, deren Sprache ich nicht verstehe. Sie reden von Walen und Schiffen aus Holz. Ich denke an mein Funkgerät, das die Wellen in die Unendlichkeit zu den Sternen schickte. Es liegt zerstört zwischen den Steinen. Ich warte auf die Antwort der Sterne. Ich kann die Wellen hören, denke ich und gehe zum Strand, dorthin wo das Schlauchboot liegt.



Tordenskjöldbukta, der 23.06.05
Eigentlich sollte das ja mal "Tordas Gold Bucht" heissen, aber durch einen Übersetzungsfehler wurde dann Tordenskjöld draus. Wie selbstverständlich jeder weiss war dies ein berühmter Skandinavischer Admiral (oder irgendsowas, ich war damals im Unterricht gerade (wie so oft) Kreide holen). Im Norden wird die Bucht durch den Kanonenodden, im Süden durch den Marstalodden begrenzt. Oh Marstal, liebliche Stadt im Süden Aerös. Das Schifffahrtsmuseum dort würde hier sicher das eine oder andere Wertvolle Ausstellungsstück am Strand finden. Zur Abwechslung besteht das Land hier aus einer weiten, flachen, moosbewachsenen Ebene dem "Daudmannsland".
Als wir den steilen Strandwall erklommen haben sehen wir sie: Rentiere, Rentiere, Rentiere. Die müssen sich wirklich rentieren. Für unseren "ichbeschützeuchvordembösenBärBordHund" Sheila ist das zuviel. Sie rent hier hinter dem nächstbesten Rentier her, da gibt's kein Halten mehr. das Rentier trabt lustig voran, dreht sich ab und zu um, schaut ob der Hund auch hinterher rent, nimmt einen Bissen Moos und weiter geht's. Nach ungefähr zehn Minuten haben die Zwei, immer im Zickzack zwischen den anderen Rentieren herlaufend, den Horizont erreicht. Auf mein Rufen und Schreien kommen alle Rentiere von nah und fern angelaufen - nur der Hund nicht. Als die Rentiere bis auf zehn Meter ran gerent sind, fange ich an mir Gedanken zu machen was ich wohl tue, wenn sie mit ihren prächtigen Geweihen angreifen? Ich hab da so meine Erfahrung mit Ziegen und Schafsböcken, und das hier sind viele und auf ganz Spitzbergen gibt's keinen Baum und was wenn sie mich für einen Eisbären halten? Soll ich Rot schiessen? Oh Gott! Augen zu und ... uff sie sind stehengeblieben. Kurz bevor ich zum Gegenangriff übergegangen wäre! Na, die haben nochmal Glück gehabt!
Nur der Hund bleibt verschwunden. Es ist zwar eine Ebene und man denkt es sei sehr übersichtlich, aber in den Bodenfalten die man erst in zehn Metern Entfernung wahrnimmt und zwischen den sanften Hügeln kann man ganze Elefantenherden, quatsch, Eisbärenhorden verstecken. So wandern wir zwischen unzählig herumliegenden Rentiergeweihen und den Rentieren selbst, die auch von Ferne herbeieilen, sobald ich den Hund rufe, von Hügel zu Hügel, bis wir das Meer auf der anderen Seite sehen. Aber was ist das? Eis soweit das Auge reicht. Der ganze Isfjord liegt unter einem dichten Packeisgürtel. Oje, da müssen wir nachher durch.
In der Hoffnung Sheila sei bestimmt schon wieder am Schlauchboot kehren wir um. Nach zwei Stunden sind wir am Strand, vom Hund keine Spur. Wir überlegen. Jemand fährt zum Boot, die Bordwache informieren. Ich bleibe am Strand und stöbere durch die Überreste von? Na, habt ihr's erraten? Ja, wie wunderlich, einer alten Walfangstation.
Die Rentiere sind wie vom Erdboden verschluckt. Nicht eines ist mehr zu sehen. Ich frage mich warum und wohin sie so plötzlich verschwunden sind. Eisbär denke ich, und schaue mich vorsichtig um.
War da was? Ich schaue durchs Fernglas. Am Horizont bewegt sich was! Ich kann es nicht erkennen. Weg. Täusche ich mich? Da ist es wieder! - Sheila! Ich rufe, schreie, winke wild mit den Armen. Endlich, sie bleibt stehen schaut in meine Richtung, zögert, wittert, dann rennt sie los. Erlösung! Ich sah mich schon tagelang am Strand zelten, Hund suchen. Das Land ist weit. Grösser als Holland und Belgien zusammen, ca. 2000 Einwohner insgesamt, fast alle in Barentsburg, Longyearbyen und Ny Alesund und 3 bis 5tausend Eisbären. Die Rentiere hat wohl noch keiner gezählt.
Jetzt ist sie bei mir, mit hängender Zunge. Erst Begrüssung, dann Moralpredigt. Wir einigen uns darauf, dass es ab morgen wieder Dosen mit Rentier gibt, statt den verhassten Igittigitt Seefischdosen. Dafür keine Sondertouren mehr ohne Genehmigung!
Ich gebe einen Schuss ab, kurz darauf erscheint jemand an Deck von Tordas. Zehn Minuten später werden wir vom Schlauchboot abgeholt.



Longyearbyen, der 25.06.05
Das wäre geschafft. Ein kompakter Pfropfen "close drift ice" blockiert den Eingang zum Isfjord. Glücklicherweise war er nicht sehr breit nur ca. 5 Seemeilen. Nach drei Stunden hatten wir uns durchgedrängelt, geschoben und gezwängt. Trotz Flaute war das Eis dabei ständig in Bewegung, öffnete Spalten, schob sich zusammen, ein sich ständig änderndes Mosaik von grossen und kleinen Schollen. Um 1300 Uhr waren wir im Adventfjord und ankerten unweit der Servicepier von Longyearbyen. Schlafen, putzen, Wasser bunkern mit Kanister, Wäsche waschen, Strandkohle sammeln zum heizen. Die Kohle liegt hier überall rum. Unter den alten Transportseilbahnen ist an den schwarzen Haufen zu sehen wo mal eine Gondel abgestürzt ist und der ganze Strand hat einen schwarzen Streifen von angeschwemmter Strandkohle aus der wir uns die grossen Stücke für unseren Kaminofen raussammeln. Auch das langsam gewachsene Treibholz aus der Sibirischen Taiga, das in ganz Spitzbergen am Strand liegt, brennt vorzüglich, sodass es an Bord immer mollig warm ist. Um 00.00 Uhr war dann alles erledigt und am 25.06 um 01.00 Uhr stand das Empfangskomando am Flughafen. Crewwechsel. Diesmal haben wir auch eine Waffe dabei. Mit einer Stunde Verspätung, um 02.00 landete das Flugzeug und um 03.00 lagen alle nach einem willkommens Whiskey in den Kojen. Um 09.00 ist Wecken. Ein schnelles Frühstück und ab geht's zum Sightseeing und Einkaufen. Postkarten werden geschrieben, letzte Souvenirs besorgt und Unmengen von Milch, Brot, Marmelade (hier gibt's viel leckerere als in Deutschland), Grünzeug und Salat werden in Tüten und Rucksäcken zum Schlauchboot geschleppt. Zwei Rentiere laufen jeden Grasbüschel fressend mitten durch die Stadt. Nachdem an Bord alles verstaut ist, bringen wir als letztes Hardy an Land. Er verlässt uns hier leider. Traurig verabschieden wir uns, aber es ist ja nicht für lange, in zwei Wochen kommt er (stimmt doch Hardy, oder?) wieder an Bord.
Bei frischem Südost gehen wir Anker auf und segeln mit halben Wind dem Ausgang des Isfjords entgegen. Kommen wir wieder raus oder ist das Eis so dicht, dass es kein Entrinnen mehr gibt? letztes Jahr um diese Zeit war der weite Isfjord fünf Wochen lang durchs Eis blockiert. Keiner kam rein, keiner raus. Die Eiskarte verspricht nichts Gutes.



Auf See, der 26.06.05
Wir haben Glück! schon unterwegs hören wir von dem Forschungsschiff "Professor Malchor" aus Murmansk das der Ausgang des Isfjord Eisfrei ist. Wir beschliessen daraufhin noch einmal die Ymerbukta am Ende des Fjords anzulaufen, um noch einmal richtig auszuschlafen und Kräfte für die Überfahrt nach Norwegen zu sammeln. Ein letztes mal ankern wir vor einem Gletscher. In der Mitternachtssonne machen wir mit dem Schlauchboot eine Spazierfahrt in der Bucht und fotografieren die Robben auf dem Eis. Nach einer langen "Nacht" in den Kojen machen wir noch einen Abschlussbesuch an Land. Byebye Spitzbergen. Anker auf und los geht's. Ich bin innerlich aufgewühlt. Wird es eine gute schnelle Überfahrt? Viele Gefahren lauern unterwegs, Eis, Sturm, Seegang, Nebel, Bruch. Es dauert nicht lange und wir stossen auf Eis. Ein dünner Streifen lockeren Eises versperrt uns den Weg zum offenen Wasser. Kein Problem für Tordas. Es sind die Überreste des vom Ostwind aus dem Fjord geblasenen Pfropfens der uns vor zwei Tagen die Einfahrt so erschwert hat. Nach zehn Meilen offenen Wassers stossen wir auf das von Süden heraufziehende Packeis. Mit langen dünnen, scharfen Fingern greift es nach uns. Ich muss an Freddy Krüger denken. Nightmare on Elmstreet. Aber es ist ja immer Hell hier. In einem grossen Bogen nach Süden folgen wir der Eiskante, die vierzig Meilen vor Spitzbergen verläuft. In der Ferne blasen ein paar Wale. wir segeln über der Küstenschelfkante, die Wassertiefe schwankt zwischen 200 und 2000 Metern. Hier ist das Lieblingsrevier der Pottwale. Langsam kommt der versprochene Nordost auf und wir setzten segel. Kurs Südsüdost, Bäreninsel voraus.



Auf See, der 27.06.05
Eis, Eis, Eis. Soweit das Auge reicht. Für uns ist es nicht gefährlich, wir fahren aussen an der Eiskante entlang. Die 565 Seemeilen Barentsee bis zur norwegischen Küste werden durch den weiten Umweg ums Eis mal eben zu rund 700 werden. Wir hatten gehofft eine kompakte Eiskante vorzufinden, aber die nordöstlichen Winde haben das Packeis am Rand zu einem Brei aus grossen und kleinen Eisbrocken zerweht. Mit langen Armen, gleich den Tentakeln einer riesigen Krake versucht uns das Eis immer wieder in sein inneres zu locken.
Folgt man diesen Eisausläufern gelangt man in immer enger werdende Fjorde deren Ränder aus locker gestreuten Eisschollen besteht. Am Ende ist kein "Fahrwasser" mehr erkennbar, aber man kommt noch ganz gut ohne Berührung durch die immer grösseren Schollen. Dann erreicht man einen Punkt an dem ein schmales Band aus enggedrängten Eisbrocken den Weg zur nächsten Wasserrinne versperrt. Kein Problem, man kann sich leicht durch das kurze Stück drücken und weiter geht's. Irgendwann ist vom Masttop aus keine Eisspalte mehr zu erkennen. Noch fährt das Schiff schubsend, stossend und drückend durchs Eis. Der Kurs wird immer öfter von Eisschollen bestimmt, die das Schiff in die eine oder andere Richtung drücken. Inzwischen sind viele Stunden vergangen, ein Wenden ist unmöglich geworden, die Eisschollen bestimmen den Weg: Zurück geht nicht, zu gross ist die Gefahr Ruderblatt und Schraube zu beschädigen. Das Krachen der Eisbrocken wird lauter unter ächzen beginnen sie sich übereinander zu schieben. Vom Wetterbericht erfährt man das der Wind gedreht hat und zunimmt. Der über Kurzwelle herbeigerufene Eisbrecher, dessen Einsatz in etwa soviel kostet wie eine neue Luxusyacht, könnte bei gutem Wetter in drei Tagen hier sein und dem nächsten SAR Hubschrauber fehlen 300 Seemeilen Reichweite um hierher zu fliegen. Langsam beginnen an Bord Diskussionen darüber, ob das mit der Abkürzung durchs Eis eine gute Idee war und in der Ferne erkennt man wie sich die Eisbären das Lätzchen umbinden.
Wir halten uns schön am Rand, den Kurs von Eisfingerkuppe zu Eisfingerkuppe. Dünung setzt ein, das offene Wasser kann nicht mehr weit sein. Im Masttop entdecke ich eine grosse rauchgraue Möwe die zwischen Topbeschlag und Windex geklemmt dasitzt. Das hat noch kein anderer Vogel geschafft. Trotz des beachtlichen Geschaukels sitzt sie ganz ruhig dort oben und schaut mir in die Augen. Ich schlage im Seevogellexikon nach wer dieser möwenartige Vogel wohl sein mag. Da, ich hab's gefunden!
Der Name ist: Eissturmvogel!
Was, was will uns der Dichter damit sagen?



Noch immer auf See, der 28.06.05
Vor vier Stunden pappte sie über den Horizont. Die Bäreninsel - 55 Seemeilen Voraus. Seit einer halben Stunde ist sie wieder im Dunst verschwunden. Den ganzen Tag schon steht eine ekelhafte, chaotische Dünung aus Ostsüdost. 1,5 bis zwei Meter, einzelne Wellen an die drei Meter. Und Flaute. Das Schiff schlingert furchtbar, das Grosssegel schlägt wie wild. Opferwetter. Himmel und Meer sind grau in grau. Einmal besucht uns eine Schule von ungefähr zwanzig Delfinen und am Horizont sahen wir den Blas von Walen. Wenn die Dünung an der ungeschützten Küste der Insel bricht, sieht es schlecht aus mit einem Landgang. Viele mussten hier schon weiterfahren wegen Sturm, Seegang oder Nebel. Als läge ein Zauber der Unnahbarkeit auf ihr. Die 178 Quadratkilometer grosse Insel, ist rundum von einer Steilküste umgeben, die nur an wenigen Stellen, teilweise kaum breiter als 5 Meter, ein Anlanden und Erklimmen der steinigen Ebene zulässt.
23.00 Uhr, Herwighamna, die Anlandestelle der Björnöya Radiostation. Wir nehmen über UKW Kontakt auf und werden in die Station eingeladen.
Schnell ziehen wir uns um, wassern das Schlauchboot und los geht's. Am Ufer wartet schon Ted auf uns, er lotst uns zwischen den Steinen an den Strand. Auch Ted hat ein Gewehr geschultert und ich frage ihn ob Eisbären da sind. "You never know", im Winter bekam die Station Besuch von Zweien. Wir tragen das Schlauchboot hoch den Strand hinauf, es läuft eine unangenehme Dünung in die kleine Bucht, die sich an den Felsen und am Strand bricht. Tordas schaukelt wie wild und rupft unrythmisch am Anker. Wir laufen zur Station hoch, Sheila wird am Eingang festgebunden und begutachtet das wolfartige Heulen der gegenüber an ihren Hütten festgebundenen Grönlandhuskies. Waffen und Schuhe bleiben im Windfang. Drinnen wird uns im gemütlichen Aufenthaltsraum ein Kaffee angeboten während uns der Stationsleiter begrüsst. Allgemeines Händeschütteln. An der Wand hinter dem Fernseher hängt ein riesiges Eisbärenfell. Im anderen Teil des Raumes, der Bibliothek, steht eine Ledergarnitur vor dem offenen Kamin. Er wird mit Treibholz befeuert und brennt die ganze Polarnacht. Ted deckt das Stationsaquarium mit einem Tuch ab, die Fische sollen schlafen, schliesslich ist es schon Mitternacht. Anschliessend bekommen wir eine erste Klasse Führung durch die Station. Generatoren, Trinkwasserspeicher für den Winter, Partieraum, Poststelle und Minishop, Küsten- und Wetterfunkstelle, Wetterballonstation mit eigener Wasserstoffgaserzeugung, Erdmagnetfeldmessungen, Werkstatt, Fitnesstudio. Ted ist für die Wetterballons zuständig. Zweimal täglich, um 01.00 und 13.00 Uhr wird ein Ballon gestartet und steigt bis in eine Höhe von 25.000 bis 30.000 Meter auf, wo er explodiert. Während seines kurzen Lebens funkt er unaufhörlich Wetterdaten zur Station. Aus diesen Daten und denen anderer, überall auf der Welt verteilten Stationen wird unser täglicher Wetterbericht gekocht. Alle Gebäude sind durch lange Gänge miteinander verbunden. Es erinnert irgendwie an eine Forschungsstation auf einem fremden Planeten. Ich habe das Gefühl einen Raumanzug für draussen zu brauchen. Zweimal im Jahr kommt das Versorgungsschiff und die Crew von zehn Personen wird ausgetauscht. Ted kommt aus dem nördlichsten Ort Norwegens. In einem Monat werden er und seine Kollegen ausgetauscht. Nächstes Jahr arbeitet er auf der Station von Hopen. Diese, auch zu Spitzbergen gehörende Insel, liegt weiter im Osten und ist fast das ganze Jahr vom Packeis eingeschlossen.
In sicherer Entfernung liegt eine komplette Reservestation, geheizt und bezugsfertig. Bei Feuer oder einem anderen Unglück wäre die Besatzung sonst verloren. Nach einem Eintrag ins Gästebuch besuchen wir noch das winzig kleine, aber phantastische "Björnöya Museum", eine lose Sammlung von auf der Insel gefundenen Gegenständen, von Barents bis heute. Draussen fällt mir auf, dass wirklich alle Gebäude mit über die Dächer verlaufenden dicken Stahlseilen am Boden verankert sind. Als ob es Fesselballone wären. Wir gehen noch über eine kleine Brücke auf die andere Seite der Bucht, dort liegen die Ruinen der "Nazistation". Unweit davon liegt ein Wehrmachtflugzeug, eine Heinkel 88 zerschmettert am Boden. Sie hat 1944 die Kohlenmine Tunheim, die wir bei der Hinreise besuchten, zerbombt und wurde anschliessend von einem englischen Kriegschiff auf der anderen Seite der Insel abgeschossen. Auch der Krieg ist im Permafrost konserviert worden. Über den Gravodden, der Gräberlandzunge, kehren wir zurück. Am Strand liegen tausende Walrossknochen herum und Sheila schnappt sich noch schnell einen bevor es mit dem Schlauchboot zurückgeht.



Schon wieder auf See, der 29.06.05
Das Wetter ist weiterhin sehr gut, na ja, für arktische Verhältnisse halt. Wind West drei, Sprühnieselregen, mollige 2,5° Celsius Luft und Wasser, Meer und Himmel unterscheiden sich durch verschiedene Grautöne und die Sicht beträgt immerhin eine stattliche Seemeile. Das ist ganz schön viel, wenn man bedenkt, dass im Juli statistisch an zwanzig Tagen Nebel ist. Das ist also der Durchschnitt, d.h. es gibt auch gute Jahre mit nur zehn Tagen Nebel und schlechte mit, - aber lassen wir das. Unsere "gefühlte Nacht", sie begann heute um 06.00 Uhr, verbrachten wir im einzig eisfreien Hafen der Arktis. Sörhamna auf Björnöya. Das heisst nicht, dass es hier kein Eis gibt, aber aufgrund der Strömung gelangt es nicht in die Bucht. Hofft man wenigstens. Sörhamna ist eine von ausgehöhlten Felswänden eingefasste, hufeisenartige, nach Süden offene Bucht. Die um die Insel laufende Dünung verursacht darin wegen der Reflexion an den steilen Felsen einen ständigen Schwell. In der Westhälfte der ca. 400 Meter breiten Bucht kann man auf 5 bis 7 Meter Wassertiefe Ankern, die Ostseite ist mit Untiefen übersät. Vorsicht Fallböen! Man kann an dem etwa 300 Meter langen und 20 Meter breiten Kiesstrand spazieren gehen, die gut 30 bis 50 Meter hohen Felswände verwehren einem den Aufstieg auf die Insel. Ihr wollt wissen warum man sich das antut? Na, ist doch klar, das ist der beste Hafen (?) im Umkreis von 250 Seemeilen! Ausserdem bietet er durch die senkrechten hohen Felsen, die Höhlen, die Wasserfälle, die Brandung, das glasklare Wasser und die brütenden Vögel ein wirklich einzigartiges Ambiente. Wenn dann noch für einige Minuten die Sonne durch das Grau dringt und im Sprühnebel aus Brandung und Nieselregen einen Regenbogen über eine Höhle spannt, dann kann man sicher sein, dass dort ein Schatz verborgen ist. Doch Vorsicht! Wer der Versuchung nicht widerstehen kann, wird diese verwunschene Insel nicht mehr verlassen. Nur von wenigen Auserwählten lässt sie sich besuchen, einige davon behält sie hier. Als Warnung liegt eine einsame alte Taucherflosse vor uns am Strand, der Rest liegt wohl unter der Insel begraben.
Wir sammeln etwas Strandgut als Erinnerung und setzen unsere Schlauchbootrundfahrt fort. Wir fahren in Höhlen hinein und unter Wasserfällen hindurch, vorbei an einer Pforte, die das Meer in den Felsen gemeisselt hat. Ein Schiff nähert sich der Bucht. Es sind Fischer aus Norwegen. Selbst sie machen ein paar Stunden Pause an diesem wunderbaren Ort, einfach so. Wir halten einen kurzen Plausch ab und brechen dann auf, Richtung Süden. Nur noch 300 Seemeilen bis Tromsö!



Heute mal: Barentssee, der 30.06.05
Seit dreizehn Tagen segeln wir nach Süden. Davon sieben Tage durchgehend auf See. Aber noch immer liegt das Nordkap, das nördliche Ende Europas, weit im Süden. Bis zum Polarkreis ist es noch so weit wie von Helgoland nach Bergen. Wenn man von Helgoland zum Polarkreis segelt und dann noch mal die gleiche Strecke nach Norden und dann nochmal doppelt soweit wie von Sassnitz nach Bornholm, dann ist es nicht mehr weit zum Packeis. Oder andersrum, von dort aus ist Sibirien bedeutend näher als Hamburg. Mit diesen und anderen Gedanken vertreibe ich mir die Wache. Z.B. wer kennt Jakob van Heemskerk? Na keine Ahnung? Van Heemskerk war der Kapitän des Schiffes, das die Bäreninsel entdeckte und Spitzbergen wiederentdeckte. Und Barents? Offiziell war er nur der Lotse von Heemskerk. Wer auch immer die Hosen an Bord anhatte, Barents überlebte die Reise nicht und van Heemskerk hatte das Pech oder Glück nach Holland zurückzukehren. Und wie es so damals üblich war strich man nicht selbst die Lorbeeren ein, sondern überlies sie den Toten. Sowie ja auch Magellhaes (Magellan) nicht die Welt umsegelte, er hat lediglich die Strasse erfunden und starb vor der Rückkehr, sondern Juan Sebastian Elcano als Kapitän der Viktoria (wie auch sonst könnte dieses Schiff heissen), einem der fünf Schiffe mit denen Magellhaes aufgebrochen war. Tja, die waren noch edel und tapfer damals.
Kaiserwetter. 9, in Worten "neun"°Celsius Luft!!! Die Sonne lacht und luftige 3 Beaufort von Südwest. Aber meine gute Laune hält nicht lange vor. Schon gestern musste ich auf den anderen Satz Dieselfilter umschalten, obwohl dieser erst in Tromsö erneuert worden war. Ein Filtersatz sind bei Tordas zwei Patronen mit zwei Liter Inhalt. Das entspricht etwa dem Filtervolumen von acht Yacht üblichen Dieselfiltern. Wenn die so schnell dicht sind, dann ist was faul. Ich hab den so "supergünstigen Sprit" von Ny Alesund in verdacht! Die Erfahrung, dass supergünstig auch schnell teuer werden kann, haben wir schon mal auf Aaland gemacht. Damals war es Wasser und Dreck heute scheint es dünner Schlick zu sein. Glücklicherweise haben wir eine umschaltbare Doppelfilteranlage, deren Filter während der Fahrt gewechselt werden können und genau das hab ich grade gemacht. Jetzt sind alle vier Filter wieder OK, mal schauen wie lange das hält. Im Tank ist jedenfalls kein Bodensatz zu sehen. Leider muss der Motor mitlaufen, bis Trondheim sind es auf direkter Strecke 650 Seemeilen die wir in acht Tagen zurücklegen müssen. Und für Tromsö und die Lofoten wollen wir auch noch etwas Zeit haben, da kommen locker noch 50 Meilen dazu. Tja, drei Windstärken sind für dieses Pensum dann doch etwas wenig. Schade!



Arctic Ocean, der 01.07.05
Arktischer Sommer. Immer noch 8,5°Celsius an Deck. Man kann schon ohne dicke Klamotten draussen sitzen, einfach nur in Hose und Pullover. Der Tag fing schön an. Um Punkt 00.48.38 nahmen wir eine Mitternachtsbreite mit dem Sextanten. Beobachtete Höhe 04°42,5´. Wer weiss wie es geht, kann ja mal Nachrechnen auf welcher Position wir waren, die anderen kommen einfach im Herbst in unseren Astronavi- oder SHS - Kurs. Kurz darauf war Fotosession mit einer Schule Weisseitendelfine die uns ein Stück begleiteten. Nur der Wind ist inzwischen gänzlich verschwunden, ölig glattes Meer breitet sich vor uns aus, dennoch schaukelt Tordas in der Dünung teilweise ganz ordentlich.
Pop! Pop! Pop! Da sind sie! Noch bevor wir die Breite des Nordkapps erreicht haben, poppen in über hundert Kilometer Entfernung die ersten weissen Gipfel der norwegischen Berge über die Kimm. Noch sehr klein und zierlich scheinen sie auf einer Dunstschicht über dem Horizont zu schweben. Es werden immer mehr! Pop, pop, pop, langsam füllt sich der ganze Horizont. Ein tolles Schauspiel am Morgen. Europa hat uns wieder, Norwegen wir kommen!
Wind! Wind! endlich Wind! Ost 4-5 strahlender Sonnenschein und -, ihr werdet es nicht glauben! Um wirklich ganz sicher zu gehen, dass wir nicht in den Tropen gelandet sind haben wir mehrmals unsere Position überprüft. Aber es stimmt wirklich: 11°Celsius an Deck! Ein zweistelliger Wert! Und das im Plusbereich! Unvorstellbar. Leicht bekleidet sitzen wir an Deck und geniessen das Leben. Endlich kann ich die Norweger verstehen, die mir immer, wenn ich in dicken Schichten Segelkleidung eingehüllt von Süden kam, im Bikini und Badehose bei frischem Wind und höchstens 15° Celsius entgegenkamen. Ich schwitze ja schon bei 11°C ganz fürchterlich.
Die Berge werden deutlich grösser, nur noch zehn Meilen bis zu den vorgelagerten Inseln.



Tromsö, der 02.07.05
Gestern abend kamen wir an in der Hauptstadt der Arktis. Der freundliche Hafenmeister, der übrigens rund um die Uhr zu erreichen ist und auch nachts mit freundlich nettem Smaltalk Strom legt, wies uns über UKW Kanal 12 einen Liegeplatz direkt an der Altstadt zu. Warum gibt's so was eigentlich in Deutschland nicht? Hier und auch in Schottland ist das Standard. Vielleicht fehlen uns einfach die nötigen Gesetze und Vorschriften? Das könnten doch aber nur ein paar tausend Seiten sein und die schaffen unsere Verwaltungsrechtler doch in wenigen Wochen. Also auf was warten wir noch? Überhaupt erscheint mir der Wassersport bei uns sehr unterreguliert im vergleich zu anderen Ländern. Die geltenden Bestimmungen füllen ja nicht mal einen Meter Bücherschapp! Wo soll da nur der nötige Ballast herkommen? Vielleicht sind wir deutschen deshalb solche Leichtwindsegler? Die Norweger scheinen da mehr Seemanschaft in der Bilge zu haben.
Wir liegen jedenfalls mit sagenhaften Blick auf die Eismeerkathedrale neben dem Polarmuseum. Nach der Hunderunde im schönen Stadtteil Skansen trinken wir in der wärmenden Mitternachtssonne noch ein Bier im angrenzenden Kneipenviertel. Von Freitag abend bis Sonntag mittag ist hier im Sommer Nonstop-Party angesagt. Wir übertreiben es nicht und fallen nach einem Bier hundemüde in die Kojen. Um 08.00 wache ich schweissgebadet auf. Eine stickige Hitze macht sich im Achterschiff breit. Die Sonne hat die ganze Nacht aufs Deck geknallt. Aufstehen, anziehen, Szene putzen, Einkaufsbummel. Alles im T-Shirt. Menschen sitzen halbnackt auf der Strasse vor den Kaffees. Welch ungewohntes Bild. Tagsüber klettert das Thermometer auf 22° im Schatten.
Nach dem Frühstück kommt der Skipper der Lowis vorbei. Die Lowis ist ein Traditionssegler aus Greifswald mit Ziel Svalbard. Wir tauschen Erfahrungen aus, und plauschen eine Weile. Anschliessend ist Stadtbummel und Sightseeing dran, unsere Crew ist schon ganz neugierig und hat einen strammen Tagesplan mit Polarmuseum, Eismeerkathedrale, Aussichtsberg u.v.a.. Uns besuchen Bekannte, die jetzt in Tromöo leben und vorher lange auf Svalbard gearbeitet haben. Es gibt viel zu erzählen und wir verbringen einen netten Nachmittag zusammen.
Erste Pläne für eine Wintertour mit dem Auto durchs tiefverschneite Norwegen zum Nordkapp machen sich in meinem Kopf breit. Nordlystour! Wer Lust hat kann mir schon mal ´ne Mail schicken, bis Hamburg steht der Plan. Die Reise wird im Februar stattfinden.
Abends machen wir noch einen Abschiedsbesuch auf der Lowis, sie starten am Montag und werden den Sommer mitnehmen nach Spitzbergen.
Wir müssen Tromsö schon wieder verlassen und starten kurz vor Mitternacht in einer einmaligen Abendstimmung, die die rote Sonne die ganze Nacht auf die Berge zaubert. Tiefgrüne Wälder, bunte Frühsommerwiesen und in der Sonne rotschimmernde Berge mit weiten Schneefeldern und weissgleisenden Sturzbächen, die rauschend über Wasserfallkaskaden in die Täler stürzen.
Einfach Bombastisch!



Kjerstad, der 04.07.05
Kjerstad liegt in dem Tjeldsund, der die Lofoten vom Festland trennt. Das geschwungene Fahrwasser führt durch eine Eisenbahnlandschaft aus dem Bilderbuch. Spitze Berge, steile Schluchten wechseln mit runden Hügeln und weiten Tälern in denen malerisch verteilt einzelne Bauerngehöfte und winzige Ortschaften liegen. Die Sonne scheint und alles leuchtet in satten Farben. Am Eingang eines kleinen Fjords, der von einer Hängebrücke überspannt wird steht eine Holzscheune mit einem Anleger, dort legen wir an. In der Scheune ist ein "Kiosk", das ist ein kleiner Stand an dem man "Vaffel og Kaffee" bekommt. Diese Kioske werden von Kindern und nur in den Schulferien betrieben. Dies ist sozusagen fester Bestandteil der Kindererziehung in Norwegen und Schweden. Das geht hier alles ohne Gesundheitsausweis, Schankgenehmigung, Gewerbeanmeldung usw. Komischerweise ist noch kein Norweger daran gestorben. Selbst die Kinderarbeit scheint die zehn- bis zwölfjährigen nicht zu traumatisieren. Beim Anlegen werden wir gefragt wie gross die Crew ist und zehn Minuten später reicht man uns einen Teller mit Marmelade bestrichenen Waffeln als Willkommensgruss.
Manchmal schäme ich mich bei dem Gedanken, wie wir mit ausländischen Gästen in unseren Häfen umgehen. Was sind wir doch für armselige Würstchen.
Wir haben unterwegs gekocht und als die Leinen fest sind essen wir im Cockpit mit Blick auf Fjord und Sund. Zum Nachtisch verdrücken wir mit Hochgenuss unsere Waffeln. Anschliessend drehen wir noch eine Hunderunde. Am Wegrand begleitet uns ein Blütenmeer. Auf der Hängebrücke bleiben wir stehen. Lange schauen wir in das klare Wasser, das von der Flut in Stromschnellen durch die Engstelle in den Fjord gedrückt wird. Es ist inzwischen 22.00 Uhr, aber die Sonne heizt uns noch so ein, dass wir den Tag mit einem Bad am Strand ausklingen lassen. Auch Bordhund Sheila geniesst das frische Kühl.
Um 06.00 klingelt der Wecker! Aufstehen, der Berg ruft! Raus aus den Kojen, die Wasserflasche und die Kameras eingepackt und los geht's. Noch am Abend beschlossen wir den Hausberg zu erklimmen. Erst laufen wir ein Stück die einspurige Strasse entlang, dann biegen wir ab. Eine sumpfige Wollgrasswiese muss überquert werden. Auf der anderen Seite beginnt der Aufstieg. Rundgeschliffene Granitfelsen von Krüppelkiefern, Flechten und Beeren bewachsen, führen bis auf ca. 600 Meter Höhe. Es ist höllisch heiss. Der Granit wird Rund um die Uhr in der Sonne gegrillt und kühlt nachts kein bisschen ab. Die Luft steht und Unmengen von Fliegen summen um uns herum. Von Zeit zu Zeit tun sich kleine Bergseen zwischen den Felsen auf, in denen sich Sheila Kühlung verschafft. Unten sah alles ganz easy aus, aber ich dachte es mir schon, es ist einer von diesen Bergen bei denen nach dem Gipfel, noch einer und noch einer und noch einer kommt. Oben ist es genau so heiss wie unten, selbst wenn man sich in einen Schneerest setzt schwitz man im T-Shirt. Der herrliche Ausblick entlohnt für alles. Hier ein Tal, da ein Tal, auf der anderen Seite ein Bergsee, hinter uns steile, schneebedeckte Berge, dort das Meer, tief unter uns Tordas, die Hängebrücke, ein schlangenartig gewundener Bach und die roten Dächer von schnuckeligen Hütten. Wir Ohhen und Ahhen, fotografieren, rasten und geniessen lange den Ausblick.
Unten macht der Kiosk auf, das ist unser Signal! Nix wie hin!
Der Abstieg ist beschwerlich, die Abkürzungen führen ins Aus, also wieder umdrehen und so weiter. Am Ende gehen wir doch den gleichen Weg zurück. Die Fliegen werden lästig, aber oh Wunder, je näher wir zum Schiff kommen desto weniger werden es. Am Kiosk sind alle weg und wir geniessen das Frühstück. "Is, Kaffee og Vaffler". Noch ein kleines Bad hinterher zum Frischwerden und Leinen los!



Nusfjord, der 05.07.05
Gestern Abend machten wir in Kabelvag fest. Die alte Stadt Vagan soll schon vor tausend Jahren hier gelegen haben. Es war damals die einzige Stadt nördlich des Polarkreises. Während eines Stadtbummels schauen wir uns die schönen Holzhäuser und die eine oder andere historische Stätte an. An unserem Anleger steht wieder eine Scheune, diesmal mit uriger Kneipe drin. Dort lassen wir den Abend bei einem Isbjörn Bier vom Fass ausklingen.
Wohlausgeruht kaufen wir am Morgen frische Brötchen ein, gefrühstückt wird im Cockpit. Um 11.00 brechen wir auf. In totaler Flaute und lähmender Hitze motoren wir zum Nusfjord. Gestern hab ich mir einen Sonnenbrand auf Armen und Schultern geholt. Was heisst hier eigentlich "nördlich des Polarkreises"? Heute abend um 19.00 Uhr, nachdem die Sonne schon zwei Stunden hinter einer 937 Meter hohen Felswand verschwunden war, lese ich noch 26°C Lufttemperatur am Thermometer ab. Das klare Wasser hat 18°C. Können da Nord- und Ostsee schon mithalten?
Der Nusfjord ist ein kleiner enger Fjord gesäumt von hohen Bergen aus massivem Granit. Die Ortschaft besteht aus ein paar Häusern und Fischerhütten, den sogenannten Rorbua. Alles sieht so aus wie vor hundert Jahren, ein Postkartenidyll. In dem winzigen Hafen liegt Tordas. Gegenüber, fünfzehn Meter weg, begrenzt eine ebenso hohe Felswand das Becken. Dennoch laufen die langen Dünungswellen, die überall von den Fjordwänden reflektiert werden in den schmalen, tiefen Felseinschnitt. Tordas hebt und senkt sich sanft und schwoit dabei an seinen Festmachern hin und her. Der Tidenhub beträgt hier ungefähr zwei Meter. Als sich abends ein Bus deutscher Touristen über den Ort ergiesst tauchen wir ab.
Pressluftflaschen, Anzüge, Flossen und Ausrüstung werden überprüft und angelegt, es macht platsch, ein letzter Check und wir sind in einer anderen Welt. Seeanemonen, Weichkorallen (tja, die gibt's hier auch und nicht wenige davon!), Seesterne, Krebse, Seeigel, Fische, - es wimmelt nur so von Leben. Bei gut zehn Metern Sichtweite fühle ich mich an meine Kindheit und die Filme von Hans Hass und Jaque Custeau erinnert. Es ist zwar schon halb acht, aber auch unter Wasser noch hell genug um die ganze Farbenpracht zu geniessen. Selbst hier unten ist das Wasser erstaunlich warm, der Norwegische Strom lässt grüssen. Was, den kennt ihr nicht? Das ist der, der als Floridastrom seine Reise beginnt, dann zum Golfstrom wird, dieser erreicht jedoch unter diesem Namen nie Europa, er heisst hier schon seit tausenden von Seemeilen Norostatlantischer Strom und hier oben eben Norwegischer Strom. Nach dem Tauchgang reinigen wir noch das Unterwasserschiff. Wie schon erwähnt segeln wir seit langem ohne Antifouling. Nebenbei sei bemerkt, dass die bei uns angebotenen "Giftfreien Antifoulings" immerhin so schädlich sind, dass die meisten davon in Schweden verboten wurden. Es ist halt nur ein anderes Gift drin, Wunder gibt es nur auf dem Papier!
Da Tordas immer in Bewegung ist, sieht sein Unterwasserschiff besser aus als das von manchem Hafenlieger. Aber wozu brauchen die eigentlich Antifouling? Die segeln doch eh nur ein paar Meilen im Jahr, da stören die paar Algen und Seepocken doch auch nicht mehr. oder?
Das Vorschiff ist noch "Ice cleaned" von Spitzbergen, aber am Heck ist ein zwei Zentimeter langer Algenbart, und den schrubben wir runter. Nicht eine Muschel sitzt am Boot! Nach insgesamt zwei Stunden sind die Flaschen leer und wir krabbeln an Bord.
Nach dem Umziehen brechen wir sofort auf, es ist noch ein langer Weg nach Trondheim und der Wetterdienst telext uns schwache Winde.



Unterwegs, der 06.07.05
Wie sich die Landschaft doch verändert! Als wir vor gut sechs Wochen nach Norden segelten war es hier kalt, überall lag Schnee, die Bäume waren kahl und der Kurs war am Wetter zu erkennen, Richtung Norden. Jetzt ist es heiss, auch auf dem Wasser seit Tagen über 20° Celsius, auf den hohen Gipfeln liegen noch Schneereste, sattgrün der Wald und die Felder, Blumenwiesen überall, die Luft riecht süss, der Kurs ist wieder am Wetter zu erkennen. Richtung Süden.
Vor einer Woche waren wir noch in der Arktis, auf der Bäreninsel und jetzt ist Schluss mit lustig. Um 14.25 haben wir den Polarkreis überschritten. Wir sind ins Reich der dunklen Nacht zurückgekehrt. Brrr, grauenhaft, igittigittigitt! Sechsundvierzig Tage und elf Stunden waren wir im Reich des Lichts, der Mitternachtsonne, und jetzt? Nacht! Kalte dunkle Nacht. Und noch nicht mal Polarlicht oder so. Einfach nur dunkel!
Aber war da nicht was? Etwas glitzerndes helles am Himmel? Dunkel, diesmal im wahrsten Sinne des Wortes, vermag ich mich zu erinnern. Sterne! Wie tausend Lampen funkeln sie am Firmament. Und der Mond erst, der seit Wochen nur fahl und matt um uns kreist. Hier herrschte ja auch Mittagsmond, sozusagen. Der geht nämlich auch nicht unter in der Arktis.
Die Milchstrasse, Sternschnuppen, Mars, Venus, Jupiter und Saturn, ahh herrlich! Hoffentlich wird es bald dunkel, ich kann's kaum erwarten! Der erste Sonnenuntergang! Und erst der Aufgang! Ich wusste schon gar nicht mehr was ich fotografieren soll! Aber jetzt wird alles wieder gut.



Unterwegs, der 07.07.05
Nebel! Früh morgens fing es an. In Brönnöysund, romantisch waberte der Nebel unter der Hängebrücke und dahinter pottendichte Sosse! Nur gut, dass unser Tordas bestens mit Navigationshilfen ausgerüstet ist und wir Spezialisten in Radarnavigation an Bord haben. So wird die Fahrt durchs enge Schärenfahrwasser nicht zum riskanten Trip. Für den Navigator ist die vierstündige Radarnavigaton einer Wache zwar anstrengend, aber es übt ungemein. Der Schirm ist voller kleiner und grosser Echos von den Schären, dazu kommen die Radarantwortbaken, die Seezeichen und ab und zu ein Schiff. Auch die Steuerleute sind gefordert, blicken sie doch konzentriert ins Nichts und versuchen dabei zu ahnen was sich hinter der grauen Wand verbirgt, immer darauf gefasst, dass ein kleines Boot vor dem Steven auftaucht. "Half Distance Rule" heisst das Zauberwort um Kollisionen zu vermeiden. Wie? Kennt Ihr nicht? Na, dann wird's aber Zeit für unser Radarseminar! Wer Radar hat, sollte auch verstehen damit umzugehen, die richtigen Schlüsse daraus ziehen und die rechtlichen Konsequenzen kennen! Sonst kann er´s gleich ausbauen und verschenken. Wir winden uns nun seit 90 Seemeilen durch den Nebel und jetzt, um 00.15 Bordzeit ist es schon wieder recht dunkel in diesen südlichen Breiten. Morgen Vormittag erreichen wir Trondheim. Ab und an liegt hier auch schon einmal ein Wikinger Langboot zwischen den Schären versteckt. Was bei uns der Jugendwanderkutter, ist hier das Langboot. Ich sitze hier mit gemischten Gefühlen. Morgen ist es soweit, ich muss Tordas verlassen, der Job in Hamburg ruft. Einerseits freue ich mich auf die Arbeit und meine Kollegen, andererseits muss ich mein geliebtes Schiff verlassen.
Ich und "Seehund" Sheila gehen von Bord und fahren mit dem Auto nach Hause. Mal sehen was Norwegen so im Landesinneren zu bieten hat.



Trondheim, der 08. und 09.07.05
Gegen 9 Uhr in der Früh machen wir am Gästekai im Skansenhafen von Trondheim fest. Motor aus und endlich ist Ruhe. Entspannung für die Ohren, denn seitdem wir die Lofoten verlassen haben, mußte der Motor laufen. Er tut zuverlässig seine Dienste und wir malen uns aus, wie es wohl war - damals - bei Flaute mitten auf dem weiten Meer ohne einen Scania-Motor und genügend Dieselbunker.
Wieder mal verabschieden wir uns von unseren Mitseglern und begrüßen die, die jetzt an Bord kommen, um mit mir das Schiff nach Kiel zu überführen. Der Gang durch die Stadt wird nicht langweilig, auch wenn wir schon einmal dort waren, heute jedoch begegnen uns keine rauhen Wikinger mit Schwertern in der Hand (15.05.). Wir folgen der Nidelva, die den Stadtkern umfliesst und kehren doch recht müde wieder aufs Schiff zurück. Am nächsten Morgen verabschieden wir Jogi und Sheila. Für ihn muss es seltsam sein, das Schiff zu verlassen, auf dem er bei dieser Fahrt nun gut 4200 sm zurückgelegt hat.
Für mich ist es auch seltsam ohne ihn weiterzufahren, gehören Jogi und Tordas doch zusammen. Aber ich freue mich auch ab jetzt noch zwei Wochen Zeit auf See zu haben bevor ich mit Tordas und den anderen in Kiel festmachen werde.
elke



Alesund der 11.07.05
Auch diesmal bleibt für Alesund nicht mehr Zeit als schon auf der Hinreise. Wir fahren mit Tordas zur Bunkerstation auf die Südseite der Stadt, um zu tanken. Währenddessen macht ein anderer Teil der Crew mit dem Beiboot eine Spritztour in die City und erledigt ein paar Einkäufe. Als das Dinghi, halb voll mit guten Sachen, zurück ist, hieven wir es an Deck. Es wird abgespült und für die weitere Reise sicher verstaut.
Auf gehts durch Sula- und Vartdalsfjord. Wir geniessen einen sonnigen Nachmittag. Sonnenbrille, Shorts und Sonnencreme sind das Equipment des Tages und die gute Laune steht allen ins Gesicht geschrieben. Leider ist der blaue Sommerhimmel nur von kurzer Dauer und am frühen Abend blasen uns die ersten Böen im Ausgang des Rovdefjords um die Nase. Mit der untergehenden Sonne erreichen wir Sandshamna, einen kleinen Hafen auf Sandsöya. Nach einer ausgiebigen Dusche im gemütlich eingerichteten Waschhaus, das keine Wünsche offen läßt, und einem kurzen Plausch im Cockpit verschwinden alle in die Kojen. Früh aufstehen ist angesagt. Denn die Fahrt an Stadtlandet vorbei wird, so die eingehende Wetterbeobachtung sehr frisch und wellig. Die schnell über die Berge ziehenden dunklen Wolken bestätigen uns die abgerufenen Vorhersagen.
Stadtlandet umrunden wir bei guten 6 Windstärken aus SW und See um 1,5 bis 2 m. Tordas meistert das Ganze souverän und wir freuen uns über Wind. Zwar müssen wir kreuzen, aber immerhin können wir segeln. Vor dem Eingang in den nächsten Fjord wird fleissig mitgekoppelt, um die der Küste vorgelagerten Untiefen in sicherem Abstand zu passieren. Florö erreichen wir fast im Dunkeln, trotzdem ist es im Hafen recht hell. Lauter Yachten und es ist schwierig einen Liegeplatz zu bekommen. Kein Vergleich mit unserem Besuch vor 2 Monaten auf dem Weg nach Norden mit zwei fast unbelegten Schwimmstegen. Naja, es ist eben Saison.



Florö - Bergen der 14.07.05
Am schönsten ist es durch die engen Passagen der kleinen Sunde zu fahren. Alles ist ganz nah und schöne Motive werden von unseren Bordfotografen (also, wir sind fünf Personen und es sind nicht nur Männer an Bord, doch der Einfachheit halber bleibe ich bei dem Masculinum, das aber auch mal weiblich sein kann) festgehalten. Man glaubt gar nicht was für ein Gedrängel es im Niedergang geben kann. Aber zurück zum schönen Sund. Die volle Konzentration des Navigators ist gefordert und jede passierte Tonne wird abgehakt. Abends lassen wir den Industriehafen Mongstadt an Backbord liegen und verschwinden wieder in einem dieser kleinen Sunde, dem Fonnesstraumen. Plötzlich sehen wir - geht die Sonne wieder auf? - eine helle Fackel am Horizont aufleuchten. Kommt sie vom gemeinen Öltroll, der in Mongstad wohnt und mit seinen Kumpels gerade beim Schein einer Öllampe ein Ölpfeifchen raucht? Ja, da bohrt der Mensch nach Öl wie ein Bekloppter und hat schon Sorge wegen der langsam schwindenden Ressource, und, warum geht uns das Öl aus? Aber bestimmt nicht, weil ab und zu ein Troll sich mal ne Öllampe anmacht.
Wachwechsel. Die Fackel der Raffinerie verschwindet achteraus und wir konzentrieren uns auf unsere noch nicht ganz nächtliche Nachtfahrt. Obwohl die Sonne bereits für längere Zeit hinterm Horizont verschwindet, ist noch etwas Restlicht da. Das Fahrwasser ist sauber betonnt. Außerdem steht hier auf jedem dritten Stein eine Lampe, damit auch Nichtnorweger den rechten Weg finden. Es kommt uns vor, wie bei uns zu hause die Straßenbeleuchtung. Kleine Buchten und Abzweigungen sind beiderseits unseres Weges auszumachen und wir sind ganz angetan von der ruhigen, abgeschiedenen Atmosphäre.
Einige Zeit später, als wir in Bergen ankommen, zeigt sich auch hier das gleiche Bild wie bereits in Florö. Wir drehen in einem vollen Hafen unsere Kreise. Die Yachten liegen dicht gedrängt beieinander wie Sardinen in der Dose. Was wollen die bloß alle hier? Nach langem Suchen finden auch wir eien Platz zum Festmachen und fallen erschöpftin die Kojen. Bis auf einen unruhigen Genossen, der wohl zu viel Leuchtfeuernavi hinter sich hat. Unruhig träumt er von den vielen Tonnen im sich dahinschlängelnden Sund. Und plötzlich, hörte er richtig, ertönte da ein metallisches, dumpfes Geräusch. Hatte er Tordas auf eine Tonne gesetzt?! Konzentriert sah er voraus ins Dunkel und entlang der Steuerbordseite schrappte nun eine unbefeuerte schwarze Untiefenbegrenzung. Erschrocken schlägt er die Augen auf und findet sich, - es war ja nur ein Traum -, in seiner Koje wieder. Das metallische Klopfen, in seinen Treum eingewoben kam wohl von frühmorgendlichen Hafenarbeiten... schlaf noch ein bisschen mein Lieber...



Bergen, der 14.07.05
Es gibt verschiedene Arten von Regen: Höhere Luftfeuchtigkeit, partielles Getröpfel, feinen Nieselregen, fadenförmigen Regen, starken Nieselregen, Regen mit kleinen, dicken und noch dickeren Tropfen und in diversen Mengen, strömenden Regen, wasserfallartigen Regen, Regenguss wie aus Kübeln, "it´s raining cats and dogs (seals)", etc.. Seit wir Bergen erreicht haben erleben wir unter einem Himmel, der nur ab und zu die Nuance der vorherrschenden Farbe Grau ändert, die meisten dieser Regenformen. Der Hafenmeister hat uns schon ganz vorsichtig gefragt, ob das Wetter denn noch zum Aushalten wäre. Auch die Frau vom Markt sprach von einem sehr verregneten Sommer für Bergen. Das wundert uns nicht sonderlich, denn Bergen hat ja den Ruf der regenreichsten Stadt Europas. So bleibt es bei einem kleinen Rundgang und dem obligatorischen Besuch der wiederaufgebauten Hansehäuser an der Bryggen, und vor allem des dahinter gelegenen Stadtteils. Dort kann man entspannt durch die kleinen Gassen mit den sehr alten Holzhäusern spazieren.
Abends wird der etwas groß geratene Lachs, frisch vom Bergener Fischmarkt, zubereitet. Das Essen in gemütlicher Runde ist eher ein Schlemmen. Überhaupt sind die kulinarischen Experimente, - meist vegetarisch -, aus der Bordküche fabelhaft. Und das trägt ungemein zur guten Stimmung auf dem Schiff bei. Am nächsten Morgen verlassen wir Bergen, aber der Regen verläßt uns nicht. Erste Vermutungen machen die Runde, ob jemand an Bord Besuch von seiner ganz privaten Wolke hat. Zwar gehen wir gut verpackt Wache, aber trotzdem ist wohl jeder froh dem Nieselfisel zu entkommen und sich unter Deck im Trockenen zu wissen, wenn die Zeit um ist.



Kristiansand und der Weg dorthin, 15-17.07.05
Wir lassen den Kamöysund hinter uns und rauschen mit 8 kn Richtung Egersund dahin. Der Wind bläst günstig und Tordas fährt wie auf Schienen. Im Egersund liegt die Bucht Tingelsaedet, in der unser Anker fällt. Schnell schwimmt einmal um Tordas herum, wer noch nicht die Gelegenheit hatte in einem norwegischen Fjord zu baden. Ein Prusten erreicht unser Ohr vom Wasser aus. Bei 15 Grad Wassertemperatur ist es noch recht kühl, aber unser Schwimmer macht unbeeindruckt die Runde komplett.
Ihr erinnert euch an den Waffenschrank mit Inhalt... Deshalb müssen wir beim Zoll auschecken. Deshalb sind wir hier. Aber leider ist heute Samstag und leider, leider sind die vom Zoll schon im Wochenende. Das erfahren wir auf dem Weg zum Anleger. Mit der Acht Uhr Fähre am Sonntagabend bestünde eventuell die Möglichkeit einen Zollbeamten zu erwischen, so die Infos per Sprechfunk. Wir lassen uns weitere Telefonnummern geben und recherchieren fleissig. Keine Reaktion am anderen Ende der wichtigsten Leitung. Ein ganz kleines bisschen nervt das...
Auf langes Warten haben wir keine Lust. Also fahren weiter Richtung Kristiansand. Uns erwartet noch immer der schöne 5-6er Wind aus NW bis W. Das forsche Segeln bei überwiegend trockenem Wetter macht allen ungeheuer Spaß - es könnte ewig so weitergehen...
In Kristiansand haben wir Zollerfolg und die Prozedur dauert letztendlich keine fünf Minuten. So einfach kann es gehen.
Anschliessend folgen wir der Empfehlung des Hafenmeisters und gehen zum Fischereihafen. Eine kleine von einem Kai eingefasste Bucht des vorbei fliessenden Flusses bildet das Hafenbecken, umrahmt von kleinen bunten Häuschen. Boote legen an und fahren ab. Damen mit knallorangenem Sonnenhut und Bikini sitzen plaudernd im Boot. Ein Hund hechelt ergeben unterm Sonnenschirm auf dem Achterdeck vor sich hin. Es ist ein schöner Tag, warm und sonnig. Wir frühstücken ein Eis und beobachten noch eine Weile das bunte Treiben.
Als wir zurück zum Schiff kommen, habe ich das Gefühl, dass Tordas schon ungeduldig auf uns wartet. Er möchte raus aufs Wasser und mit uns den guten Wind nutzen, um über den Skagerrak zu segeln.
Also, Leinen los!
Unsere Crew ist mittlerweile ein eingespieltes Team und alles läuft wie von selbst. Ich bin begeistert.



Der Skagerrak, 17./18.07.05
Frischer Wind trägt uns zügig über den Skagerrak. Am Abend läßt er etwas nach und allgemeines relaxen ist angesagt. Bei ruhiger Fahrt wird im Cockpit eine Partie Backgammon gespielt. Andere schmökern in den Büchern der Bordbibliothek. Dann folgt der Videoabend. Drinnen ist herzliches Lachen bei Bluesbrothers zu vernehmen, draussen läuft der Film "prächtiger Sonnenuntergang in orangerot". Ein Schauspiel, das "hach wie schön" von Seufzern begleitet wird und direkten Kurs in die Seele der Betrachter nimmt. Diese Abendstimmung kann keine Kamera und keine Technik der Welt festhalten. Aber der persönliche Speicher schöner Momente wird um einen weiteren gefüllt. Was will man mehr...
Morgens um 4 sieht die Welt komplett anders aus. Wir nähern uns dem verkehrsreichen Gebiet rund um Skagen und sind umgeben von Nebel, Nebel, Nebel. Das Radargerät muß ran und wir schliessen uns dem Chor der Schallsignale an. Um uns eine einzige graue Wand, aber wir sind ja gut in Radarnavigation geübt und so fahren wir in sicherem Abstand zu den anderen Booten durch die Suppe. Nach gut zwei Stunden lichtet sich ganz langsam der graue Nebelschleier um uns herum und bald passieren wir Skagens Rev. Als wir in den überfüllten Hafen einlaufen kommt die Sonne hervor. Ein fleissiger Gehilfe des Hafenmeisters flitzt mit dem Fahrrad heran und weist uns einen Platz zu. Sehr nett.
Für den Landgang ganz wichtig: Badehose nicht vergessen! Wir schlendern durch den Ort und springen dann mit Wohlbehagen in die angenehm warme Ostsee. Doch Vorsicht und Augen auf, denn Cyanea capillata, die gelbe Haarqualle, allgemein bekannt als Feuerqualle, war schon vom Schiff aus immer mal wieder zu beobachten. Und wie sollte es auch anders sein, als ich ausgelassen herumplansche trifft sie mich mit ihren nesselnden Tentakeln. Bis auf ein leichtes Brennen auf dem Arm bleibe ich verschont. Wer Cyanea kennt, weiß dass eine solche Begegnung auch unangenehmer werden kann.
Zurück auf dem Schiff entdecken wir rot-weißes Absperrband am Heck. Alles Ziehen und zerren hilft nix. Was tun? Ein zweites Bad nehmen. Schnell ist die ABC-Ausrüstung hervorgekramt, angelegt und abgetaucht. Bei näherer Betrachtung bestätigt sich die Vermutung. Das Band hat sich um Ruderblatt, Schraube und Welle gewickelt. Die OP geht reibungslos vonstatten und nach kurzer Zeit ist das Band entfernt. Endlich können wir mit dem Ziel Saeby, wo wir übernachten werden, ablegen.



Großer Belt, 20.07.05
Im Dunkeln erreichen wir die Insel Samsö. Ballen ist der erwählte Hafen für die Nacht. Aber es ist kein Hineinkommen, denn die die Boote stapeln sich fast bis zur Einfahrt. Also suchen wir uns draussen einen Ankerplatz wie die vielen anderen, die wir nach und nach in der Dunkelheit ausmachen können. Der Anker fällt auf 6 m und etwas Schwell läßt Tordas seicht auf- und abschaukeln. Aus der Ferne erreichen uns die Bässe aus dem Festivalzelt und wir sparen uns am nächsten Morgen die eigentlich geplante Wanderung auf der Insel. Nach dem Segelsetzen ist dafür ein Aufstieg in den Mast fällig, denn eine Segellatte ist aus ihrer Tasche gerutscht. Also, Gurt anziehen, das Klüverfall als zusätzliche Sicherung klarmachen und hoch geht's. Jeder Tritt bis zur Segellatte in Höhe der Saling ist ein kleiner Balanceakt. Oben angekommen ist neben dem Ärger über den ausgerissenen Lattenspanner aber eine herrliche Aussicht zu geniessen. Die Kletteraktion dauert bei mäßigem Seegang ne gute halbe Stunde und geht furchtbar in die Arme. Sei´s drum, denn nur wenn eine Reparatur sofort erledigt wird, bleibt das Schiff in einem Top-Zustand.
Danach gibt es zur Stärkung für das ganze Team Schokolade. Aber wo sind denn die neulich erst gebunkerten anderen 10 Tafeln hin? Schokolade sei das wichtigste Lebensmittel an Bord und "Schokolade macht glücklich" bekomme ich zu hören. Der sicherste Platz für Schokolade an Bord scheint der Anker tief unten am Grund des Meeres zu sein, oder wir müssen eine Schokoladenfabrik überfallen.
Egal, es brist auf und der nächste Regenschauer holt uns in die Realität zurück. In der Ferne tauchen zwei winzige Pfeiler auf. Sie gehören der Brücke des Großen Belt, die langsam aber gewaltig über den Horizont wächst. Viele von der Crew fahren nicht das erste Mal hindurch, aber jedesmal ist der Anblick dieses Bauwerks beeindruckend und wenn man schon zigmal ein Bild gemacht hat, macht man heute trotzdem wieder eins.



Kurs auf Kiel, 20. und 21.07.05
Abschied und Ausblick
Wir schlängeln uns entlang der Tonnen und in der Dämmerung von Richtfeuern geleitet der Stadt Faaborg entgegen durch den Svendborgsund. Der Abend ist ruhig und bedeckt. Zwischendurch besucht uns ein "kleiner" Regenschauer, wie von DP07 Seefunk bereits angekündigt. Ja, mit dem Empfang der Wettervorhersagen von vertrauter Stimme im heimischen UKW-Bereich rückt das Ende der Reise sehr nahe. Wir überlegen, wer von der Crew wie nach Hause kommt. Gemessen an Spitzbergen, Björnöya und den Lofoten, kommt mir die Küste hier direkt langweilig vor. Gemischte Gefühle. Für mich sollten drei Monate auf See ja erstmal wieder genügen. Das sollte man meinen, andererseits ist es schwer für mich mir vorzustellen das Schiff, das jetzt diese lange Zeit auch ein Zuhause war, zu verlassen. Zurück in die Stadt, in die enge Wohnung, mh. Ist das überhaupt auszuhalten? Da denke ich doch lieber über die nächste Reise nach. Schon machen sich meine Gedanken selbstständig und segeln aufs Wasser. Es hat schon was das große, unberechenbare und so faszinierende Meer. Natur- und Urgewalt. Die Wurzeln des Seins liegen dort draussen ungeschützt an der Oberfläche, keine Chance zur Flucht, man muß sich den Bedingungen stellen, und vor allem sich selbst. Ich lerne, erfahre und wachse jedesmal, wenn ich auf dem Wasser bin. Da spreche ich, glaube ich, nicht nur für mich. Tordas fährt, während ich mit meinen Gedanken in der Ferne bin, gemächlich dahin .
"Wo ist die kubanische Gastlandflagge?" höre ich vom Steuerstand her. Total vergessen, aber bei der Hitze hier kann niemand mehr klar denken. Weißer Rum, exotische Früchte, es riecht nach den kräftigen Havannas und im Hafen gegenüber unserem Liegeplatz hocken drei ältere Herren im T-Shirt und mit Flip Flaps an den Füssen vor der offenen, niedrigen Tür. Ich schaue in entspannte Gesichter, in denen ihre ganz eigene Geschichte geschrieben steht. Erstaunt blicken wir uns um und und sind wie gebannt von einem komplett anderen Lebenspuls in den Strassen. Offen werden wir angelächelt und freundlich empfangen. Nicht wie in unserem stocksteifen Deutschland, wo man als Neuankömmling verstohlen gemustert wird und wo der eigene Gruß, wenn überhaupt, nur mit kurzem in-den-Bart-Gemurmel, erwidert wird. "Mach doch mal einen Punkt in die Karte", tönt es vom Steuerstand. Ein schneller Blick aufs GPS 54°51,2 N; 10°12,1 W und die Seekarte S1 zeigt, - Moment mal - die Kieler Bucht. Tja, wir sind wohl doch nicht nach Kuba abgebogen...
Als wir dann in der Realität und in Kiel angekommen sind, ist die Stimmung etwas gedrückt und der Whisky zum Abschluß schmeckt irgendwie fad. Am nächsten Morgen heißt es "klar Schiff" machen und sich nach und nach von lieben Menschen verabschieden. Wir hoffen sehr, dass es allen Spaß gemacht hat und jeder seine Erlebnisse von Bord mit nach Hause nehmen kann. Wir haben jetzt noch eine Menge zu tun. Unter anderem wollen die zig Bilder sortiert werden, die später in einen umfassenden Törnbericht einfliessen.
Ja, und dann kommt die Vorbereitung für den nächsten Törn.
Wohin es geht? Vielleicht Schottland, vielleicht Norwegen, vielleicht Schweden, viellleicht eine Kombination von allem. Kuba wird es wohl nicht sein. Der Törnplan ist in Kürze auf der Website zu finden, versprochen. Vielleicht seid ihr ja nächstes Jahr dabei?!
Jetzt fährt Tordas erst mal ein paar Wochen auf der Ostsee, später auf der Elbe und steht auch wieder für Ausbildung und Fortbildung zur Verfügung. Gezeitensegeln, Radarfahrten, aber auch mal einfach nur ein Wochenende bis Helgoland und zurück stehen im Angebot. Wer dazu Lust hat, meldet sich einfach bei uns.
Das besondere dieser Reise?
Oft wurde ich gefragt, meistens von Journalisten, was denn nun das Besondere dieser Reise sei? Klar, eine Segelreise nach Spitzbergen ist heute keine Schlagzeile mehr wert. Es muss schon etwas Extremeres sein, z.B. Eisberg gerammt, Ruderblatt verloren, gekentert oder was sich andere sonst noch einfallen lassen um Presseaufmerksamkeit zu erregen. Ehrlich gesagt finde ich es nicht besonders mit einem freistehenden Ruder in der Barentsee rumzukurven und sich zu wundern, dass es abfällt, wenn man einen Eisbrocken trifft. Fahrlässigkeit gibt es allerorten.
Ganz besonders, - und ganz besonders dreist -, finde ich es dann schon, wenn die Yacht von diesen Heldentaten berichtet und von gut ausgerüstet und erfahren spricht, wo doch noch nicht einmal das für dieses Seegebiet unerlässliche Grenz - Kurzwellenfunkgerät an Bord ist. Wen erreicht man denn dort oben mit UKW? Da kann man wohl schon von besonderem Glück sprechen, dass ein russischer Fischer in der Nähe war.
Bei all diesen Schlagzeilen wird mir immer deutlicher was das Besondere an unserer Reise war und ist.
Wir sind gut ausgerüstet und vorbereitet mit einem geeigneten Schiff und erfahrener Crew aufgebrochen. Wir haben uns keinen unnötigen Risiken ausgesetzt, hatten jederzeit mindestens einen Alternativplan und haben immer nach dem Prinzip safety first entschieden. Während der 5200 Seemeilen auf Nordsee, Nordatlantik und Arktischem Ozean haben wir eine Pütz versenkt und unser Navtex hat aus unbekannten Gründen den Geist aufgegeben. Kein Problem, denn alle wichtigen Ausrüstungsgegenstände und Navigationsgeräte sind doppelt vorhanden. Selbst der Motor hat zwei Anlasser.
Ich segle schon sehr lange und habe schon so viele Stürme ( und Thekenstürme ) erlebt, dass ich es mir leiste bei mehr als sechs angesagten Beaufort im Hafen zu bleiben. Wir müssen keinem etwas beweisen, auch uns selbst nicht. Trotzdem erwischt uns oft genug schlechtes Wetter. Bei Seeetappen im Nordatlantik ist dies leider nicht immer zu vermeiden. Aber auch dafür sind wir bestens gerüstet. Wir sind nicht immer die schnellsten, aber wenn es die Situation erfordert und wir mal bei acht Bft und ordentlich Seegang gegenan müssen, dann gibt es nicht viele "Rennziegen" die uns folgen können. (Da ich aus eigener Erfahrung weiß, wie ungemütlich moderne "Cruiser-Racer" bei diesen Bedingungen segeln, - so sie es überhaupt noch können-, bin ich bei solchen Bedingungen besonders froh bei Tordas an Bord zu sein.)
Wir sind beileibe nicht die einzigen, die so segeln. Es soll sogar andere Schiffe geben, die Seehandbücher, Leuchtfeuerverzeichnisse, Gezeitentafeln, Stromatlanten und eine List of Radio Signals an Bord haben. Und sicher haben auch einige das Handbuch für Brücke und Kartenhaus an Bord, - allein ich hab noch keinen getroffen. Schade eigentlich!
Aber wer weiß, vielleicht wäre unsere Reise sonst gar nicht so besonders?
Doch, ganz sicherlich! - Sie war ganz besonders schön und sie hat besonders viel Spass gemacht! Wir haben besonders sonderbare Dinge erlebt und sind mit ganz besonderen Menschen gesegelt. - Bei diesen bedanke ich mich jetzt und hier ganz besonders. Es war klasse mit euch und nicht eine Stunde will ich missen. Und auch in Zukunft will ich mit euch segeln, mit euch allen, auch mit jenen die jetzt diese Zeilen lesen und nächstes Mal live dabei sein wollen, wenn wir zu neuen Ufern und Abenteuern aufbrechen,
- dahin, wo andere nie hinkommen!
bis bald, ich freu mich auf euch!
Jogi
Vielleicht erscheint euch so manches neben Sicherheit und guter Seemann(frau)schaft besonders verrückt, spontan, chaotisch, ein bisschen gesponnen und phantasiert, wenn ihr euch durchs Logbuch gelesen habt. Gut so. Denn gerade daraus webt sich das Leben zusammen und das Leben in den letzten drei Monaten an Bord habe ich eben so sehr genossen.
Erlebt es selbst und kommt mit!
Elke